Kreuz lutschen

Flight

Zuerst gibt mein Modem den Geist auf, und dann brauche ich auch Fußboden-Kacheln für meinen neuen Tempel. Also auf nach Manado, der Hauptstadt selbstbewußter Ignoranten, tief religiöser Heuchler, korrupter Beamter und begeisterter Umwelt-Verschmutzer. Kaputtes Modem ist in Nordsulawesi fast so schlimm wie Querschnitts-Lähmung. Die Verkäufer in den zahlreichen Computer-Läden verstehn gar nicht, was ich überhaupt will. Oder sie versuchen mir wireless Modems anzudrehn, die ich nicht benötige. Ich finde das letzte Modem in Manado, eine Marke, die ich schon vor 1 Jahr erfolglos zu installieren versucht habe. Länger halten unter tropischen Bedingungen weder Modems noch meine Erinnerungen. Am nächsten Tag zum Provider nach Bitung, wo man NUR noch wireless kennt. Anschließend wieder nach Manado zur Hauptgeschäftsstelle der staatlichen Telkom. 3x muß meine Frau dort vorsprechen, weil die Telkom gerade keine Internet-Verbindung hat. Schließlich bekommt sie eine Variante unserer Log-in-Daten, die auch nicht funktioniert.

Zur Erleichterung der Kommunikation über Kacheln habe ich extra ein Muster mitgenommen. Die meisten Läden, die ich suche, sind inzwischen zugunsten des xten Handphone- oder Klamotten-Ladens verschwunden. Die Fluktuation ist stark. Schließlich finde ich einen relativ gut sortierten Chinesen-Laden, vor dem mich ein uniformierter Verkäufer gleich abweist, als ich ihm das Muster zeige. Er vermittelt den Eindruck, als ob das Thema damit für ihn erledigt sei, und er uns auch gar nicht reinlassen mag. Man hat entweder mit Verkäufern zu tun, die einen z.B. rings um einen Uhren-Stand im oder gegen den Uhrzeiger-Sinn verfolgen, so daß man lieber woanders hingeht, oder sie wollen mir nix verkaufen. Einfach keine Lust. Manchmal spielen sie Kriegen zwischen den Waren oder mit ihren Handphones. Manche singen, essen oder beten gerade. Ich geh trotzdem rein, denn ich weiß, das die Verkäufer – anders als Sokrates – oft nicht wissen, was sie alles nicht wissen. Innen finde ich zumindest die gleiche Kachel nur in Schwarz. Ich suche einen helleren Ton, weil meine Arbeiter nicht sauber verfugen können. Ein Überangebot an Verkäufern umzingelt mich, uniformiert oder Freistil, die Herren mit modischer Hahnenkamm-Frisur. Alle wirken unfroh und unwissend. Könnte nicht eine dieser unterbeschäftigten Figuren mir etwas zeigen? Ich suche selbst und finde auch Passendes. Als ich am nächsten Morgen die ersten Packungen öffne, zähle ich zwischen 66 großen Fußboden-Kacheln 13 zerbrochene. Baustop!

Mittagessen in der Pizza-Hut. Ich weigere mich Platz zu nehmen, bevor nicht die Musik leiser gestellt wird. Die Kellnerin erklärt, daß manche Gäste nicht essen könnten, wenn es zu leise sei. WIR können auch woanders essen. Da reduzieren sie den Krach. Als wir essen, stellen sie die Musik wieder laut.

Später im IT-Center, das überwiegend ein Handphone- und Klamotten-Center ist, illegale Diewiedies kaufen. Neben dem Stand, den ich immer ansteuere, weil der Verkäufer mich gleich über Scheiben informiert, die zu schlecht kopiert sind – heute entschuldigt er sich sogar, daß keine neuen Filme eingetroffen sind, weil das Piraten-Lager in Jakarta abgebrannt sei; die aktuellen Überschwemmungen hätten einen Kurzschluß verursacht – also neben dieser Quelle des Glücks, wo ich u.a. „Flight“ mit Denzel Washington kaufe, befindet sich eine Art Restaurant, in dem ich extrem übersüßten Kaffee trinke. Es gibt in Indonesien hervorragenden Kaffee, jedoch nicht in Manado – die Touristen in den teuren Hotels, merken das gar nicht. An dieser Stelle (4 Tische) ist er gerade noch auszuhalten. Bedienen tut ein Zwerg, der sich nicht zu bücken braucht. Möglicherweise hat er sich ohne Auftrag selbst beauftragt. Es gibt sogar Verrückte in Polizei- oder Militär-Uniformen, die den Verkehr „regeln“. Zwischendurch setzt sich der Zwerg auf einen Stuhl, grinst die Frauen an und versucht deren Aufmerksamkeit auf sein goldenes Armkettchen zu lenken. Eine Kundin lutscht derweil an ihrem goldigen Halskreuz, weil sie die Wahl der Nahrung quält.

Abends dann „Flight“. Ich hasse Schnee-, Wasser-, Flugzeug- und Filme mit Negern im Dunkeln, also Filme mit stark begrenzter, eher monotoner Perspektive, aber „Flight“ ist sehenswert. Zwar erfährt man nicht, daß der christliche Imperialismus inzwischen auch schon die Anonymen Alkoholiker unterwandert hat, aber die Art, wie eine Baptisten-Gruppe durch das abstürzende Flugzeug gestört wird, wirkt originell. Und was macht die Frau des schwerverletzten Co-Piloten – beide überdrehte christliche Fundamentalisten – sie lutscht an ihrem goldigen Halskreuz.

Als ich am nächsten Morgen die Ziegen füttere und mich darüber wundere, daß meine schwarze nur noch aus der Hand fressen will, höre ich über den Baumwipfeln meines Dschungels die Geräusche eines Passagier-Flugzeugs auf dem Flug nach den Molukken. Und ich blicke nach oben wie Denzel Washington – nur daß ich nich schwarz bin.
So iss das alles vernetzt.

Ein Gedanke zu „Kreuz lutschen

  1. Pingback: Geduld an der Wasserkante | Flaschenpost

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