Essen in Feindesland

futuristisch

Da bin ich also wieder in der Lärmhölle gelandet. Ich wußte das vorher, hab mir jedoch gedacht, daß ich mit diesem einen Bericht alles erklären könnte, was hier in der „Society“ abläuft, weil alles an einem Ort versammelt sein würde. Und so war es auch. Außerdem wollte ich das neue Haus von Yosh (62) in einem unweit gelegenen Dorf sehen.

Ich kenne Yosh schon seit 1976 in D, wo er eines Tages plötzlich vor unserem heruntergekommenen Häuslings-Haus im Moor erschien. Ein junger, gut aussehender Seemann, verwandt mit meiner Frau. Sein Ziel war, eine blonde, blauäugige, deutsche Frau in Hamburg zu finden, wo sein Frachter ausgerechnet neben dem atomgetriebenen Forschungsschiff „Otto Hahn“ angelegt hatte, auf dem ich die Wachhabenden mit Walky-Talkies auf Deck herumschleichen sah. Yosh hatte in einer Disco auf der Reeperbahn zwei Mädchen kennengelernt, von denen die eine tatsächlich blond war. In welchem Kauderwelsch auch immer – er verabredete sich für den nächsten Tag mit ihnen und gab gegenüber seinen Kumpels schwer damit an, die Frauen auf’s Schiff zu lotsen. Aber wie? Und so kam es dazu, daß ich die Damen in Hamburg in meinen kleinen R4 Transporter einsteigen ließ, um Yosh bei seinen Verkehrsproblemen behilflich zu sein. Die ältere der beiden Damen ließ sich neben mir nieder, und die blonde, jüngere – ich hielt sie für minderjährig – nahm mit Yosh hinten auf dem nackten Metall der Pritsche Platz, da ich die hintere Bank zum Bilder-Transport ausgebaut hatte. Das schien aber nicht der gewohnte Stil dieser desorientierten Rumtreiberinnen zu sein, und sie fingen an, mich über ihn und das, was sie auf dem Schiff erwartete, auszufragen. Er muβte wohl gänzlich andere, sprachgestörte Hoffnungen bei ihnen erweckt haben, denn sie wollten nach kurzer Fahrt wieder aussteigen. Ich lieβ sie, zur groβen Betrübnis des Matrosen, an den St.Pauli Landungsbrücken raus.
Seitdem hab ich ihn nicht wiedergetroffen und auf dem Fest zur Einweihung seines neuen Hauses auch nicht wiedererkannt, denn nun ist er nicht nur reifer und runder, sondern seine inzwischen gehobene Position im Maschinenraum hat ihm offensichtlich zu beträchtlichem Wohlstand verholfen.

heiliges-Moped

So näherte ich mich der Raumstation, die sich in Nordsulawesi einfügt wie eine Bambus-Hütte in Berlin. Ohne Zweifel ein guter Architekten-Entwurf im neuen „Minimalis“-Stil. Hier wird gerippelt. Größte Variation sich durchdringender Quader, mit Glas aufgelöste Ecken, innen deutlicher Einfluß kühlen Schiffs-Designs, bester Bauhaus-Kubismus. Die vor Sonne und Regen ungeschützten Fassaden völlig ungeeignet für die Tropen, bewohnbar nur mit AC, was bei den beständigen Strom-Ausfällen ein Problem ist. Die diskreten Charm der Bourgeosie austrahlenden Nicht-Farben wegen des fehlenden Daches in Kürze unansehnlich – ebenso wie die Rippen, auf denen sich Vulkanstaub sammelt. Fotographieren ließ sich das Ding nicht (Foto von der Einladungskarte), weil davor das Festzelt aufgebaut war, aus dem der Pasta schrie, weshalb ich ersma draußen blieb und das christliche Moped und die im Boden versenkten Strahler betrachtete, die die Zaunpfeiler anschimmerten.

Wahnsinniger

Der protestantische Pasta hatte sich mit seiner blutroten Scharfrichter-Banderole vor einem toten Schwein aufgebaut und war offensichtlich völlig wahnsinnig. Mal schwulte er flüsternd herum, dann wieder schrie er wie Goebbels, daß man gleich merkte, wie er log. Deshalb weigerte ich mich das Reichsparteitag-Gelände zu betreten und meinen Ehrenplatz vor einem der Sehrlautsprecher einzunehmen, wandte mich stattdessen der spätrömischen Villa gegenüber zu.

spaetroemisch

Hier wurde mir nun als Kontrastprogramm alles präsentiert, was der konservative Wirre (© Frank) heutzutage für die Darstellung seines Wohlstandes benötigt: Neben vergoldeten Komposit-Kapitellen und Kronleuchtern ein aufblasbarer Weihnachtsmann auf dem Balkon und die ganze Kollektion moderner Leuchtschlangen-Kunst, als da sind das typisch indonesische Rentier, der Weihnachtsbaum und diverse Engel mit merkwürdiger Anatomie. Das alles sieht nachts landesweit ganz entzückend aus, blinkt auch – wenn Strom da iss – und man spart sich die Fahrt nach Las Vegas.
Doch als der Pasta zuendegeschrien hatte, mußte ich doch noch innen neben einer Quälbox platznehmen – direkt gegenüber von einem dieser Sound-Terroristen, die mit ihrer elektronischen Festival-Ausrüstung nicht nur jede Party ruinieren sondern auch die Luft in 1km Radius. Verstärkt wurde meine Qual durch eine unförmige Wilde aus unserem Dorf, die neben mir penetrant Mottenpulver-Geruch ausdünstete. Schließlich sang noch eine häßliche alte Schreckschraube – vermutlich eine gescheiterte Opernsängerin. Die dabei verwendete Sprache war rätselhaft, teilweise schien es sich um Englisch zu handeln. Schon als sie testweise auf’s Mikrofon haute, wirkte das auf mich, als explodiere etwas direkt neben meinem linken Ohr, welches ich mir dann während ihres Vortrags demonstrativ zuhielt. Den extra aus Jakarta eingeflogenen Weihnachtsfrauen-Chor in roten Gewändern hatte ich zum Glück verpaßt.

Luftverschmutzer

Und dann erschien die Parlaments-Abgeordnete Francisca, genannt Eta! Das Dorf ist ihre Hochburg. Ich befand mich also auf feindlichem Territorium, denn wir hatten entscheidend dazu beigetragen, daß sie im letzten Moment die Wahl zum Bezirks-Direktor verlor, obwohl sie schon fast alle gekauft hatte. Sie verhielt sich wie ein B-Movie-Star bei der Einweihung einer Beverly-Hills-Villa. Groß, elegant, mit sehr hochhackigen Schuhen, die sich zum Schweine-Abstechen verwenden ließen, stakste sie herum – dabei ständig handphoniert von ihrem Leibwächter, der mit seinem üppigen Busen ursprünglich als Frau geplant war. Jene hatte diesmal nicht die Tasche mit dem Bestechungs-Geld dabei. Als eine Diplom-Beterin, deren Phantasie-Titel wie üblich komplett verkündet wurden, zum direkten Kontakt mit Gott anhub, saß Eta ganz artig auf ihrem Plastik-Stuhl und betete mit gesenktem Kopf – so schien es mir zuerst. Die Hand am Ohr zeigte jedoch, daß sie gerade telephonierte. Außerdem ist sie Moslem – d.h., so genau weiß man das nich, denn angeblich trägt sie hier das Kreuz und in Jakarta den Schleier. Von dort stammt auch der gewaltige Geldfluß – das einzige, was sie zu bieten hat. Aktuell kandidiert sie wieder für den gleichen Posten, obwohl man ihr geraten hat, ersma reden zu lernen. Aber niemand interessiert sich hier für politische Programme, sondern der Wähler will Geld sehen.
Dann wurde Yosh geheimnisvoll und lockte mich in die hinteren Räume des unübersichtlichen Hauses. Erst nahm ich an, er wolle dort mit mir das aktuelle Anti-Sauf-Programm umgehen, dann erzählte er etwas von einem Kaninchen, was ich wegen der Lautstärke nich verstand, und plötzlich befand ich mich in einer Art Küche – mit Eta. Auweia! dachte ich. Sie weiß bestimmt, wer ich bin, und hoffentlich iss der Kuchen nich vergiftet, den Yosh mir dort anbot. Aber der Leibwächterin handphonierte zusammen mit einem Profi-Fotographen bloß die versammelten Wichtigtuer (auch ein pensionierter General soll dabei gewesen sein), weshalb ich mich mit meinem Kuchen diskret zurückziehen wollte – aber nix da! Ich mußte mit auf’s Bild. Dann nur Yosh mit Eta, und wieder trat ich einen Schritt zurück – aba nix da! Ich links, Eta rechts von ihm – so wollte es Yosh. Watt nu, wenn Eta jetz mit dem Photo Werbung macht: Sogar der Weiße unterstütze sie! – Iss doch mein Ruf ruiniert.

2 Gedanken zu „Essen in Feindesland

  1. Der ganz normale Schickeria-Wahn! So gut beschrieben wie ich ihn von hier oder von Egypt kenne. Nu hoffmermal das Beste für Deine Reputation! Saludos!

  2. Pingback: Aus der Traum | Flaschenpost

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