Opposition Daily

Zucker

Feiner Zucker; rein & sauber

„Das einzige zuverlässige und immer wiederkehrende Element des Daseins war die Verdrehung und Umkehr aller Dinge, und darauf gab es nur eine vernünftige Reaktion: bitteres Lachen, dem Ekel nahe verwandt.“ Arthur Miller, „Zeitkurven“

Kurz nachdem ich „At Any Price” (2012) gesehen hatte, las ich den Artikel von Venkatesh Rao „The American cloud”. In beiden Fällen geht es um eine kritische Auseinandersetzung mit der amerikanischen Agrar-Industrie. Der Film von Ramin Bahrani zeigt eine Welt, die von Hollywood weitgehend ignoriert wird: Die industrialisierte Landwirtschaft ruiniert die Landschaft in optisch abstoßender Weise, macht Menschen zu Rädchen im kapitalistischen Getriebe und erleichtert ihnen dabei die Arbeit – sofern sie den Monopolisierungs-Prozeß überleben. Dennis Quaid, in Bestform in der Rolle des tragischen Henry Whipple, versucht sich als moderner Willy Loman in der technisierten Landwirtschaft durchzusetzen, während sein mißratener Sohn schon längst anderes im Sinn hat (fehlbesetzt mit Zak Efron, der – verglichen mit Quaids Minenspiel – wie gebotoxt wirkt). Die unangenehme, anti-natürliche Realität einer Produktion von Nahrung im computerisierten Ambiente aus Stahl und Plastik, mit genmanipulierter Saat und sich selbst steuernden Maschinen muß dem Verbraucher vorenthalten werden. Jener legt Wert auf die Illusion einer Landwirtschaft mit freien Hühnern, glücklichen Kühen und Handarbeit in frischer Luft. Dafür sorgt die Supermarkt-Kette „Whole Foods”, die wie ein Markt gestylt ist und wirkt, als sei alles handgepflückt. Damit reiht sie sich ein in die amerikanischen Imitate von Wirklichkeit, die schon mit Buffalo Bill Cody begannen, der den Wilden Westen in eine Show transformierte, und sich in „Water-Parks“ mit ständig zu ersetzenden Delphinen und nicht zuletzt in der Kaffee-Welt von „Starbucks“ fortsetzt. All diese Orte einer von Computern gesteuerten, scheinbar humanen Erlebnis-Welt geben dem User das Gefühl, er hätte noch eine Wahl im vorfabrizierten Angebot von Lebensgestaltung. Tatsächlich ist moderne Lebenserfahrung software-gesteuert. „There is no necessary relationship between what technology does and what humans want”, schreibt Rao. Während die Pioniere der neuen Medien noch davon träumten, daß „wireless“ Hochkultur zu den Massen bringen würde, „instead, it created popular music forms that ended up marginalising classical music. The internet was conceived as a communication system that could survive nuclear war; today we use it to trade kitten pictures … That’s an interesting-looking widget. I wonder what it’s for?”

Womit ich bei WordPress und dessen „daily“ Animationen angelangt bin. Ist WordPress ein menschheitsbeglückender Kreativ-Lehrgang oder ein Unternehmen, das auf Umsatz und Expansion um jeden Preis aus ist? Für letzteres darf sogar gegensätzliches Verhalten initiiert werden. Wichtig ist, daß Speicherplatz verbraucht wird – bis alle dafür zahlen müssen. Und so entsteht ein sich selbst unterstützender Regelkreislauf, in dem man Künstler sein und sich gleich selbst positive Kritik besorgen kann, sei es auch nur die durch Pingbacks geförderte Einschalt-Quote. In dem es auf Schnelligkeit und oberflächliche Massenreaktion ankommt, und man leicht vergißt, daß die Situation des Produzenten weitgehend virtuell bleibt, weil die flüchtige Resonanz des Publikums meist folgenlos ist. Gleichzeitig schwillt das weltweite Gelaber und die Produktion des immer Gleichen an ins Gigantische.

Sorry, Michelle, daß ich erst heute poste. Ich leide unter notorischem Eigensinn und lebe in einem anderen Rhythmus.

Reisproduktion

eigene Reisproduktion

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