Schwankende Perspektive

Max-Beckmann

Eins der faszinierenden Öl-Gemälde Max Beckmanns (1884-1950) zeigt „Die Synagoge“ (1919, 89 x140cm). „Die Linearperspektive, seit der Renaissance die europäische Malerei beherrschend, ist verlorengegangen. Drückt das Schwanken der Häuserfronten nur die Betrunkenheit der drei kleinen, wahrscheinlich gröhlend vom Karneval heimkehrenden Gestalten aus? Oder gerät die Welt schon aus den Fugen? Noch herrscht tiefster Friede um das jüdische Gotteshaus, ein irgendwie unheimlicher Friede. Daß man im nachhinein eine Vorahnung zu spüren glaubt, ein Vorgefühl der Brandstiftungen vom November 1938, denen auch die Synagoge am Börneplatz in Frankfurt zum Opfer fiel, mag eine Täuschung sein. Doch das Wort ‚Not’ auf der Litfaßsäule ist deutlich genug.“ (Stephan Lackner)
Der pessimistische, zu Depressionen neigende Maler wollte die „Weisheit mit den Augen suchen“. „Ich bin der Ansicht, daß der Dreck überall derselbe ist, die Reinheit liegt im Willen. Bauern und Landschaft ist sicher auch etwas sehr Schönes und gelegentlich eine schöne Erholung. Aber das große Menschenorchester ist doch die Stadt … Völlige Absentierung, um die bekannte persönliche Reinheit und Versenkung in Gott zu erwischen, ist mir vorläufig noch zu blutlos und auch zu lieblos. Das darf man erst, wenn man sein Werk getan hat, und unsere Arbeit ist die Malerei … Das ist ja meine verrückte Hoffnung, die ich nicht aufgeben kann und die trotz allem stärker ist in mir als je. Einmal Gebäude zu machen zusammen mit meinen Bildern. Einen Turm zu bauen, in dem die Menschen alle ihre Wut und Verzweiflung, all ihre arme Hoffnung, Freude und wilde Sehnsucht ausschreien können. Eine neue Kirche. Vielleicht hilft mir die Zeit.“ (1920) 1922 malte er den „Eisernen Steg“ (120 x 84cm). Die Zeit half ihm nicht, sondern 1933 wurde er als Lehrer an der Städelschen Kunstschule (Frankfurt) entlassen, seine Arbeiten als „entartet“ eingestuft und 590 Werke beschlagnahmt.

Beckmann-Eiserner-Steg

Pfingstmuell-Frankfurt

2 Gedanken zu „Schwankende Perspektive

  1. Das stimmt! Ich habe es der Fotographie angeglichen, aber vielleicht ist es die falsche Kirche?
    Immerhin existieren SW-Drucke, bei denen es Beckmann anscheinend egal war.

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