Die Clowns

Die letzte Bürgermeister-Wahl haben wir verloren, das Dorf ebenfalls. Wie sich später herausstellte, taugte unsere Kandidatin Jul auch nichts. Für das Dorf bedeuteten das 6 Jahre Korruption und Stagnation. Das soll nun anders werden. 2 Kandidatinnen stehen zur Wahl, und wieder fragen sich die Wilden: Wohin geht der Deutsche? Obwohl man mich nirgendwo auf der Welt wählen läßt – iss auch besser so – und trotz meines schlechten Rufs als hartnäckiger Ordnungshüter, ist mein Einfluß erstaunlich. Selbstverständlich wählen unsere Pächter, was wir ihnen vorschreiben. Wo kämen wir denn sonst hin! Sie fühlen sich unwohl, wenn wir sie stattdessen über demokratische Gebräuche aufklären, sondern wollen konkret wissen, wen sie wählen sollen. Üblicherweise droht ihnen Verlust von Arbeit und Wohnung, wenn sie dem Patron nicht folgen. Außerdem interessieren sie sich nicht für politische Programme, sondern nur dafür, was sie von den Kandidaten bekommen. Deshalb bietet die eine dümmliche aber reiche Kandidatin außer Geschenken nur ein tägliches Musik-Programm. Seit 4 Wochen. Bis morgens 0:30 oder auch 2:30. Man braucht nicht hinzugehen, weil man es noch in 1km Entfernung gut hören kann.

Foltergeraet

Mit solchen Foltergeräten werden hier private Parties ausgesteuert. Nichtsnutzige Roadies bauen Festival-Türme aus Boxen auf und machen Sound-Check, hörbar in der ganzen Region. Manchmal 3x am Tag für eine fest installierte Anlage, die jeden Tag an der gleichen Stelle in Betrieb ist. Das Ergebnis ist völlig übersteuerter Krach bis zum Anschlag. Als wir uns beschweren, heißt es: „Wir lassen uns doch nichts von dem Deutschen vorschreiben!“ Da ist die Entscheidung klar. Die andere Kandidatin, mit intelligentem Programm, reagiert sofort positiv auf unsere Beschwerde.
Eigentlich bin ich fertich mit moderner indonesischer Kultur und verkriech mich nur noch in meinem Dschungel. Doch sind beide Kandidatinnen begierig, mich als Zugpferd zu bekommen. Die Krach-Kandidatin erhält stattdessen eine Beschwerde in Form eines Radio-Interviews mit meiner Frau, was viel Aufsehen erregt (Protest-Kultur ist in Indonesien gerade erst im Entstehen.) und der Kandidatin Stimmen kostet. Und dann gehe ich auch zur wichtigsten Wahlparty ihrer Gegnerin, wo man mir im Festzelt gleich einen Ehrenplatz zuweist – in der stereophonen Kreuzungszone von 4 Terror-Boxen, die so laut sind, daß ich wirkliche Ohrenschmerzen bekomme und die Pointen des Clowns nicht nur aus sprachlichen Gründen kaum mitbekomme.
Die Clowns sind das Beste an solchen Veranstaltungen. Sie haben keine politische Überzeugung, sondern arbeiten für den, der sie bezahlt. Dabei bringen sie in einer Art Typisches ihres Volkes auf die Bühne, die mich auch immer wieder amüsiert. Bestes Bauern-Theater. Dieser ist kurz, dicklich und schwarz, wie man hier Dunkelbraun benennt. Gesicht wie ein Affe, besonders wenn er schmollend seine Lippen vorschiebt, und dann ein sympathisch strahlendes Lächeln mit perfekt weißen Zähnen. Schon als er sich hüft-schwulend auf die Bühne begibt, lacht die gewaltige Menge der Zuschauer. Wenn er vorher gewußt hätte, daß ich anwesend sein würde, hätte er mich gleich in seine harmlosen Witze eingebaut. Das kenne ich nicht anders. So fragt er nur begeistert:
„Aus Deutschland?“
„Ja, aus Deutschland!“
„ICH stamme aus dem Campung Ketam [Krabben-Dorf]!“ schmollt er – und alle lachen.

Anwar

Sein Konkurrent heißt Anwar (s. Foto) und arbeitet gleichzeitig für die Gegenkandatin nur 500m die Straße bergab. Jener ist als Christ großgezogen worden, dann Moslem und Leiter der örtlichen Jugend-Organisation geworden, hat dort Geld veruntreut, wurde aus der Moschee geworfen und lebt jetzt im Nachbardorf, wo er Mitglied der Dorf-Regierung ist. Ich kenne ihn von der Bupati–Wahl, die wir erfolgreich unterstützt haben.
„Der Anwar“, erklärt unser Clown, „steht ja weit unter mir. Der hat nur eine einfache Clown-Schule besucht. ICH hab auf einer für Inn- und Auslands-Einsatz gelernt. Bei der Bupati-Wahl hat mir Fransisca 1Mille [~66EUR] zugesteckt, aber Anwar hat nur 300.000 bekommen!“ LOL macht das Publikum. Geld ist das wichtigste und beständigste Thema für alle.
„Meine Frau ist ja SO hinter dem Geld her. Die riecht das sogar, obwohl ich es in meinen Socken versteckt hab. Ich sage dann immer, ich hätte nur 700.000 bekommen, und denn Rest tu ich in einen Strumpf, denn ich mit Papier bedecke, in eine Schublade, oben drauf noch eine Schublade, darauf ein Brett, auf dem der Fernseher steht. Doch dann fragt meine Frau: ‚Papa?‘ – sie sagt immer ‚Papa‘ zu mir. Wenn sie ganz lieb ist, ‚Papi‘. Doch wenn es Ärger gibt, nennt sie mich ‚Pipa‘ [Röhre]. Und wenn sie ganz wütend ist, ‚Paralon‘ [Plastikrohr].“ BRÜLL macht das Publikum. „Ja, und dann fragt meine Frau: ‚Was ist mit dem Geld, das Du unter dem Brett, wo der Fernseher draufsteht, in der Schublade unter dem Papier in dem Socken versteckt hast?‘“

Eigentlich sind sie alle Clowns. Jetzt wird geprüft, ob die Gegenkandidatin bei der Registrierung eine gefälschte Heirats-Urkunde vorgelegt hat. Und der korrupte Sekretär des korrupten Bürgermeisters, gleichzeitig Leiter ihres „Sukses-Tim und Mitglied der Wahl-Kommission, was nicht zulässig ist, wurde strafversetzt. Schon vorher hat unser Bürgermeister, dessen Amtsgeschäfte wegen der skandalösen Vorgänge bis zur Wahl vom Kreisdirektor wahrgenommen werden, ihm alle Stempel weggenommen. Auch durch Zeitungs-Berichte über die absurden Zustände in unserem Dorf wird diese Kandidatin täglich demontiert. Das bedeutet aber noch lange nicht, daß sie die Masse der korrupten Nachtschwärmer und Säufer verliert, die sie mit Gallonen voller illegal gebranntem Schnaps versorgt.

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