Der Mord an Günter

Gegensatz

Es war einmal eine sehr böse Frau. Warum sie eigentlich so bösartig und hysterisch war, konnte niemand genau sagen. Vielleicht hatte sie das von ihrem leicht aufbrausenden Vater geerbt, der einst, als sie sich über die Belästigung durch einen jungen Mann bei ihm beklagte, zum Ochsenziemer gegriffen und auf jenen eingeschlagen hatte. Weil der junge Mann daraufhin ihren Vater erstach, beschloß die Frau, zukünftig auf Nummer sicher zu gehen und Juristin zu werden. Ihre wichtigsten Rechtsgrundsätze wurden: Recht ist, was mir nützt, und was nicht ausdrücklich verboten ist. Wegen ihrer hemmungslosen Gier als Verwaltungs-Juristen im Staatsdienst wurde sie sogar degradiert. Dabei bewahrte sie nach außen hin immer den Anschein besonderer Religiosität. So schmückten Kreuze die Geländer ihrer hölzernen Veranda, und auch im Haus ließ sie in eine Ziegelwand ein großes Kreuz aus Glasbausteinen einbauen. Ihre Festivals begannen immer mit einem Gottesdienst, bei dem man noch in 1km Entfernung mitbeten konnte. Doch haßte sie Bäume, und die Grenze zu ihrem Nachbarn beschnitt sie wie mit der Motorsense, so daß auf ihrer Seite eine exakte grüne Wand entstand, während es auf der anderen wie im Dschungel aussah. Schon an der Grundstücks-Grenze erkannte man den Unterschied zu ihrem Nachbarn.

Gansfolgen

Jener Nachbar war ein großer schwarzer Mann mit langer Nase, dem auffiel, daß seine böse Nachbarin – die ihm einmal den Stinkefinger gezeigt, danach jedoch auf der Polizei-Wache behauptet hatte, sie wisse gar nicht, was das bedeute – daß jene unerfreuliche Frau ihre 20-30 Hühner auf seinen Reisfeldern ernährte. Auch erschienen dort regelmäßig ihre Gänse und Enten. Da sie gerne Hunde aß, trieben sich ihre Hunde-Rudel ebenfalls auf dem Grundstück des Nachbarn herum, schissen ihm vor die Tür und jagten seine Haus- und Wildtiere – bis er einen ihrer Hunde umlegte.
Nun bemerkte der schwarze Mann, wie ein großer, weißer Ganter namens Günter immer wieder eine Ente mit ihren Jungen auf seinen Reisfeldern ausführte. Jagte er sie weg, erschienen sie eine Weile später wieder. Zwar besaß auch die böse Nachbarin einen Teich, in dem ihre Gänse und Enten rumplanschen konnten, doch war das wilde Land des schwarzen Mannes für jene offensichtlich interessanter. Es wäre leicht gewesen für die rücksichtslose Frau, den Grenzzaun dicht zu machen, um nicht auf rätselhafte Weise nach und nach ihre Hühner und Hunde zu verlieren, aber das erschien ihr wohl als zu umständlich.

Cavalcade

Eines Tages beobachtete der schwarze Nachbar den Ganter Günter, wie jener sich immer weiter auf fremdes Terrain bewegte, wohl weil er dachte, bei dem Regen kommt sowieso keiner. Doch griff sich der schwarze Mann seinen Bambus-Speer, den er immer bereitstehen hatte, um damit gelegentlich amoklaufende Wilde auf Distanz zu halten, zusätzlich eine lange Stange, auf die er einen dreifachen Haken gesteckt hatte, und rannte los – Günter den Rückweg abzuschneiden. Dies bemerkend, geriet der Ganter in Panik, schrie und bewegte sich schwerfällig wie er war, weiter vom rettenden Rückweg hinweg in den Schlamm des frisch gepflügten Reisfeldes. Der schwarze Mann folgte ihm, hakte die Stange an seinem Hals fest und griff sich den protestierenden Günter. Er stieß ihm den Bambus-Speer in den Rücken, der aber scheinbar wirkungslos im Gefieder abglitt. Dann versuchte er ihm mit spiraliger Drehung seinen kräftigen Hals zu brechen. Genau so gut hätte er versuchen können, den Vorderrad-Reifen eines Motorrads zu erwürgen. Doch als er es im rechten Winkel machte, gab es einen kleinen Knacks, und Günter gab auf. Für alle Fälle ertränkte der schwarze Mann den Ganter noch, in dem er dessen Kopf solange in den Schlamm drückte, bis keine Blasen mehr aufstiegen. Naß und schlammbespritzt packte er Günters Hals, wobei er immer noch dessen Puls fühlen konnte, und trug den gewichtigen Leichnam zum Hause hinauf. Dort kaufte ein Müller, der gerade Reis abholte, den immer noch nicht völlig entseelten Günter und fand später beim Rupfen der Federn die Wunde, die der Bambus-Speer gerissen hatte. Seitdem glauben die Leute an der Küste, daß der schwarze Mann Gänse mit dem Speer töte.
Am Abend konnte man die arrogante Frau dabei beobachten, wie sie mit einer Taschenlampe suchend auf ihrem Grundstück herumlief. Gerne hätte sich der schwarze Mann eine jener täuschend echt bemalten Beton-Gänse gekauft, um sie an Günters Stelle zu installieren und zu beobachten, wie die böse Frau versuchen würde, ihn zu sich rüberzulocken. Aba man muß ja nich übatreiben.

3x9

2 mal 5 iss zehn,
Günter kann man nich mehr sehn.

4 Gedanken zu „Der Mord an Günter

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