Remote Control

Robertson-Quay-Hotel

Es war mal wieder reiner Zufall: Ich lag auf dieser unangenehm schaukelnden „Luxus“-Matratze in diesem angeblichen „Luxus“-Zimmer in Singapore und fummelte an der TV-Fernbedienung rum.
In einem Schreiben der Deutschen Rentenversicherung, wollte man genau dokumentiert haben, ob und seit wann ich lebe. Und so war ich nach Singapore zur Deutschen Botschaft geflogen, um mir meine Existenz dort bestätigen zu lassen. Zwar sieht das zylindrische „Robertson Quay Hotel“ im Eingangsbereich ordentlich und luxuriös aus, und vor allem liegt es strategisch sehr günstig, ist aber schon alt, und mein Zwergen-Zimmer ein renovierungsbedürftiges Loch. „Ich gebe Ihnen ein Luxus-Doppelzimmer“, erklärte der schwul wirkende Inder am Empfang, obwohl ich ein normales Einzelzimmer gebucht hatte – wie zellenhaft und heruntergekommen sieht dann erst das Einzelzimmer aus? Der an die Wand geschraubte und wüst verkabelte Flachbildschirm wollte jedenfalls nicht so recht auf meine Remote-Signale reagieren und zeigte mir stattdessen unaufgefordert das Programm der Deutschen Welle. DAS war interessant. Eine Talkshow u.a. mit einer gewissen Renate Künast, die angeblich sogar Ministerin iss und den Grünen angehört, obwohl sie eine knallrote Jacke anhatte, an der sie immer wieder übersprungsmäßig rumzupfte. Zwar sah Renate, die Fische gelegentlich mit dem Hammer totschlägt und genau weiß, wo die Verrohung herkommt, ziemlich verkniffen aus, wirkte männlich resolut und engagiert, nur wußte ich nicht, worüber sie eigentlich redete. Das war bei dem langhaarigen Philosophen David Precht anders, der gerade einen Bestseller über das geschrieben hat, was im deutschen Schulsystem ganz falsch ist. Hier hätte ich mitreden können, aba es hörte mich ja keina. In D wird die Pädagogik so etwa alle 10-20 Jahre neu erfunden, wenn einer gemerkt hat, daß bisher alles falsch war, und wir uns gerade mal wieder in einer Bildungskatastrophe befinden. Die Eltern all der mißratenen Schüler sind dann voll begeistert, daß es endlich mal einer beim Namen nennt, und kaufen das Buch, und sicher wird es auch in den Pädagogik-Seminaren heiß diskutiert. Eigenartig ist, daß all die Teilnehmer der Talkshow, die sich intelligent artikulieren konnten, in einem System ausgebildet wurden, das schon mehre Bildungskatastrophen zurückliegt. Eigentlich kann also die Fundamental-Kritik genauso wenig stimmen, wie einst der Kommentar einer Oberstufen-Schüilerin, mein Architektur-Kurs wäre ja so doll nich gewesen. Leider war ich erst zu verblüfft, um gleich in die Anwesenheits-Statistik zu sehen, denn sie hatte mindestens 50% des Kurses geschwänzt. Entweder ist das alles nicht so schlimm, wie analysiert, oder Bildung funktioniert offensichtlich sowieso ganz anders. Jedenfalls ist die aktuelle Kultur immer ein Produkt von Generationen, die ein angeblich völlig katastrophales Schulsystem überlebt haben. Vielleicht wird ja gerade durch diese Unzulänglichkeit kreative Intelligenz herausgefordert, und man sollte das Schulsystem noch schlechter gestalten, um noch mehr Genies zu produzieren. Die Schauspielerin Katarina Jacob war auch nich ganz abgedätet und bemerkte empört, wie schwer die Schultaschen der Kinder wären. Ein Einwand, der schon mehr als 50 Jahre alt iss. Inzwischen müßten Generationen von zwergwüchsigen Wirbelsäulen-Geschädigten existieren. Ihre Kinder gingen in Canada zur Schule und seien sehr glücklich, weil dort alles ganz anders ist (Vielleicht halten sich die Kinder in Canada in der Schule auf, weil es draußen zu kalt ist? Oder sind sie glücklich, weil die exaltierte Mutter nich präsent iss?). Was mich an einige amerikanische Schüler erinnerte, mit denen ich einst in unserer gymnasialen Druckerei Radierungen anfertigte, und die mir erklärten, daß sowas in den USA gar nicht möglich wäre, weil die Schüler die Blei-Typen der alten Zeitungs-Druckerei zum Fenster rausschmeißen würden. Aber sonst isses anderswo natürlich imma alles besser als in D. Irgendwie war dem Moderator Markus Lanz die Jammerei dann auch zu viel, und er bemerkte, daß wir uns doch ab und zu bewußtmachen sollten, daß wir im Vergleich mit anderen Ländern auf „einer Insel der Seligen“ lebten – genau das, was ich gerade bei „kurzgeschnitten“ kommentiert hatte, und was nicht leicht zu erkennen ist, wenn man in D lebt. Ich war jedenfalls auf meiner „Luxus“-Matraze fasziniert, wie schnell, dabei klar und a-k-z-e-n-t-u-i-e-r-t die Moderatoren im deutschen TV sprechen. Es wirkt etwas künstlich wie für Taube, und ich war mir nicht in allen Fällen sicher, ob die Moderatorinnen nicht eventuell aus buntem Plastik waren – zumindest teilweise – aber ich hatte sowas lang nich mehr gehört. Genauso wie die blonde Dame, die mich korrekt und freundlich in der deutschen Botschaft bediente. Absolut perfekt das ganze System und frei von Korruption. Da hab ich sehr kontrastreiche Erfahrungen mit indonesischer Bürokratie. So gesehen, erscheint das Gejammer der Deutschen wirklich als Wehwechen.

Botschaft

Und am Informationsstand der Deutschen Botschaft – Deutsche sind einfach soo gründlich – entdeckte ich in dem Heft „Begegnungen – Deutsche schulische Arbeit im Ausland“, daß Prof. Gerhard Roth aus Bremen auch herausgefunden hat, die Lehrerausbildung an den Universitäten gehe an den Bedürfnissen der Schule vorbei. In meinem Fall fand ich sie wesentlich fortschrittlicher als die reale Situation. In seinem Buch „Bildung braucht Persönlichkeit“ sollen die Lehrer, deren Ausbildung mal wieder dringend reformiert werden muß, den Kindern mehr Spaß bieten. Ich hab’s nich gelesen, bin mir aber ziemlich sicher, daß Roths Schüler grundsätzlich an Bildung interessiert sind und nicht stattdessen bei Aldi arbeiten, um ihren aufwendigen Lebensstil zu finanzieren. Der Reformunterricht behandle fächerübergreifend und tageweise so monumentale Themen wie „Wir bauen eine Pyramide“, obwohl mir als das größte Problem in der Pädagogik immer die Hochstapelei erschien.

2 Gedanken zu „Remote Control

  1. Pingback: Input in die Lerner | Memoiren eines Waldschrats

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