Zen und der Samurai

Hundetod

Völkischer Beobachter“, Sonntag, 11.1.1942
Von der Todesbereitschaft des japanischen Kriegers
Die Frage des Todes ist eine große Frage für einen jeden von uns, noch dringlicher aber ist sie für den Samurai, für den Soldaten, dessen Dasein ausschließlich dem Kampf geweiht ist, und Kampf bedeutet Tod für den Kämpfer. Im Mittelalter konnte niemand vorhersagen, wann diese tödliche Begegnung stattfinden werde, und der Samurai, der dieses Namens würdig war, hatte immer bereit zu sein. Ein Krieger und Schriftsteller des 17. Jahrhunderts, Daidoji Yuzan, führt daher am Anfang seines Buches „Lehrbuch des Bushido“ aus: „Der notwendigste und unentbehrlichste Gedanke des Samurai ist der an den Tod. Ihn muß er Tag und Nacht, Nacht und Tag, vom Morgendämmern des ersten bis zur letzten Minute des letzten Tages im Jahre sich vor die Seele stellen. Wenn du in dieser Anschauung lebst, dann bist du fähig, deine Pflicht im vollsten Umfang zu erfüllen: du bist treu deinem Herrn, ein gehorsamer Sohn deinen Eltern, und kannst jede Art von Unheil vermeiden. Damit wird nicht nur dieses Leben selber verlängert, sondern auch deine menschliche Würde erhöht. Bedenke, was für ein gebrechliches Ding das Leben ist, besonders das eines Samurai. Tust du das, so wirst du dazu kommen, daß du jeden Tag deines Lebens als den letzten ansiehst und ihn zur Erfüllung deiner Pflichten nutzest. Laß die Vorstellung eines langen Lebens nie Gewalt über dich gewinnen, denn sonst wärest du fähig, in Zerstreuungen aller Art dich selbst zu verlieren und deine Tage mit Schande zu beschließen. Aus diesem Grunde hat Masashige, wie es heißt, seinem Sohne Masatsura empfohlen, den Gedanken an den Tod allezeit im Herzen zu tragen.“
Der Verfasser dieses Lehrbuchs hat ganz richtig ausgesprochen, was unbewußt im Sinne des Samurai vor sich zu gehen pflegt. Die Gewißheit des Todes lenkt auf der einen Seite die Gedanken über die Schranken dieses beschränkten Daseins hinaus und macht sie auf der anderen Seite schärfer, so daß das tägliche Leben ernster genommen wird. So lag es für jeden nüchtern denkenden Samurai nahe, sich mit der Idee der Überwindung des Todes Zen zuzuwenden. Zens Verheißung einer Lösung dieses Problems ohne Ansprüche an Gelehrsamkeit oder sittlicher Schulung oder ein besonderes Ritual muß für das verhältnismäßig unkomplizierte Gemüt des Samurai eine starke Anziehung bedeutet haben. Es bestand eine Art logische Verwandtschaft zwischen seiner psychologischen Einstellung und der unmittelbar praktischen Schulung durch Zen.
Weiter lesen wir folgendes im Hagakure: „Bushido bedeutet den entschlossenen Willen zu sterben. Wenn du am Scheidewege stehst, zögere nicht, den Weg des Todes zu wählen. Aus keinem anderen Grund, als weil dein Sinn so erzogen und zu diesem Geschäft berufen ist. Es mögen manche sagen, wenn du ohne dein Ziel zu erreichen sterbest, so sei das ein nutzloser Tod, wie ein Hund zu sterben. Allein, wenn du am Scheidewege stehst, so brauchst du keinen Plan mehr, dein Ziel zu erreichen.
Wir alle ziehen das Leben dem Tode vor, unser Planen und Sinnen ist naturgemäß auf das Leben gerichtet. Wenn du dann dein Ziel verfehlst und am Leben bleibst, so bist du in Wahrheit ein Feigling. Das ist sehr zu bedenken. Falls du stirbst, ohne das Ziel zu erreichen, so mag das ein Hundetod sein, der Tod des Wahnsinns, aber deine Ehre ist unbefleckt. Für Bushido kommt die Ehre zuerst. Darum halte dir jeden Morgen und jeden Abend den Tod recht lebhaft vor Augen! Ist deine Entschlossenheit, in jedem Augenblick zu sterben, fest und unerschütterlich, so gelangst du zur Meisterschaft des Bushido, dein Leben ist ohne Tadel, und deine Plicht ist erfüllt.“
Ein Kommentator fügt eine Strophe von Tsukehara Bokuden, einem der größten Schwertmeister des 16. Jahrhunderts, bei:

„Das letzte Ziel der Zucht des Samurai
Und jeder Zucht, von welcher Art sie sei,
Ist eins und eins allein:
Im Angesicht des Todes bereit zu sein.“

Nagahama Inosuke sagt nach dem Hagakure: „Das Wesen der Schwertkunst besteht darin, daß man sich selber ganz und gar an die Aufgabe hingibt, den Gegner zu treffen. (So lange man an die eigene Sicherheit denkt, kann man den Kampf niemals gewinnen.) Ist der Feind ebenso bereit, sein Leben dafür hinzugeben, so stehen zwei Ebenbürtige einander gegenüber. Die Entscheidung ist Glaube und Schicksal.“ Die Worte des Kommentators lauten: „Araki Matayemon (ein großer Schwertmeister der frühen Tokugawa-Zeit) erteilte seinem Neffen Watanabe Kazuma folgende Belehrung, als sie im Begriff standen, den Entscheidungskampf mit ihren Feinden zu beginnen: „Wenn der Gegner deine Haut ritzt, so schneid in sein Fleisch; schneidet er dir ins Fleisch, so hau ihm in die Knochen; trifft er deine Knochen, so nimm ihm das Leben!“ An einer anderen Stelle erteilt Araki den Rat: „Wenn du dabei bist, das Schwert mit deinem Feind zu messen, so sei bereit, dein eigenes Leben vor ihm zu vergessen. Solange du im geringsten daran denkst, wie du heil davonkommen könntest, bist du schon verloren.“

(Dieser Beitrag wurde dem kürzlich in der Deutschen Verlags-Anstalt Stuttgart erschienenen Buch „Zen und die Kultur Japans“ von D.T. Suzuki, Zen-Priester und Professor an der Buddhistischen Hochschule in Kyoto, entnommen. Suzukis Werk ist ein höchst aufschlußreicher Beitrag nicht nur zum Verständnis der Zen-Lehre, einer in Ostasien entwickelten Form des Buddhismus, sondern auch über die geistigen Grundlagen der Kultur und der Nationaltugenden der Japaner. 269 Seiten mit 20 Abbildungen; gebd. RM. 8,50)

(Diese Anschauungen, die sich auch als Instruktion für Selbstmord-Attentäter eignen, sind identisch mit meiner Ausgabe von 1958. Typisch ist, daß Suzukis Verflechtung mit dem japanischen Militarismus vor und während des 2.Weltkriegs im Wikipedia-Artikel nicht einmal erwähnt wird. Als ob Suzuki während dieser Zeit gar nicht in Japan anwesend war. Auf diese Weise konnte es zu einem nahtlosen Übergang in die Nachkriegszeit kommen, ohne daß späteren Bewunderern wie mir bewußt wurde, in welchem Maße die größten Apologeten des Zen in den Faschismus verwickelt waren.)

2 Gedanken zu „Zen und der Samurai

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