Wieder verloren

Siegerin

„The best argument against democracy is a five minute talk with the average voter.” Winston Churchill

Bei der gerade überlebten Bürgermeister-Wahl hieß es in unserem Dorf: Der Kandidat, bei dem der Deutsche auftritt, gewinnt. Das war doppelt falsch. Es ist nicht mein umwerfender Charme, meine umfassende Bildung oder überzeugende Pädagogik. Nee, nee! Der Deutsche iss reich! ALLE Deutschen sind reich. Sie brauchen sich nur Euros von der Easybee (EZB) zu holen, und dann können sie sich 3 Handphones und 1 Stockfisch kaufen. Dabei hatte schon die letzte Kandidatin verloren, die ich (leider) unterstützte. Was war also passiert?
Die Kandidatin mit der Nr.2 gehört einem alten Pfingstler-Klan an, der schon einen Bürgermeister gestellt hat, der 23 Jahre lang erfolgreich regierte. Der einzig Geradlinige, den ich bisher in unserem Dorf kennenlernte, galt als arrogant und ging nachts mit der Peitsche durch’s Dorf. Genau das, was heute fehlt. Er starb mit Suharto, wie auch die Ära der oberflächlich geordnet erscheinenden Diktatur. Da gibt es viele, die mit diesem Klan nichts mehr zu tun haben sondern lieber vor sich hinanarcheln wollen. Doch ist die Kandidatin selber keine Spur von arrogant, bot jedem einen warmherzigen Empfang und schien zumindest die Andeutung eines intelligenten Konzepts präsentieren zu können. Vor ihrem Festzelt stand ein für das Dorf angeschaffter Ambulanz-Wagen bereit – im Falle des Sieges für alle von Nutzen. Ihr Mann installierte derweil Stromzähler, die nach der Wahl in Betrieb genommen werden sollten. Und tatsächlich lief ein ganzer Haufen der abu-abu (Graue = Wechselwähler) von Kandidatin Nr.1 herbei, als bekannt wurde, wo ich erscheinen würde.
Kandidatin 1 (Foto) ist Tochter eines Chinesen, der sich mit dem Kapital der Eltern fleißig und genügsam als Händler reich gearbeitet hat. Die Bauern leiden meist an Geld-Mangel und verpfänden deshalb ihre Grundstücke. So gelangte er nach und nach in den Besitz von 150 davon, oft mit den üblicherweise unzureichenden Papieren. Diese unter den Kindern aufzuteilen und Zertifikate zu erstellen, kostet viel beim Bürgermeister. Klugerweise wird man es also selbst und kann dann auch besser Urkunden fälschen. Z.B. die Unterschrift eines Verkäufers, der weder schreiben noch lesen konnte. Was mit ihrer Heiratsurkunde nicht stimmt, wird gerade geprüft bzw. nicht, weil der Kreisdirektor offensichtlich von der Kandidatin gekauft worden ist. Dieser Klan spielt Monopoly. Von den 2 dörflichen Hauptstraßen ist 1 schon fast in seinem Besitz. Die restlichen Eigentümer setzt man ein bißchen unter Druck oder versucht zu tauschen: Wählen die Moslems die Kandidatin, bekommen sie ein größeres Grundstück für eine neue Moschee. Und der korrupte Imam, für den bei dieser Transaktion gleich noch ein paar private Quadratmeter anfallen, ging promt herum und sagte seinen Kunden, wen sie wählen sollten. Darüber hinaus erschien die Synode und unterstützte betend, weil sie ihre protestantischen Kunden nicht an die Pfingstler verlieren will, denn Gott ist nun mal Protestant. Ansonsten hatte die Kandidatin nur das bereits beschriebene Terror-Musik-Programm zu bieten. Deren Ehemann wurde im eigenen Klan als „bela‘“ charakterisiert, was genau das bedeutet, wie es klingt. Der wird morgen 2.Mann im Dorf.
Die RICHTIGE Wahl war also eigentlich offensichtlich, doch führte keiner dieser Gründe zu Sieg oder Niederlage, sondern Kandidatin 2 hat einfach nicht genug GEZAHLT.
Die junge indonesische Demokratie ist ein trauriger Witz. Ich muß immer daran denken, wenn ich erfahre, daß westliche Regierungen Demokratie in Chaos-Länder wie Irak, Afghanistan und neuerdings Syrien exportieren wollen. Damals in Vietnam versuchten sie sogar auf bizarre Weise die Herzen der Menschen zu gewinnen. Dabei ist das doch ganz einfach: Man muß sie KAUFEN! (Spielt Obama denn nicht „Tropico 4“?)
Kandidatin 2 zahlte in der Anfangs-Phase des Wahlkampfs jedem vermeintlichem Anhänger 2x ~1EUR, in der Endphase (Serangan Fajar) 3. Manche schon gewonnenen Wähler warfen die Couverts entäuscht auf den Boden und trampelten noch darauf herum. Dann liefen sie zu Kandidatin 1 über, die in jeder Phase etwas mehr zahlte: anfangs 3 und am Ende 6EUR. Die letzte Strategie-Sitzung ihres Klans wurde belauscht (eine filmreife Mafia- Geschichte): Man hatte nicht mehr genug Geld und fing an zu streiten. Also ließ die Klan-Chefin, eine sehr einflußreiche Beamtin, ihre Beziehungen spielen und besorgte es. Kandidatin 2 hatte auch nicht genügend, und einige ihrer Verteiler „vergaßen“ sogar, die ohnehin zu dünnen Couverts weiterzugeben.
Es gibt auch gebildete Indonesier, die diese Wahl beobachteten, das miese Spiel durchschauten, und das Ergebnis (900 von fast 1800 Wahlberechtigten für Nr.1, 700 für Nr.2) wegen auffälliger rechlicher Verstöße für sehr anfechtbar halten. Ob das noch geschieht, darüber gibt es täglich sich widersprechende Nachrichten.

2 Gedanken zu „Wieder verloren

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