Unfaire Wirklichkeit

schwarz&braun

„Hat nicht auch die Gerechtigkeit ihren Preis? Muß nicht auch die stetige ‚Verrechtlichung und Vergerechtlichung‘ moderner Gesellschaften an Grenzen stoßen? Daß die Sensibilität für Recht und Gerechtigkeit gewachsen ist, ist kein Schaden, der Schaden liegt in der Absolutheit, mit der das normative Paradigma die Verwirklichung von Recht und Gerechtigkeit der Verwirklichung anderer Ziele vorordnet. Manchmal können Unrecht und Ungerechtigkeit politisch, wirtschaftlich oder pädagogisch sinnvoll und sittlich vertretbar sein, und in der Liebe geht es ohnehin nicht fair zu. Immer ist die Wirklichkeit so, wie sie ist. Immer gilt es, sie richtig zu sehen und ernst zu nehmen, ob man sie mit gutem Grund lieber anders, besser, gerechter hätte oder nicht. Immer ist die Entscheidung, auf die Gerechtigkeit gegen die Wirklichkeit oder auf diese gegen jene zu setzen, eine zu verantwortende Entscheidung, die ihren Preis hat. Daß das normative Paradigma den Preis entfallen lasse, ist nur ein schönerer Schein.“
Bernhard Schlink

Dies wäre jedem Indonesien-Beurteiler entgegenzuhalten, der – nachdem er von Highlight zu Highlight gereist ist – verliebt feststellt, es sei eins der schönsten Länder, aber die Bürgersteige seien zu glatt. Es gibt keine Bürgersteige in Indonesien! Falls doch und sie sind mit fast unbegehbaren Kacheln gefliest, so handelt es sich um Fortschritt. LEBT man dagegen im wirklichen, ländlichen Indonesien, wird die Beurteilung sozialer Zustände und Verhaltensweisen komplex.

Meine schwarze Ziege, ½ Jahr alt, schrie solange, bis ich ihr eine mindest doppelt so alte von einem benachbarten Moslem dazustellte, die so hübsch wie eine Antilope aussieht. Während die schwarze, bei der ich als Geburtshelfer tätig war, sehr zutraulich, lebendig, geschickt und friedlich ist, erwies sich die braune als scheu, schreckhaft, aggressiv und stumm. Stumpfes, struppiges Fell, extrem abgemagert lahmt sie staksig mit einer frisch verheilten Wunde am Bein, ist aber eine begabte Ausbrecherin. Ich muß sie getrennt füttern, da sie die schwarze, die sich ihr freundlich nähern will, auf brutale Weise mit ihren spitzen Hörner angreift. Mit Striegeln und Streicheln versuche ich diese schlecht gehaltene Ziege nun davon zu überzeugen, daß ihr keine Gefahr mehr droht, und genug Futter für alle vorhanden ist. So langsam scheint sie das zu begreifen. Als ob sie nichts anderes kennengelernt hat, als sich und ihr Futter zu verteidigen. Während die schwarze ihren Schwanz immer frohgemut aufrecht hält, läßt die braune ihn apathisch hängen. Nur im Erregungs-Zustand stellt sie ihn auf. Bei mir iss das auch so.
Überhaupt finde ich eigenartigerweise sehr ähnliche Verhaltensweisen bei unseren Landarbeitern. Auch sie sind es nicht gewohnt, freundlich und fair behandelt zu werden. Wir versuchen sie davon zu überzeugen, daß sie MEHR erreichen, wenn sie ehrlich sind, als wenn wir ihnen ständig mißtrauen müssen. Trotzdem sind wir immer wieder gezwungen, sie daran zu hindern, sich mit unsinnigen Investitionen auf aussichtslose Weise zu verschulden oder durch Spielsucht zu ruinieren. Obwohl man die Feldarbeit eigentlich nur einmal sinnvoll organisieren bräuchte, verläuft kein Jahr wie das andere. Irgendwer spielt immer falsch. Die Kommunikation der Leute untereinander wird auf haarsträubende Weise von Futterneid dominiert. Jeder versucht den anderen in den Augen des Patron schlecht zu machen. Es verlangt psychologisch-kriminalistische Findigkeit, zu klären, was gerade wieder an privaten Dramen abläuft, die eine für alle profitable Produktion von Reis behindern. Von Harmonie träume ich schon längst nich mehr.

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