Subversion mit Eis

Paulskirchenverfassung von 1848
Artikel IV.
§ 143. Jeder Deutsche hat das Recht, durch Wort, Schrift, Druck und bildliche Darstellung seine Meinung frei zu äußern.
Artikel V.
§ 144. Jeder Deutsche hat volle Glaubens- und Gewissensfreiheit.
Niemand ist verpflichtet, seine religiöse Überzeugung zu offenbaren.
§ 145. Jeder Deutsche ist unbeschränkt in der gemeinsamen häuslichen und öffentlichen Übung seiner Religion.
Verbrechen und Vergehen, welche bei Ausübung dieser Freiheit begangen werden, sind nach dem Gesetze zu bestrafen.
§ 146. Durch das religiöse Bekenntniß wird der Genuß der bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte weder bedingt noch beschränkt. Den staatsbürgerlichen Pflichten darf dasselbe keinen Abbruch thun.
§ 147. Jede Religionsgesellschaft ordnet und verwaltet ihre Angelegenheiten selbstständig, bleibt aber den allgemeinen Staatsgesetzen unterworfen.
Keine Religionsgesellschaft genießt vor andern Vorrechte durch den Staat; es besteht fernerhin keine Staatskirche.
Neue Religionsgesellschaften dürfen sich bilden; einer Anerkennung ihres Bekenntnisses durch den Staat bedarf es nicht.
§ 148. Niemand soll zu einer kirchlichen Handlung oder Feierlichkeit gezwungen werden.

Roemerberg

~200 Frankfurter, überwiegend ältere, am Pfingstsonntag auf dem Römerberg. Hier feiert die St. Paulsgemeinde, die auch die „Jemaat Kristus Indonesia“ beherbergt. Und schon bin ich wieder mitten drin in der Soße. 2 Pastorinnen werden verkabelt, die kleinere mit dem großen Kopf offensichtlich Indonesierin. Ein Mädchen im Batik-Kleid tanzt um sie herum.

verkabelt

„Kirche macht Musik“. Das hat sie schon immer getan, nur ist es jetzt fetziger Reggae. Seelen fischen um jeden Preis. „Laß dich finden!“ fordert die Sängerin. Wieso? Noch habe ich mich in Frankfurt nicht verirrt. Hier behalte ich leichter die Übersicht als in Köln, weil die Wolkenkratzer überall als Orientierungspunkte helfen.
Nun darf die dicke Ursula auf der Bühne erzählen, wie sie mit Kindern singt. Ob das auch konfessionslos geht? Dann wird weitergegospelt mit großem Orchester: „Gott, manchmal ist mein Herz schwer.“ Ich staune immer, woher die Leute wissen, an wen se sich da zu wenden haben. 2 Männer vorne am Bühnenrand übersetzen den Text in Gebärden-Sprache. Schieb noch ein paar Rollstuhlfahrer in den Vordergrund, und schon ist bewiesen: Hier ist man sozial.
„Meine Augen sind so schwer, daß sie nicht sehen.“ Das stimmt nicht ganz. Seit dem Hinflug sind sie gerötet von der trockenen Luft, und das bleibt so bis zur Rückkehr an den Äquator. Sehen kann ich jedoch genau, was für eine Show hier läuft.
„Meine Beine sind so schwer, daß sie nicht gehen.“ Teilweise richtig, denn ich marschiere stunden- und kilometerlang durch Köln und Frankfurt. Manchmal 6Std. am Tag. Es gibt so viel zu sehen – in Museen, nicht in den Kirchen.
„Meine Gedanken sind so schwer, daß sie nicht …“ Da versagt leider die Akustik. Iss eben schwierig mit Singsang-Information. Was könnte mit den Gedanken lossein? Meine werden weich. Hier in die Schaufenster-Nische eines Ladens zur Anpassung von Kontaktlinsen gelehnt, wird es mir feucht in den Augen. Etwas was meinen Augen eigentlich die ganze Zeit fehlt. Aber es ist auch anderes falsch in meinem Leben, worauf der Lied-Text anspielt. Es fehlt einiges, z.B. das Recht auf freie Meinungs-Äußerung und freie Religionswahl, die Unverletzlichkeit der Wohnung, das Leben im Rechtsstaat, all die guten Verfassungs-Grundsätze, die auf einem Videoschirm in der Paulskirche gleich nebenan aufgelistet werden. Auch das Schwinden von Kraft und Gesundheit ist ein Grund für schwere Gedanken.
Choräle werden gesungen. Musik, die nicht belästigt. Sauber dargeboten, schwer und erhebend zugleich. Die Boxen-Anlage des Groß-Konzerts entspricht der einer privaten Minahasa-Party. Dann erzählt einer dieser verwirrten Nachwuchs-Christen auf englisch, daß angeblich ein heiliger Geist mit Krach vom Himmel gekommen wäre. Eben! Das iss ja das Problem da, wo ich lebe. Doch hier zwingt mich niemand „zu einer kirchlichen Handlung oder Feierlichkeit“ – wie das in Indonesien täglich überall geschieht. Stattdessen nehme ich auf einer der Bänke Platz, um mit Musik-Begleitung in Ruhe mein italienisches Eis zu schlürfen. Eine junge Frau hinter mir sieht das und geht los, um sich auch eins zu kaufen. Und schon war ich wieder subversiv. „Show them!“ wie Valentin Abgottspon am Ende seines ketzerischen Vortrags forderte.

Kirchenmusik

2 Gedanken zu „Subversion mit Eis

  1. Pingback: Bühnenbild | Memoiren eines Waldschrats

  2. Pingback: Von Natur aus gut | Flaschenpost

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