Göttlicher Ausflug

Ban-Hing-Kiong

Nich nur die sandgraue Schlange, auf die ich beinahe trat, auch das Hühner-Ei das in 2m Entfernung aus einem meiner Märchenwald-Benjaminis auf den Boden klatschte, waren untrügliche Zeichen dafür, daß die Götter übermütig zum Ausflug bereit waren. Außerdem glühte der Vollmond. Also nix wie los zum großen Medien-Ausbruch in Manado, zum Cap Go Meh. Das ist keine Aufforderung an meine Ziegen, das Gras zu mähen sondern die farbenprächtige Prozession durch Manados China-Town, 14 Tage nach Imlek (chinesisches Neujahr am 10.Februar) am 15.1.(=Februar) 2564. Zumindest zeitlich sind wir hier dem Westen weit voraus.

Tom-Go-Meh

Um in den Tempeln nicht zu exotisch zu wirken, kleiden wir uns ganz in Weiß, wirken danach wie Malermeister und Sprechstunden-Hilfe, und wenn ich auch sonst schon auffalle, so in Weiß starren mich hunderte von Manadonesen an – die Straßen dicht gedrängt besäumend, dabei das Lichtraum-Profil stark einengend – als ob ein Eisbär durch Frankfurt flanierte.

Zungenschnitt

Das Ereignis ist groß und nicht regelmäßig, da sich die Medien in manchen Jahren weigern, die Tempel zu verlassen. Einem, der sich sein Schwert hin und her über die Zunge schiebt, läuft danach das Blut aus dem Maul. Er steigt von seinem Schrein-Taxi, das von weiß gekleideten Männern getragen wird, und geht wieder nach Hause. Im Tempel schiebt man ihm auch noch Schaschlik-Stäbchen durch die Wangen, und dann muß er wieder raus. Da seine Schrein-Trage inzwischen weitergezogen ist, steigt er auf die nächste, um dann nach vorne zu wechseln, als der Zug wieder vor der Tribüne des Gouverneurs stoppt. So eigenwillig sind diese Medien in Trance.

3-tragbare-Goetter

Im Haupt-Tempel Ban Hing Kiong sind die Götter in Bewegung. Weiß behandschuhte Frauen tragen sie zu den Schreinen, wo sie sorgfältig eingebettet und mit Opfer-Papieren versorgt werden. Dann geht es hinaus mit Trommeln und Gesang. Während in manchen Tempeln das Fotographieren streng verboten ist, wimmelt es hier von Video-Kameras, Handphones und diesen koreanischen Brettern, die sich manche vor den Kopf halten. Die sind neu. Nach dem totalen Gewusel erkenne ich viele Details erst am PC, mit dessen Hilfe ich die 588 Fotos dieses Nachmittags auswerte, um die interessantesten nach und nach hier zu veröffentlichen. Z.B. daß manche Muschelbläser sich Leitungs-Rohre an ihre maritimen Instrumente gebastelt haben.

Muschblaeser

Die mit mythologischen Szenen geschmückten Wagen sind meist mit Kindern besetzt. Mit langen Gewändern versehen thronen sie hoch auf verdeckten Sitzen, um den Eindruck zu vermitteln, die dargestellten Götter ständen. Manchen wird es dabei so ungemütlich, daß sie schmerzverzerrte Gesichter zeigen oder sogar in Tränen ausbrechen. Auch sonst geht der unkritische Stolz der chinesischen Mütter manchmal in die falsche Richtung.

fetter-Reiter

3 Stunden später bin ich taub wie nach einem Disco-Besuch. Mit Pauke und Tuba läßt sich auch eine Menge Lärm veranstalten, der jedoch unverstärkt zu keinem Zeitpunkt so unangenehm ist wie der Pop-Dreck und Christen-Kitsch, mit dem die Wilden täglich die Luft verpesten. Auch fühle ich mich so ausgetrocknet, daß ich in einem Café 2 eiskalte Milch-Shakes und 1 Kaffee-Mix brauche. Während am EIngang ein Müllsammler mit einem TV-Gerät auf der Schulter vorbeischleicht, zwitschern kolibriartige Cuis in den Bäumen. So kurz vor Sonnenuntergang würden meine schon schlafen, aber hier werden sie durch Krach-Boxen und künstliche Beleuchtung angeregt. Vielleicht fliegen sie ja in Manado abends noch in die Discos.
Auf der Rückfahrt sehe ich in einigen Dörfern an den Straßenrändern schon die roten Blink-Kreuze, Modell „Las Vegas“. Diese Multimedia-Todesanzeigen, inklusive Eintrübung der morgendlichen Terror-Musik aus den Kirchen, die um 6Uhr dem Dorf über Lautsprecher verkünden, wer wieviel gespendet hat, weisen darauf hin, daß doch noch nich Weihnachten kommt, sondern ersma muß Jesus wieder sterben. In Tanzania und Sambia sei das auch so, schreibt Ina. Wenn man bedenkt, was der Welt alles erspart geblieben, wäre Jesus ordentlich im Bett gestorben – es iss ein Jammer.

Ein Gedanke zu „Göttlicher Ausflug

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