Weltkontakt

Stephan-Herczeg

„Ich kann bei Ebay einen Trecker ersteigern, langjährige Freundschaften mit einer Email beenden oder auch Fotos von seltenen Hautkrankheiten auf meine Homepage stellen.“ Horst Evers (*1967), „Gefühltes Wissen“

Die „Social Media“ bieten wirklich eine Menge, besonders für einen wie mich, der extrem isoliert lebt. Das von Brecht postulierte Radio-Modell, welches im Sinne echter Kommunikation für Sender und Empfänger Gleichberechtigung herstellt, scheint nun wirksam. Da ist es schon etwas enttäuschend, wenn man von potentiellen Kommunikations-Partnern nicht mal auf Anhieb sagen kann, ob es sich um Mann oder Frau handelt. Mag sein, daß das heutzutage nicht mehr so wichtig ist. Doch allein auf die Kraft des Wortes zu vertrauen (womöglich ganz ohne Bilder), erscheint kühn. Da haben selbst Bibel- und Koran-Lektüre manchen zum Atheismus konvertieren lassen. Wer nur gemäß Max Frisch vorgeht („Schreiben heißt sich selber lesen.“), kann kaum Feedback erwarten.
Verständlich, wenn kein Porträt-Foto angeboten wird. In vielen Fällen ist das besser so. Alter, Nationalität, Wohnsitz auch nicht? Stattdessen Kettenbrief-„Awards“? Die sagen eher Gegenteiliges über den aus, der darauf reingefallen ist, als die vom Erwählten ersehnte Ordensverleihung. Was erwartet solch ein Blogger eigentlich von seinen Lesern? Daß sie ALLES lesen, um sich vielleicht die dahinterstehende Persönlichkeit rausfiltern zu können? So eine Art „hidden-objects-blog“? Dabei in asiatischen Blogs kaum fündig zu werden, sollte nicht überraschen, denn dort dominieren Normen und Verhaltensformen, die den Menschen an Selbstentfaltung hindern. Erfolgreiche Anpassung an Gruppen ist eher gefragt. Mangelnde Offenheit, die Angst aufzufallen bremsen Kommunikation aus. Dagegen finden sich in der europäischen Tagebuch-Kultur schon bei Wilhelm von Humboldt genaue Angaben über Ausgaben für Bordell-Besuche.
Oftmals erstaunen mich sehr freizügige Blogs deutscher Lehrer, denn das Verbot, Interna zu veröffentlichen, gilt sicher immer noch. Kein Wunder, wenn kaum Fotos mit Identfizierbarem gezeigt werden. Trotzdem stelle ich es mir nicht als sehr schwierig vor, die Autoren zu enttarnen. Vorsicht scheint also geboten, denn D ist immer noch „Klein-Bloggersdorf“. Während im Krieg das Tagebuchführen verboten war (ohne durchgreifenden Erfolg), findet man aktuell im Internet so manche Hilfe für die strategische Positionierung.
Aber nicht vergessen: „No one cares what you had for lunch.” (Nüsse mit Schokoladenüberzug & Sirsak-Milch-Shake aus eigener Produktion)

Foto oben: Stephan Herczeg, „Blogeintrag”, Museum für Kommunikation, Frankfurt

Graffito-Frankfurt

3 Gedanken zu „Weltkontakt

  1. oh, ich??

    Aber das gefällt mir: „Schreiben heißt sich selber lesen.“ Ich betreib ja die Bloggerei für mich und les auch eigene Posts und hör die eingestellten Videos. Oke, wenn anderen das gefällt. Wems nicht gefällt, der kann ja weiterziehen.

  2. ja das finde ich auch, ich mach das genauso wie zweitesselbst, ich kann ihm nur rechtgeben, wem mein blog nicht gefällt, darf ruhigen gewissens weiterziehen

  3. Pingback: Elektronisches Kokain | Flaschenpost

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