Peinlich

Grenzstreit

Die zu Wohlstand gelangenden Minahasa, sei es auch nur mittels Karriere als korrupter Beamter, zeichnen sich oft dadurch aus, daß sie gar nicht mehr genau wissen, welches Land von ihren Vorfahren bearbeitet oder aufgekauft wurde. Wer Geld hat, wird ständig angebettelt. Beliebte Methode ist, Landstücke als Pfand zu geben. So kann man langfristig zu einem Patchwork-Teppich aus Feldern kommen, den man weder selbst bearbeiten noch überblicken kann. Das ist die Chance der Landarbeiter aus der armen westlichen Moslem-Provinz Gorontalo. Sie verdingen sich als Dauer-Arbeiter beim Großgrund-Besitzer und dürfen sich auf einem kleinen Stück pachtfrei eine Hütte bauen. Dabei bleibt es leider nicht. Die Tochter von Keda bekam ihre ersten 3 Kinder von 3 verschiedenen Männern. Beim 4.Mann zeigt sie nun eine gewisse exponentielle Beständigkeit und trägt gerade ihr 6.Kind im Bauch. Diese Kinder müssen untergebracht werden, und schon hat der Patron eine kleine Siedlung auf seinem Land, von der er manchmal gar nichts weiß. Auch der ständig abnehmende Ertrag fällt ihm eventuell gar nicht auf. Edi, Kedas verstorbener Mann, wußte, wie er „sein“ Land erweitern konnte: Beim notwendigen Schälen der Dämme kann man sich im Laufe der Zeit in Richtung Nachbar bewegen, zu größerem Umfang herangewachsene Grenz-Bäume werden außen umrundet, und schon hat man wieder 1m gewonnen. Nach 30 Jahren empfindet sich der geduldete Landarbeiter als Eigentümer und expandiert weiter, denn er muß die Hinzuziehenden aus seinem Gorontalo-Clan unterbringen. Und so fanden wir, als wir das verwahrloste Grundstück (links) kauften, mehrere Squatter-Familien mit Hütten auf zementierten Fundamenten und reichlich deren Müll vor. Die wurden zusammen mit dem Müll entfernt. Lange blieb unklar, wo eigentlich die Grenze verlief, denn Grundstücks-Transaktionen werden heute noch oft ohne schmarotzende Verwaltung abgeschlossen. Deshalb existieren meist keine Zeichnungen. Doch die Alten, die das Land bearbeitet haben, wissen es meist ganz genau. 2 Jahre lang gab es keine Probleme. Doch als all unsere Neuanpflanzungen von Kedas Ziegen zerstört waren, wurde ein Bambus-Zaun fällig. Als jener fertig war, beschwerte sich Keda beim Patron – der höhere Beamte, den ich bereits beschrieben habe, erschien recht arrogant und verlangte Korrektur. Also setzten wir den Zaun ein Stück nach links, obwohl der ehemalige Grenz-Verlauf deutlich an der Boden-Kante und den vereinzelt stehenden Grenz-Bäumen links neben der Hütte zu erkennen ist. Einer unserer alten Verwandten besah sich das Ergebnis und erklärte, daß Keda uns reingelegt hätte, denn er selbst bearbeitete das Land jahrzehntelang und kannte Edis Methoden der Expansion. Also wurde wieder der große Herr bestellt, diesmal schon sichtbar geschrumpft und freundlicher. Er verlangte nachzumessen. Aba bitte gerne! Dafür besitze ich ein mit Kurbel aufrollbares 20m Band.
„Wo endet denn das Band?“ fragte der hohe Herr, der ein solches offensichtlich noch nie in den Händen gehabt hatte.
„Da, wo es aufhört“, antwortete meine Frau, die mich zu Hause aufbewahrt hatte, damit ich vor Ort kein Unheil stifte, denn derartige Situationen verlangen mehr Geduld, als ich normalerweise aufbringen kann.
Vom Canyon links bis zum Zaun sollten es 23m sein. Es waren aber nur 13. Oh! Die tatsächliche Grenze geht mitten durch Kedas Haus. Großzügig wie wir sind, verlangten wir nicht den Abriß ihrer Hütte, sondern setzen die Grenze nur wieder auf die sichtbare Kante.
Nach dem üblichen längeren Palaver wollte meine Frau das Maß-Band wieder aufrollen. Es ging aba nich, weil unten im Canyon ein Gorontalo-Moslem das Ende sichtlich ermüdet immer noch hochhielt. Man hatte ihn einfach vergessen.
Inzwischen haben Kedas Ziegen – einer meiner bockigen Stinker ist auch dabei – sämtliche Pfähle geschält, die eigentlich anwachsen sollten.

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