Typisch

Singapore-Plaza

Singapore ist Asien für Anfänger. Dadurch daß die verschiedenartigen Volksgruppen ununterbrochen mit Ein- und Verkaufen beschäftigt sind, haben sich Chinesen, Inder, Malaien und Weiße schon derartig an eine international nivellierte Kultur angeglichen, daß man stellenweise nicht mehr erkennt, wo auf der Welt man sich befindet. Man muß sich dort nicht mit Asien beschäftigen sondern kann sich in einem irischen Pub, unter englisch sprechenden Brokern, deutschen Geschäftsleuten und in futuristischen Malls aufhalten, wie man sie inzwischen überall in der Welt findet. An „Erich’s Würstelstand“ in der Chinatown bekommt man „die letzte Currywurst vor dem Äquator“. In der „Riverside Point“-Mall, wo ich mich mit einem Müsli-Yoghurt im Kuppelbecher von der Vergasung erholte – das Öffnen dieser Becher hatte ich das letzte Mal in Bremen gelernt – setzte ein unzufrieden wirkendes deutsches Paar in kurzen Hosen ihre gewaltigen Rucksäcke ganz in der Nähe ab. Beide jung und ätherisch schlank, sie gerade noch erkennbar weiblich. Irgendwas schien bei ihm nicht zu stimmen. Sie half ihm, seinen Rucksack im Schuhkommoden-Format wieder zu schultern, zupfte hier, zog da, richtete seinen Hüftgurt, aber anscheinend litt der Mann. Schon der Anblick des Klotzes, den er trug, war quälend. Obwohl sie aussah, als ob ihr gleich was abbrechen würde, schulterte sie ohne Hilfe routiniert ihre eigene Rückenpackung und folgte ihm dann zügig weit ausschreitend in den Nebel.
Einige Tische weiter beobachtete ich einen undefinierbaren Typ: keiner dieser monoton verkleideten Funktions-Männer, aber auch keiner dieser Touristen, die immer wirken, als ob sie gerade vom Strand kommen. Er beobachtete mich auch, und als ich meine Brille wieder aufsetzte, merkte ich, daß es sich um mein Spiegelbild handelte.

Scentiments

Interessant ist für mich immer, wann der Schock der Rückkehr aus der Hoch-Zivilisation zu den Wilden einsetzt. Man erkennt sie auf dem Flughafen Changi schon an der Geräuschentwicklung. Und so fand ich im letzten Warteraum gleich 3 exemplarische Gruppen vor, die wie ich nach Manado wollten:
Da saß eine junge Malaiin mir gegenüber, die zuerst ausgiebig in der Nase bohrte und die Fundstücke auf den Teppichboden schnippte. Dann rieb sie sich mit der Hand im Gesicht herum, und als sie damit fertig war, hob sie einen Arm hinter ihren Kopf und schob den anderen in den Ausschnitt ihres quergestreiften Shirts. Anscheinend suchte sie etwas unter ihrer Achsel. Das fand sie auch, schnupperte dran und schnippte es ebenfalls wech. Danach war die andere Achsel dran. Offensichtlich litt die junge Frau an einer Haut-Krankheit, denn ihr manisches Kratzen und Scheuern setzte sich während der ganzen Wartezeit fort. Ich betete ein stilles Gebet bis 15, nicht im Flieger neben ihr sitzen zu müssen – was auch erhört wurde.
Neben ihr 2 klassische Frauen aus Nordsulawesi. Die eine schon an der Nasenwarze zu erkennen, diesem typischen Abzeichen jahrhundertelanger Inselzucht. Sie unterhielten sich – akustisch gut zu verstehen – über Heirat, Familie, Essen, Geld und Regen. Dann fotografierten sie sich gegenseitig in der Mitte des Gangs mit Handphone und Tablett, wobei sie neckische Posen einnahmen und kicherten. Völlig ungezwungen und doof, als ob sonst niemand anwesend war.
Die 3. Gruppe bestand aus relativ stillen, englisch sprechenden westlichen Kreuzrittern in Begleitung einer alten Indonesierin. Alle waren mit dunkelblauen T-shirts bekleidet – breite, rote, schräggestellte Kreuze drauf. Die Heilsarmee! Ihr Ziel, das – nach Jerusalem – bedeutendste christliche Zentrum der Welt. Selbst Jesus schaut hier gelegentlich vorbei. Zur gleichen Zeit hängte im Flughafen Manado ein Empfangskomitee ein violettes Banner an den Leitgittern auf. Vom Security-Personal aufgefordert, es zu entfernen, fragten die Krieger Gottes, wo sie es denn anbringen könnten. „Draußen!“ Richtig so! Zur Hölle mit dem Pack! Niemand braucht diese Wahnsinnigen in Indonesien. Den Vorfall werden sie bestimmt wieder als Christenverfolgung interpretieren.
Das mit Abstand kitschigste Ambiente Singapores fand ich in der „Church of Sacred Heart“ in der Tank Road.

holy-water

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