Wie ich die Ziege nicht sah

ohne-Ziege

Die 2. Gänsehaut bekam ich im Museum für Moderne Kunst, dem 1991 eröffneten „Tortenstück“ von Frankfurt. Es ist von Hans Hollein auf einem dreieckigen Grundstück errichtet und von genialer Architektur, die stellenweise die ausgestellten Werke überspielt. Als ich mich dem Raum nähere, in dem das Environment „Blitzschlag mit Lichtschein auf Hirsch“ von Joseph Beuys ausgestellt ist, trete ich nicht näher sondern biege rechts ab. Dort mach ich mein Handphone bereit, komme zurück und fotographiere heimlich die Situation mit der Wächterin. Im San Francisco „MOMA“ verschwanden die Wächter immer, wenn ich sie mit den ausgestellten Werken aufnehmen wollte. Hier muß ich auf einem Zettel meine Adresse angeben und mir einen Aufkleber anheften, um fotographieren zu dürfen.
Für mich ist dieses Arrangement sehr viel ausdrucksstärker als die Installation selbst, Ausdruck eines Dilemmas, in dem sich jene Art von Kunst befindet. Auch den Raum daneben, in dem Videos von Beuys-Happenings gezeigt werden, betrete ich nicht, denn ich ziehe es vor, etwas zu sehen, was ich noch nicht kenne. In einem fast dunklen Raum hängen 4 Leinwände mit Abstand vor den Wänden. Als sich meine Iris langsam öffnet, bewege ich mich auf die Mitte des Raumes zu, während plötzlich abstrakte Projektionen auf den Leinwänden erscheinen – dazu setzt ohrenbetäubender Lärm ein, der mir das Gefühl vermittelt, gleich von einem Zug überfahren zu werden. Gänsehaut. Es fehlen noch Fransen von der Decke, die einem über den Kopf streicheln, dann wäre der Geisterbahn-Effekt erreicht. Ob in diesem Raum schon mal ein Besucher einen Herzanfall bekommen hat? Einen erklärenden Handzettel gibt es nicht.
Das ist bei Beuys ganz anders. Er hat immer viel „erklärt“, ohne daß man ihn verstanden hat. Beuys ist der Lackmus-Test für Kunstverständnis. Sage mir, wie du über Beuys denkst, und wie du es ausdrückst, und ich sage dir etwas über deine intellektuellen Grenzen. Präziser als Handlesen.
Und so habe ich die Ziege verpaßt, denn die komplexe Raumplastik soll angeblich eine enthalten – zusätzlich zu Hirsch und Urtieren. Das umfangreiche Faltblatt versucht Hilfestellung zum „Verständnis“ des Werks zu geben, das sich zwischen den Polen einer individuellen Mythologie bewegt: hart – weich, kalt – warm, eckig – chaotisch, Tod – Leben, Technik – Natur, denken – fühlen. Da Beuys das Denken dem eckigen, kalten Todespol zuordnet, sind für das Verständnis seiner „Sozialen Skulpturen“ eher die Sinne gefragt: „Die Kunst ist nicht dazu da, Dinge zu erklären, sondern die Kunst ist dazu da, die Menschen betroffen zu machen und ihren ganzen Sinnzusammenhang, also ihren Sehsinn, ihren Hörsinn, ihren Gleichgewichtssinn zu aktivieren und zu einem Fähigkeitsprinzip für ihre Arbeit zu machen.“ Dabei vermitteln seine Environments Werkstatt-Charakter, als ob da etwas am Entstehen ist, an dem sich der Besucher beteiligen könnte (Wehe!). Doch hoffnungslos bleibt es, Ziege, Hirsch, Blitz und Urtiere zu suchen. Die 39 fremdartigen gestalterischen Elemente wachsen nicht wie bei Picasso zu Bekanntem zusammen, sondern bleiben mehr oder weniger abstrakt. Die Erkenntnis wird dadurch erschwert, daß ursprünglich natürliche Stoffe wie Lehm hier mit musealer Bronze wiedergegeben sind. Und der Betrachter kann sich fragen, ob es nicht reicht, das Werk nur zu sehen, anstatt es mit einem Überbau auszustatten, dessen Stringenz fraglich bleibt: „Da steht sozusagen das Tier im Menschen drin … Das Tier als ein Außenorgan des Menschen, das heißt, das Tier gehört zum Menschen.“ Das „naturerhaltende (Ziege/Hirte) und das technische (Bergwerk/Lore) Prinzip als das korrelative System eines ausgewogenen Menschen, der sich seiner Ganzheit bewußt ist“. Ohne diesen anthroposophischen Nebel wäre mir die Installation auch recht. Und Beuys-Apologet Johannes Stüttgen hätte besser geschwiegen, damit nicht noch Generationen von Kunsthistorikern über einen Satz wie diesen lachen: „Das Gesamtvolumen des Lehmbergs entsprach übrigens dem von Beuys’ eigenem Düsseldorfer Atelier.“

Ein Gedanke zu „Wie ich die Ziege nicht sah

  1. Pingback: Bedroom | UNGEMALTES

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s