Jötheschonwieda

Divan

„ich propagiere deklamation in offenem, unpfäffischen ton, mit vermeidung sonorer kadenzen, crescendi und tremolos. falle dabei über goethes MAHOMETS GESANG her, dessen pantheismus, spiessertum und programm-musik (det janze stellt’n strom dar, hastenichjemerktwa?) mich abstösst.“
Bertolt Brecht (odamussichdenjetzauchkleinschreiben?)

Mich auch! Sein „West=östlicher Divan“, dessen eigenartige Verirrung in meine Bücher-Sammlung ich mich schlicht weigere zu erklären, war voll anstrengender Plüschigkeit, schwer verdaulich und auch höchst langweilig zu lesen. Dabei hab ich mir Mühe gegeben, weil mir deuchtete, daß dieser gleichaltrige Lustgreis mit seiner schwungvollen Liebe zu der 30jährigen, potthäßlichen Frankfurter Bankiersgattin Marianne von Willemer (1784-1860) mir vielleicht was zu sagen hätte. Staunend bemerkte er 1814: „Wer durfte wohl vor einigen Jahren verkünden, daß in dem Hörsaale unseres protestantischen Gymnasiums mohametanischer Gottesdienst werde gehalten und die Suren des Korans würden hergemurmelt werden.“ Damals verschwanden die Gäste wieder („Das Land, das die Fremden nicht beschützt, geht bald unter.“), und Goethe verschlüsselte seine Liebelei mit nahöstlicher Exotik:

So sollst du, muntrer Greis,
Dich nicht betrüben;
Sind gleich die Haare weiß,
Doch wirst du lieben.

Solange er nüchtern war, gefiel ihm das Schlechte. War er betrunken, wußte er das Rechte und stammelte Gereimtesodaichfressdich wie dieses:

Mich verwirren will das Irren;
Doch du weißt mich zu entwirren.
Wenn ich handle, wenn ich dichte,
Gib du meinem Weg die Richte!

Wenn ich mich vergesse
Unter der Zypresse, …

Wenn steigend sich der Wasserstrahl entfaltet,
Allspielende, wie froh erkenn‘ ich dich.

Ich liebe sie, wie es ein Busen gibt,
Der treu sich Einer gab und knechtisch hängt.

Ich fühle gern am Kopfe deine Hand.

Da liegt ein Ei, es ist kein Ei. Nein!

Anscheinend ahnte dieser frühe Blogger doch wohl schon, welch eine Plage sein Büchlein für manch einen sein würde:

Hat er es zierlich nett geschrieben,
Will er, die ganze Welt soll’s lieben.
Er liest es jedem froh und laut,
Ob es uns quält, ob es erbaut.

Dabei war er auch lärmgeplagt. Bei ihm wurde „beispielswillen jedoch“ zu stark „drommetet“:

Da wird dorthin das Ohr
Lieblich gezogen,
Doch um des Liedes Flor
Durch Lärm betrogen.

Offensichtlich sind die Probleme des geistich Weltreisenden internationaler Art:

Und wer franzet oder britet,
Italiänert oder teutschet:
Einer will nur wie der andre,
Was die Eigenliebe heischet.

Der Mann kannte die Ferne überwiegend aus Büchern. Nur so erklärt sich seine Beschreibung der Perser als „einem friedlichen, gesitteten Volke“. Jene besäßen „eine heilige Scheu, das Wasser, die Luft, die Erde zu besudeln“. Die Inder seien dagegen „ein verdüstertes Volk, welches gemeine Langeweile durch fromme Langeweile zu töten trachtet“. Gemein hätten sie allerdings den Hang zur Weichlichkeit, „sowie denn in den langen und weiten Kleidern auch etwas Weibliches angedeutet scheint“. „Die indische Lehre taugte von Haus aus nichts … Dagegen gebührt der christlichen das höchste Lob.“ Die Araber sind „beschränkt“. Auch sagt ihm die (bis heute anhaltende) allgemeine Unterwürfigkeit unter den jeweiligen Despoten nicht zu, obwohl sie die beste Methode darstellte, seinen Kopf an der vorgesehenen Stelle zu behalten. Doch immerhin wurde der schwule Mystiker Rumi (1207-1273) international der Zitat-Lieferant für sich der Harmonie verpflichtet fühlende, bloggende Hausfrauen, auch „wenn er sich ins Abstruse gewendet“:

Gesteht’s! die Dichter des Orients
Sind größer als wir des Okzidents.
Worin wir sie aber völlig erreichen,
Das im Haß auf unsresgleichen.

Oda war er doch mal eben ein bißchen in Indonesien? „Über die Halbinsel hinunter bis Java können wir nach Belieben, nach Kräften und Gelegenheit unsere Übersicht ausdehnen und uns im Besondersten unterrichten.“

Soll man dich nicht aufs schmählichste berauben,
Verbirg dein Geld, dein Weggehn, deinen Glauben.

Was den Koran betrifft, so schwankte Goethe wie sein sich entfaltender Wasserstrahl: „Grenzenlose Tautologien und Wiederholungen bilden den Körper dieses heiligen Buches, das uns, so oft wir auch daran gehen, immer von neuem anwidert, dann aber anzieht, in Erstaunen setzt und am Ende Verehrung abnötigt.“
Für den Alkoholiker Christian Dietrich Grabbe war „West=östlicher Divan“ einfach „ein fauler Hering“.
„Oh Herr! … bewahre mich vor der Bosheit der Menschen“ (Omarebnaddelasis) und nimm uns mit aufs Kamel – auch wenn die Hyäne lacht!

West-oestlicher-Divan

Koch-Gotha, „Aus sorglosen Tagen“, 1923

Freisinn” (1816). Auch von Jöthe!

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