Heimatgefühle

Teddy-Frankfurt

„Du kannst bey deiner Zurückkunft andern guten Freunden mit den Nachrichten dienen, dich dessen nach lange verfloßner Zeit mit Plaisir erinnern, wo du gewesen, wie es dir ergangen u.s.w. und erweist auch, daß du mit Nutzen gereist bist.“ Julius Bernhard von Rohr, Leipzig 1730

Bloß mit dem Gewinnspiel im TV komm ich nich klar. Für das Wort „Him_elsric_tung“ werden die fehlenden Buchstaben gesucht. Dann kricht man was umsonst. Himbelsricxtung? Himülsricstung? Iss mir einfach zu schwer. Wenn ich bloß wüßte, wo’s langgeht! Zum Glück gips da diesen Globus am Mainufer.
In der Abflughalle in Frankfurt, wo mich folternder Brot-Duft umgibt (Wie werde ich das vermissen!), sitzt mir ein nahöstlicher Klotz gegenüber, der nach Beirut will, und hält sich eine dieser dünnen Schachteln ans Ohr, mit der er spricht. Sein Deutsch klingt wieder irgendwie merkwürdig, vor allem aber sehr laut: „So, isch mach jetz ma mein Gebett!“ Und dann küßt er die Schachtel mehrmals, so daß es heftig quietscht. Dabei bin ich sicher, daß er nur wegen der deutschen Backwaren hier ist. Inmitten der Wartenden zeigt eine junge, schlanke Mulattin Tanzbewegungen zu einer nicht hörbaren Musik und balanciert dabei ein Plastik-Tablett auf einer Hand, von dem das Kabel zu ihrem Ohr führt. Sowas kenne ich sonst nur von Irrenhaus-Freigängern. Ganz frei in seiner eigenen Welt fängt dann auch ein Neger an, sich mit Knopf im Ohr rhythmisch wie ein Taubstummen-Lehrer zu bewegen. Am Neumarkt in Köln gips einen ganzen Laden voll mit Knopf-im-Ohr-Figuren, mit denen fast jeder Deutscher aufgewachsen ist, sogar Angela Merkel! Und jetz sindse selber welche. Als ich noch im Hotel auf das Freiwerden des Internet-Terminals warte, der von einer Chinesin besetzt ist, flüstert mir die bedienende Russin ins Ohr: „Das Komisch iss, sie hat eine Tablette!“
Eins der Bücher, die ich mir kaufte, heißt: „Was nimmt man mit, wenn man nicht wiederkommt?“ Nun, ich hätte gern noch mehr Bücher mitgenommen, besonders die meist zu schweren Kunstbände. Ferner wenigstens 1 Vollkornbrot und einige Liter iltalienisches Eis.

Und wann wußte ich, daß ich wieder zurück war? Als die Bank wackelte, auf der ich in der Transit-Halle des Changi-Airports in Singapore saß. Mit mir 2 junge, laute Frauen aus Manado. Sie schlackern mit den Beinen, zittern mit den Füßen, stemmen sich gegen die Rückenlehne. Das haben sie schon als Kleinkinder gemacht und nie damit aufgehört. Die Wilden sind auf so nervöse Weise lebhaft, daß sie nicht stillsitzen können. Das vermittelt mir immer ein Gefühl wie beim Erdbeben. Heimatgefühl.

Etwas habe ich in D zurückgelassen: Ameisen. Sie sind so klein, daß man sie mit bloßem Auge kaum erkennen kann. Schon beim Kofferpacken entdeckte ich welche in der Kofferdichtung. Einige überlebten den kalten Flug nach Frankfurt. Wenn es jetzt also in Köln und Frankfurt zur Invasion durch neuartige Ameisen kommt, ist das meine Schuld.

„Doch nun ist ihm, als ob er die Reise gar nicht gemacht habe, denn immer waren seine Gedanken weit von seinem Leibe und außerhalb des Bootes. Er hätte gut in seiner Hütte in Upolu bleiben können … Traurig ist das Los der Denker, die in die Ferne denken.“ Reden des Südseehäuptlings Tuiavii aus Tiavea

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