Von gestern

hl-Hospital Frankfurt

„Niemand darf wegen seines Geschlechts, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden.“ (Artikel 3 GG)

3.Tag. Pfingst-Morgen. Allein die ~2½km durch die Innenstadt. Die Kölner schlafen noch. Nur die überall zu findenden Flaschenscherben vom Samstag-Abend zeugen von ihrer Anwesenheit. Durch mit Graffiti beschmierte Unterführungen gelange ich sogar in den wuchernden Dschungel Kölns. Stellenweise hat man nicht die Büsche beschnitten, die in die Fußwege hineinwachsen, sondern die Ketten abgehängt, die den Weg vor der Straße absichern. Selbst Vogelstimmen klingen aus dem Grün. Sonst ist alles still. Der „Abschiedsraum“ eines Bestattungs-Unternehmers sowieso. Nur das Ticken der Ampel-Elektronik begleitet mich durch die Stadt. Später dann Sonntagsgeläut aller Glocken Kölns wie ein Brausen in der Luft. Auf einer großen Kreuzung werden sich 1 Fußgänger und 1 Lieferwagen-Fahrer nicht einig und brüllen sich unflätig wie Platzhirsche solange an, bis der Wagen außer Sichtweite ist.
In der historistischen Feuerwache angekommen, in der die Tagung stattfindet, gibt es Gebäck an der Bar. „Die Hörnchen sind von gestern!“ warnt mich die Barfrau.
„Ich auch!“ antworte ich.
„Der war gut“, lacht sie. „Hab ich noch nicht gehört.“

Die ehemalige Verwaltungsrichterin und Abgeordnete Ingrid Matthäus-Maier hat das Wort. Eloquent stellt sie dar, was eigentlich lange bekannt aber bisher ohne Konsequenz blieb: Der große Trumpf der christlichen Kirchen, SIE wären die Träger der sozialen Hilfeleistungen in D, erweist sich bei genauer Betrachtung als Chimäre. Wie auch Dr. Carsten Frerk (*1945) detailiert nachweist, werden nicht nur die Gehälter parasitärer Bischöfe aus Steuergeldern bezahlt, sondern die Kirchen finanzieren nur zu einem unbedeutenden Teil Krankenhäuser und andere karitative Einrichtungen. Stattdessen akzeptieren sie u.a. die Steuergelder von mehr als 1/3 konfessionsloser Bundesbürger. Jene aber werden als Arbeitnehmer ausgeschlossen, wie eine von Dipl.pol. Corinna Gekeler zu erstellende Studie nachweisen wird, die u.a. ein Fallbeispiel meiner Frau enthalten soll, die seinerzeit nach der Aufzucht unseres Sohnes ihre Stelle als Krankenschwester in einem Diakonie-Krankenhaus nicht wiederbekam, weil sie inzwischen Buddhistin geworden war. Das Ärgernis, daß kirchliche Einrichtungen vom allgemeinen Arbeitsrecht ausgenommen sind, bringt Frau Matthäus-Maier so in Fahrt, daß ihr ein „Um Himmels Willen!“ rausrutscht – worauf das Publikum mit Gelächter reagiert.

Und dann bewegt Leo Igwe aus Nigeria, der wie Dan Barker als Evangelist ausgestiegen ist, in temperamentvollem Vortrag das Auditorium damit, was Christianisierung in Entwicklungs-Ländern anrichtet: „Non-believers live in constant fear about their life! … They are treated like criminals!” Sein Problem ist besonders der Hexenwahn in Nigeria (witchcraft). Unschuldige Frauen und Kinder werden willkürlich beschuldigt, Hexen zu sein und mißhandelt. Was die katholischen Missionare dazu sagen, wird er aus dem Publikum gefragt. Die katholische Kirche habe doch gerade wieder neue Exorzisten ausgebildet, antwortet er und wird richtig wütend: „Every organisation which propagates supernatural phenomena is part of the problem! I will tell that the Catholic church! This is the truth! If you don’t, I will!“ Und ich sage das an dieser Stelle allen Esoterik-Bloggern, Astrologen und den 15%, die die Existenz dämonisch begabter Menschen für möglich halten: YOU TOO!
In einem Interview der „Financial Times“ (25.5.) erklärte Pastor Hartmut Hegeler: „Übernatürliche böse Mächte kann ich mir nicht vorstellen. Sie lassen sich aber gut im Dienst von Religionen und Herrschenden funktionalisieren … Bis heute gibt es in den Kirchen Exorzismus-Beauftragte … In Tansania werden Albinos hingerichtet, weil man glaubt, nur der Teufel könne so eine Verfärbung der Haut hervorrufen.“

Der mit komödiantischem Talent vortragende Valentin Abgottspon hat ebenfalls Erfahrungen mit Angriffen christlicher Fanatiker im Kanton Wallis (Schweiz): Er wurde als Lehrer entlassen, weil er das Kruzifix im Klassenraum abhängte. „Wir müssen sie dazu bringen, sich selbst in den Fuß zu schießen. Eigentlich braucht man das nicht, weil sie es schon selber tun.“

Rebecca Watson, Feministin und Bloggerin, hat ebenso wie Dan Barker den Dom-Turm bestiegen. Das hat sie krank gemacht. Die christlich-amerikanische Rechte, die sie sprachlich ungenau jedoch inhaltlich treffend mit „Arschlücher“ charakterisiert, schreibt so etwas Gottes Einwirkung zu. Katula (Strafe Gottes) würde man auch in Indonesien sagen. Allerdings blieb der Tornado, der im Bible-belt wütete, unkommentiert.

Die Veranstaltung endet mit bewegendem Klavierspiel Dan Barkers (u.a. „Imagine“).

9 Gedanken zu „Von gestern

  1. Ich kenne jemanden, der in einem (wahrscheinlich demselben) Diakoniekrankenhaus am Rande eines kleinen norddeutschen Kreisstädtchens eine Ausbildung als Krankenpfleger absolvieren wollte. Damals konfessionslos, insbesondere nicht protestantisch konfirmiert, kam er dafür nicht in Betracht. Als Lösung zeichnete sich damals ab, Taufe, Konfirmandenunterricht und Konfirmation nachzuholen; zu diesem Zweck kam eigens ein Pastor mehrfach für ‚Einzelunterricht‘ ins Haus. Ich weiß nicht genau, wieviele Hausbesuche insgesamt überhaupt stattfanden und warum das Projekt letztlich abgebrochen wurde, jedenfalls schied damit das Diakoniekrankenhaus endgültig als mögliche Ausbildungsstätte aus. Aus eigener Erfahrung weiß ich allerdings, daß konfessionslose Patienten dort nicht vor die Tür gewiesen werden, sofern sie versichert oder zahlungskräftig sind.

  2. Genau! Und Juden stellen sie im Diakonie-Krankenhaus Rotenburg/Wümme „ausnahmsweise“ ein.
    Hier die Adresse von Frau Dipl.pol. Corinna Gekeler, die Fallberichte für die Studie sammelt: gekeler@gerdia.de

  3. meiner Tochter erging es ähnlich bei der Jobsuche als Kinderpflegerin, in Bayern gibts keinen job bei der Kirche ohne Taufe, auch nicht mit Vit. B. Zum Glück gibt es ausreichend Private oder staatliche Einrichtungen, denn im Falle einer drohenden Arbeitslosigkeit würde man Ihr am Ende zur Auflage machen sich taufen zu lassen… Vorteile ihrer Kindheit waren FREIE WAHL eines Religionsunterrichtes bzw. Ethik oder Freistunde…..

  4. Am 8.11.2013 um 21:45 auf ARD wird das Politmagazin Panorama dem Thema „Loyalitätsobliegenheiten in kirchlichen Einrichtungen“ einen Beitrag widmen, und zwar mit Corinna Gekeler als Expertin, danach auf http://daserste.ndr.de/panorama/ und später in der ARD-Mediathek unter http://www.ardmediathek.de (Suche: Panorama). Die Sendung wird der Startschuss für die Pressearbeit des IBKA sein, der die Studie ermöglicht hat. Ab Freitag wird eine Kurzzusammenfassung der Ergebnisse auf http://www.ibka.org/ und auf http://www.gerdia.de/ als pdf zum Download zur Verfügung stehen.

  5. Pingback: Strafe Gottes | Flaschenpost

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  7. Pingback: „Christen-Verfolgung“ | Flaschenpost

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