Gruppe, Haufen, Bande

Bauer&Wissenschaftler-73

„Kritik soll zur rechten Zeit erfolgen. Man darf sich nicht angewöhnen, erst dann zu kritisieren, wenn etwas passiert ist.“ Mao Tse-Tung zur Frage des genossenschaftlichen Zusammenschlusses in der Landwirtschaft, 1955

Heute, liebe Kinda, wollen wir uns in der Gemeinschaftskunde-Stunde mit der Zusammenarbeit beschäftigen. Zusammenarbeit iss gut. Sie potenziert die Kräfte und das Produkt der Arbeit – sofern es sich nich um Mafia handelt, die ganich arbeitet. In Indonesien ist das Kollektiv immer noch ein Relikt des Potemkinschen Sozialismus der Sukarno-Ära. Man kann den sogar an den Denkmälern im Stil des naiven Sozialistischen Realismus und den flächendeckenden Sehrlautsprechern bemerken. Subventionen werden oft nach dem Gießkannen-Prinzip verteilt, Erfolgskontrolle funktioniert nicht.
Mit diesen Motorpflügen gibt es immer wieder Ärger. Ich war deshalb gegen die Anschaffung. Andererseits ist es auch schwierig, rechtzeitig einen zu bekommen, und wir bearbeiten inzwischen eine große Fläche Naßreisfelder, die 2-3mal im Jahr gepflügt werden muß. Da unser letzter Maschinenführer (der 2.), ein moslemischer Säufer und Spieler, unzuverlässig war, haben wir den Pflug wieder verkauft. Nun wurde uns ein gleicher sehr günstig angeboten, der aus einer kelompok tani stammt. Tani ist der Bauer, kelompok bedeutet Gruppe, Haufen, Bande, Büschel. Bande iss hier zutreffend, denn das erste und oft einzige Ziel dieser von der Regierung initiierten Kooperativen ist Subventions-Betrug. Man braucht mindestens 1 Landbesitzer, die übrigen Teilnehmer haben mit Landwirtschaft oft nichts zu tun. 50% dieser Gruppen können rein fiktiv sein. Typisch ist, daß sie das ergaunerte Geld nicht zurückzahlen brauchen, sondern sie bekommen es nur kein 2. Mal. Es lohnt sich also. Schreibt man in den Antrag, man wolle 1 Reismühle bauen, bekommt man sogar 1 Generator. Dieser und die Pflugmaschine, die man eventuell gar nicht braucht, weil man Trockenfelder besitzt, wird verkauft, das erschlichene Staatsgeld an die Bande verteilt. So machen es ALLE. Besonders grotesk, wenn die kelompok tani die verkaufte Maschine im nächsten Durchgang wegen Abnutzung ersetzt bekommt und jene wieder verkauft. Da es mehr Bewerber als zu verteilende Mittel gibt, erhält der Verteiler in der Regierungs-Stelle seinen Umschlag als Entscheidungs-Hilfe.
Warum sollen wir also nicht diese billige Maschine kaufen? Weil ich nicht Rädchen solch eines Getriebes sein möchte. Ich hatte schon mit etlichen Weißen Kontakt, die problemlos im indonesischen Korruptions-System mitspielen. Doch selbst in D gelang mir die gleitende Anpassung nicht immer (z.B. das künstliche Hochhalten von Etat-Ausgaben, damit jener nicht gekürzt wird). Wieso funktioniert das überhaupt? Natürlich kontrolliert der Staat das Ergebnis, und jeder weiß, was wirklich abläuft. Aber der Kontrolleur bekommt seinen Anteil dafür, daß er nicht nachforscht, ob die kelompok tani etwas produziert hat. Und bevor es überhaupt zur Auszahlung von Geldern kommt, hat jede bearbeitende staatliche Stelle schon ihr Stück vom Kuchen abgeschnitten. Also ist niemand motiviert, den Sumpf trockenzulegen, weil alle glücklich sind. Das wichtigste Ziel der Zusammenarbeit überhaupt. Doch wehe, einer isses nich und fängt an, die Namen der beteiligten höheren Beamten zu veröffentlichen, so daß selbst der Präsidenten-Stuhl ins Wackeln gerät. Dann gips Skandal. „Bei den Budgetausgaben muß man das Prinzip der Sparsamkeit einhalten. Alle Mitarbeiter der Regierungs-Institutionen müssen begreifen, daß Korruption und Verschwendung schwerste Verbrechen sind. Im Kampf gegen Korruption und Verschwendung sind bereits einige Erfolge erzielt worden, doch man muß weiterhin energisch dagegen vorgehen.“ Unser großer Vorsitzende Mao, liebe Kinda, hat dabei 1934 nich bedacht, daß die Produktionsmittel ja nich verschwinden, sondern nur in den Besitz der Falschen übagehn – somit also Teil des Wirtschaftsprozesses bleiben, indem sich die Schatzmeisterin der kelompok tani zum Bleistift ein neues Eifon und eine Handtasche von Malboro zulegen kann.

Abb.: Be Le (*1941), „Alte Kampfgefährten, Bauer und Wissenschaftler“, 1973

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