Kurzporträts

von-Mikhael

Wenn man die Misere der indonesischen Gesellschaft verstehen will, so erklärt sich schon einiges aus der Kindererziehung bzw. Nicht-Erziehung in den ersten Jahren und der versuchten Über-Disziplinierung in den späteren. Ein Konzept ist dabei nicht erkennbar. Wo sollte das auch herkommen bei meist miserabler Ausbildung und der oft mit 15 beginnenden Kinder-Produktion. Und so überläßt die junge, dicke Mutter in der Pizza-Hut Manado das Besteck-Messer sorglos ihrem vielleicht 1½jährigen Sohn. Die Bedienung, die zwischendurch mit einem Kellner schäkert, Kriegen spielt oder zur disco-lauten Musik tanzt, hat gleich für einen Kinderstuhl gesorgt, und nun hackt das Kind mit dem Messer auf dem Riegel vor seinem Bauch herum. Das laute Geräusch, das dabei entsteht, berührt die Mutter nicht, die direkt daneben mit ihrem Handphone beschäftigt ist. Freilaufende Kinder machen sich in Restaurants gern durch schrille Schreie oder Sohlen-Gequietsche auf dem Fußboden bemerkbar. Noch lieber testen sie die großflächigen Scheiben, die wahrscheinlich nicht aus Sicherheitsglas bestehen. Ich hoffe drauf, daß der Junge mal nach der Mutter hackt, doch stattdessen versucht er nun, den Riegel durchzusägen. Zwar Wellenschliff, doch anscheinend nicht scharf genug. So fließt auch leider kein Blut, als er sich mit dem Messer im Mund rumbohrt. Das läßt sogar eine Augenbraue der Kellnerin hochzucken. Schließlich will der Kleine auch noch die Gabel haben, bekommt jedoch was zum Trinken.

Die Szene erinnert mich daran, wie die Zunge von Rulis Sohn mal in ihrem Handphone festklemmte, an dem er herumkaute – und schon steht sie hinter uns, als ich im IT-Centre gerade illegale Diwidies aussuche. Ich kaufe sie dort nicht, weil sie fast nichts kosten, sondern weil nur Raubkopien frei sind von den Beschneidungen prüder Moslems. Außerdem sind sie unsynchronisiert – was man in D wahrscheinlich gar nicht genießen kann. Die deutschen Stimmen sind jedenfalls in den YouTube-Beispielen, auf die ich manchmal stoße, grotesk verfälschend. So entgeht dem deutschen Hörer wohl auch der schräge Effekt, wenn amerikanische Schauspieler versuchen, deutsch zu sprechen. Das kann wiederum Ruli (42), gelernte Deutsch-Lehrerin, recht gut. Wir kennen sie schon lange aus verschiedenen Aktionen, und auch ihr Sohn Mikhael (9) ist wieder dabei, der sich – inzwischen sehr diszipliniert – zu uns an einen Café-Tisch setzt, Papier aus seiner Tasche holt und mich zeichnet. So geht das auch. Seine Mutter ist jedoch ein seltenes, gut ausgebildetes, unterbezahltes und als gymnasiale Englisch-Lehrerin unpassend beschäftigtes Exemplar der Minahasa. Sie hat es nicht leicht, sich durchzukämpfen, und kann die zahlreichen Probleme der indonesischen Gesellschaft kritisch reflektieren und auf Deutsch artikulieren. Nun hat sie auch noch unter einer ererbten Zuckerkrankheit zu leiden, die sie deutlich schlanker werden ließ.

Am nächsten Tag steht die zweitälteste Tochter unseres Hauptpächters vor der Tür und benötigt Leistungen ihrer deutschen Krankenversicherung. Sie leidet seit längerem unter rätselhaften Schmerzen in der Brust und Atem-Beschwerden. Der Dorf-Sanitäter meint, es wäre nichts Ernstes, obwohl das Mädchen, das – von uns finanziert – Krankenschwester lernt, sichtbar verfällt. Ob Krebs oder Knochenbruch, schon aus Geldmangel aber auch aus Überzeugung wird ALLES massiert. Meine Frau empfiehlt ihr, sich nicht mehr von ihrer Mutter massieren zu lassen, stattet sie mit Geld aus und schickt sie zum Röntgen.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s