SCHLUCHZ!

VOC-Ambon

Zuerst kann ich das Geräusch nicht einordnen. Es ist kein bakuku, der Amok-Schrei der Frustrierten. Auch klingt es nicht nach den zahlreichen Hähnen, von denen manch einer noch üben muß. Das herzzerreißende Weinen der zum ersten Mal angebundenen Hunde brutaler Nachbarn ist es auch nicht. Stattdessen sehe ich draußen in der pendopo Gustin, die winzige Frau unseres Vorarbeiters Mad, in Ausgeh-Verschleierung auf dem Boden vor meiner Frau knien, deren Beine umklammern und dieselben laut schluchzend mit Tränen bewässern. WAS ISS NU WIEDA LOS?
Sie könne das Gerede ihrer moslemischen Nachbarn unten im Canyon nicht mehr aushalten. Wenn die Kinder der Landarbeiter zusammen spielen, gibt es wie überall auch Ärger, und dann beschimpft man gegenseitig die Familie: Gustins älteste Tochter Ika (17) sei eine lonte (Hure)! Eine schwerwiegende Beleidigung unter Moslems.
Artiger als die schüchterne Ika kann man sich ein junges Mädchen kaum vorstellen. Sie hat zwar etwas von einer Prinzessin, verweigert sich strikt der Landarbeit, kocht und wäscht jedoch und führt beinahe den Haushalt. Gerade hat sie eine Krankenschwester-Ausbildung im Nachbar-Bezirk Airmadidi angefangen. Dort will sie sogar nicht mit im Schwestern-Wohnheim unterkommen, weil es schon Ärger mit Männer-Besuch und schwangeren Mitschülerinnen gibt. Meine Frau solle doch eingreifen.
Die Quelle der Unruhe ist Anda, eine der Töchter Rams, die mit Epi (~25) verheiratet ist, der Motorrad-Taxi fährt, wenn er nicht auf den Feldern als Tagelöhner arbeitet. Nachdem meine Frau diesen befragt und auch ermahnt hat, nicht unsere Papayas zu stehlen und seine Ziegen anzubinden, steht gleich am Abend Anda vor der Tür, eine der wenigen, die mehr als 3-4 Jahre Schule geschafft hat. Sie müsse mit Ibu sprechen! Sie ist zwischen unseren Reisfeldern heraufgekommen, die Hose bis zur Wade hochgekrempelt, ihre bematschten Sandalen hält sie in der Hand. Voller Empörung erzählt sie eine ganz andere Version: „Ibu, Ika will meinen Mann haben!“ AUWEIA! Jeden Tag sei Ika hinter ihm her, lasse sich von ihm fahren – und manchmal bezahle sie nicht sondern lüfte dafür ihren Rock oder zeige ihren Busen. DAS klingt allerdings SEHR unwahrscheinlich! Doch Anda habe Beweise: die immer wiederkehrende Nummer im Handphone ihres Mannes! Das Handphone als Freiheits-Zone der unterdrückten Moslem-Mädchen. Ich sehe sie oft zwischen den Reisfelder herumstreifen, Vögel scheuchen – und telephonieren. Und die geile (sundal) Ika, der es zwischen den Beinen jucke, sei oft gar nicht in der Schule sondern irgendwo anders, und in ihrem Zeugnis sei viel rot. Will Mutter Gustin deshalb nicht zu den Lehrern gehn? Nein, der sei es peinlich, daß sie seit der Geburt ihrer 4. Tochter stark hinke. Dagegen erzählt Ike, die 2. Tochter, IKA wolle nicht, daß ihre Mutter in die Schule komme. AHA! Das von Eltern oft nicht für möglich gehaltende Doppel-Leben ihrer Kinder kenne ich aus meiner Lehrer-Zeit zur Genüge. Zum Teufel! Sollen diese Idioten ihre Probleme SELBER lösen! Kein Fall für den Patron.

Doch dann gibt es wieder unangenehme Geräusche: Es rumst rhythmisch aus ~500m Entfernung aus den armseligen Bambus-Hütten der Ram-Sippe, wo koffergroße Sound-Boxen nicht nur akustisch erheblichen Raum beanspruchen. Gustin soll eine ihrer Töchter hinschicken und die Wilden bitten, etwas leiser zu sein. Doch dadurch bricht das schrille bakuku qer über den Canyon erst richtig los, und Gustin heult ins Handphone. Also müssen Großgrundbesitzer und Frau los, die neue Straße runter, deren Unregelmäßigkeiten es inzwischen (mit unserer Hilfe) schon bis ins Radio und zur Polizei gebracht haben. Von weitem hallt das Gekreische zwischen Epins Schwester und deren Schwiegermutter herauf. Die Schwester hockt heulend auf einem Stapel Bretter. Wie klein diese Frauen sind. Proportioniert wie Kinder. Von den Ziegen sagt man, daß sie nicht mehr wachsen, wenn sie zu früh schwanger werden. Ich halte es eher für eine Folge der Inzucht, die auch unter den Gorontalo-Moslems sehr verbreitet ist. Diese Frauen sind in permanentem Streß: Sie tragen die ganze Last von Haushalt und Familie und müssen zusätzlich noch auf dem Feld arbeiten. Die Männer sind dagegen viel unterwegs und verspielen und versaufen oft das bißchen Geld, das sie verdienen. Kommt der Mann abhanden, ist es eine soziale Katastrophe. Sie wolle auch nur etwas Spaß haben, schluchzt sie. Das müsse aber nicht so laut sein, daß wir es noch mit anhören können, und es reiche, wenn sie den Baß reduziere. Gut für ihr Baby, welches in einer der Bruchbuden schreit, sei der Krach auch nicht, antwortet meine Frau. Ihre Schwiegermutter, die so häßlich ist, daß ihr Ehemann tut, als sei sie seine Schwester, sich aber immer sehr geschmackvoll traditionell kleidet, stimmt zu. Man ist auch untereinander nicht ganz im grünen Bereich. Doch Anda, die hinzukommt, bestätigt noch einmal ihre schweren Anschuldigungen gegen Ika. Gustin solle besser auf ihre Tochter aufpassen, außerdem mache Mads Familie selber Krach.

Leider ist dieser Post hier noch nicht zuende, denn es gibt weitere Versionen: Als wir uns anschließend vor Mads Haus niederlassen, das wir seiner Familie zusammen mit einem schönen, großen Grundstück zur freien Verfügung überlassen haben, erfahren wir, daß Anda derartige Anschuldigungen auch über weitere Mädchen verbreitet, und daß sie deshalb schon von Epi erheblich verprügelt worden sei. Also eine exotische Variante der Frau Bock? Da Ika genügend Zeugen hat, empfehlen wir, falls sich die schwerwiegenden Verleumdungen wiederholen, Anda wegen Beleidigung beim Imam oder der Polizei anzuzeigen.
Bevor wir aber Mads/unser Gebiet wieder verlassen, wälze ich noch einen Felsbrocken in den Zufluß, der Welis Reisfelder versorgt. Im Zusammenhang mit den illegalen Veränderungen durch die neue Straße hat jener den Bauern weiter unterhalb das Wasser abgeleitet (auch das schon ein Fall bei der Polizei). Nun soll er erleben, wie es ist, wenn es ihm selber passiert, zumal er die Grenzbepflanzungen, die Mad setzt, wieder rausreißt und seine Kühe auf unserem Land weiden läßt. Das Leben läuft hier so fundamental ab wie im Spiel „Anno 1404“: Was du dir nich schnell greifst, schnappt sich gierig ein anderer und zwingt dir seinen Lebensstil auf. Und wenn du nachsichtig, mitfühlend und friedlich bist, wird das als Schwäche ausgelegt, und du wirst solange mißhandelt, bis du ihm in den Hintern trittst. Dann küßt er dir die Füße.

2 Gedanken zu „SCHLUCHZ!

  1. Meine Welt ist das eigentlich auch nicht, aber ich muß mich mit ihr arrangieren. Wenn man bedenkt, daß Millionen Menschen offensichtlich eher von Neid, Eifersucht und Gier bewegt werden als von Gerechtigkeit und Brüderlichkeit, ergibt das nicht gerade eine hoffnungsvolle Perspektive.

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