Bank und Trommelfell

„Modernisierung heißt Verwestlichung, und mit dieser Entwicklung verliert Asien endgültig das Bewußtsein seiner selbst. Für mich hat dieser Kontinent, der so fröhlich Selbstmord begeht, etwas Tragisches. Aber keiner spricht davon, keiner protestiert, am wenigsten die Asiaten selbst … Das ‚Neue‘, das ‚Moderne‘ zu kopieren ist zu einer Obsession geworden, zu einem Fieber, gegen das kein Kraut gewachsen ist.“ Tiziano Terzani (1938-2004), „Fliegen ohne Flügel“

„Es wird auch gesungen“, erklärte mir meine Frau zu spät. Da waren wir schon unterwegs zum „Acara Customer Gathering“ der größten indonesischen Bank „Mandiri“.
„Wieder beschissen!“ antwortete ich und sollte recht behalten. Hätte ich die Einladungs-Karte nicht erst im Foyer des „Sintesa Peninsula“-Hotels in Manado erhalten, das einen architektonischen Charme wie ein deutsches Kreiskrankenhaus bietet, hätte mich der Agenda-Punkt „Film Fashion Musical“ von vornherein mißtrauisch gemacht, denn gegen Musicals bin ich allergisch. Ich hatte eine Informations-Veranstaltung zu Finanz-Themen erwartet. Entertainen kann ich mich selbst.
Im totalitären Foyer des Hotels eine Dekoration wie für eine Oscar-Verleihung. ‚Hier bin ich falsch‘, deuchtet mir sofort beim Anblick einer pappig-goldenen Filmkamera. An den Wänden Film-Plakate, eine Groß-Collage mit Szenen aus „Moulin Rouge“, die Eingänge zum Festsaal dekoriert wie ein Synchron-Kino mit mehreren Vorführräumen. Um fotographiert zu werden, sollen wir uns vor der „Moulin Rouge“-Collage aufstellen. Wenn es sich um einen Maskenball gehandelt hätte (Alle kommen als Filmstars verkleidet.) oder eine Zirkus-Vorstellung (Alle kommen als Clowns, wofür sich die Minahasa ganich erst verkleiden bräuchten.), aber dieses ist imitierte Exotik aus südöstlicher Sicht. Glamour à la Las Vegas. Die jungen weiblichen Bank-Angestellten wie Animier-Damen aus Tanz-Varités mit hochgesteckten 50er-Jahre-Frisuren. „Dress Code“ für die Gäste: Batik. Das einzig Traditionelle an diesem Abend. Bei den Männer in Form der üblichen Batik-Hemden, bei den aufgedonnerten Frauen die wie gewöhnlich deutlich sichtbare modische Verwirrung.

Erst beim Betreten des Saales – 1 Std. später als geplant – unter dem weltberühmten Getöse des Fox-Vorspanns, dessen Flakscheinwerfer-Spiel von Leni Riefenstahl stammen könnte, wird der idiotische Sinn des Fest-Designs enttarnt: eine Protz-Bühne, flankiert von 2 gewaltigen, mit klotzigen Styropor-Bilderrahmen versehenen Leinwänden, auf denen Szenen aus „Moulin Rouge“ und Travoltas „Schmiere“ ablaufen. Zwischen den Tischen Podeste, auf denen rote Cancan-Tänzerinnen rumhampeln, und schließlich ein affiges Fernseh-Balett mit der Waschbrett-Nudel „Titi DJ“, die nicht ins Mikrofon singt sondern SCHREIT: VOULEZ VOUS COUCHER AVEC MOI? Der Aufforderungs-Charakter dieser Liedzeile wurde sicher von niemandem im Saal verstanden. Ich hatte bisher gedacht, den schlimmsten Krach schon gehört zu haben, doch an diesem Freitag Abend muß ich leider erkennen, daß die indonesische Lärm-Skala oben offen ist. Wie der Kasper im Kindergarten versucht eine dümmlich-professionelle Animateuse im Glitzer-Ballkleid das gequält wirkende Publikum in Stimmung zu bringen:
„Geht es euch allen gut?“
„Jaa.“
„Ich kann euch gar nicht hören. GEHT ES EUCH GUT?“
„JAAA!“

Krach-Agenda

Das „Film Fashion Musical“ trichtert sich in meinen äußeren Gehörgang, schlägt auf das Trommelfell, bringt in der Paukenhöhle den Hammer dazu, so auf den Amboß zu nageln, daß der Steigbügel im Gehörwasser des Labyrinths ersäuft, und der dadurch ansteigende Wasserspiegel das runde und das elliptische Säckchen auf meinen Gehörnerv fluppt. Und das tut ganich gut. Zusätzlich vibriert mein Brustkorb unter Baß-Einwirkung, und warum sollte auf einem „Customer Gathering“ mein Brustkorb vibrieren? Nur wenn ich unter Artillerie-Beschuß läge, wär das OK. Und deshalb verlassen wir das Ereignis fluchtartig noch vor dem „Dinner“.
Die draußen herumwieselnden Bankangestellten, die uns auserwählt haben, sind entsetzt, und das iss gut so. Anders gibt es keine Veränderung. Sie betonen, daß es ihnen auch zu laut sei, aber sie könnten nichts dagegen tun. Die ganze Veranstaltung sei bis ins Detail von der Zentrale in Jakarta gesteuert (Die Lautstärke iss ogginol Minahasa!). Sie buckeln und entschuldigen sich vielmals. Unseren „Doorprize“ bekommen wir trotzdem: Pro Person ein Badezimmer-Set aus vermutlich unedlem chinesischen Stahl in aufwendigem Karton (Die Bürsten, die die FDP früher als Wahlgeschenke verteilte, hatten auch nichts mit Politik zu tun.). Wenn die Bank Mandiri all den Schrott, den sie jährlich an ihre Prioritas-Kunden verschenkt (in Leder gebundene Tagebücher, Riesen-Kalender, Geburtstagstorten) in Rupiah auszahlte – das würde sich schon lohnen.
Obwohl ich in Nordsulawesi bereits einen Teil meines Gehörs eingebüßt habe, werde ich zukünftig – neben Geburtstagen, Pimmel-Beschneidungen, Hochzeiten und Beerdigungen mit Sound-Verstärkung – auch „Customer Gatherings“ meiden. Mithin ALLE gesellschaftlichen Ereignisse und abwarten, bis die Minahasa endgültig von ihren Schlafbäumen steigen, um zu lernen, was der qualitative Unterschied zur „Moulin Rouge“ in Woddy Allen’s „Midnight in Paris“ ist. Das kann dauern:
Gil: “These people don’t have any antibiotics!”
Adriana: “What are you talking about?”
Gil: “Adriana, if you stay here though, and this becomes your present then pretty soon you’ll start imagining another time was really your … You know, was really the golden time. Yeah, that’s what the present is. It’s a little unsatisfying because life’s a little unsatisfying.”
Adriana: “That’s the problem with writers. You are so full of words.”

5 Gedanken zu „Bank und Trommelfell

  1. so ist doch nicht alles Gold was glänzt in Sulawesi. Warum gehst Du zu solchen gräßlichen Veranstaltungen, wenn du schon von vorneherein weißt, daß es Sch……e ist.

  2. Hab ich eben NICH von vornherein gewusst! Ich dachte, das wäre 1 Informations-Veranstaltung. Ausserdem kann sich diesen Lärm NIEMAND vorstellen.

  3. Dagegen bist Du in D ja auch weitgehend geschützt. Hier schmecken nicht mal die Schwarzwälder Kirschtorten (Wenn Du jetzt wieder Deinen Avatar änderst, versteht keiner den Zusammenhang.) 🙂

  4. Pingback: Ein total mißglückter Tag | Flaschenpost

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