Deduktive Wissenschaft

Lego-Laokoon

Problematisch wird es am 2.Tag, als Rolf Bergmeier (*1940) das Publikum mit dem bedient, was es hören möchte, und sich dabei unwissenschaftlicher Methoden bedient: Seine These lautet, daß die Priesterkaste des Christentums in Europa die blühende Hochkultur der Antike mittels Umsteuerung der Kapitalströme in Armut und Finsternis verwandelt habe, aus der erst die Renaissance im Rückgriff auf griechisch-römisches Gedankengut herausfand. Dies legt er in der Kürze seines Vortrags auf eine haarsträubend holzschnittartige Weise dar. Angeblich erreichte die antike Welt eine solch kulturelle Höhe, daß z.B. der Idee des Schönen später nichts Neues mehr hinzugefügt wurde. Als Nachweis dient Bergmeier die berühmte Laokoon-Gruppe, die zwar als Höhepunkt der Steinbearbeitungs-Kunst aber auch schon als Ausdruck des Verfalls im Hellenismus gilt. Das Rätsel, warum diese Super-Kulturen alle verschwanden, wird gar nicht erst thematisiert. Hier einen Endpunkt der Kunst-Entwicklung zu setzen, bleibt noch weit hinter dem, was sich reaktionäre Kunsthistoriker geleistet haben, und entspricht der Idee von Kunst, die in folgenden Imperien zu Tode kopiert wurde. Solche Verallgemeinerungen sind beliebt aber unwissenschaftlich. Bergmeier hat in der Software-Industrie gearbeitet und dann Geschichte und Philosophie studiert. Seine geschichtlichen Zusammenfassungen und Bewertungen sind nicht auf der vollen Höhe wissenschaftlicher Erkenntnis. Allein für den Untergang des Römischen Reiches, das Bergmeier mit Freiheit, Büchern und Brunnen illustriert, gibt es keine monokausalen, linearen Begründungen. All diese Imperien tragen den Zerfall in sich. Das Römische Reich zerbricht u.a. an seinen sozialen Zuständen. Als die dekadenten Römer den Waffendienst ihren Sklaven überlassen, übernehmen jene schließlich den Laden (Ähnlichkeiten mit aktuellen Gesellschaftsformen sind rein zufällig!). Germanien war überhaupt nur zu einem kleinen Teil unter römischer Verwaltung, und nicht nur der Osten wird ab 1225 vom christlichen Deutschen Orden „entwickelt“. Allein die seit 1160 aus christlichen Vorstellungen enstandene Architektur der Gotik, die ja gerade für Köln signifikant ist, stellt eine bedeutende Weiterentwicklung der Baukunst dar. Würde Bergmeiers Forschung nicht durch Ideologie behindert, könnte er der wissenschaftlichen Erkenntnis folgen, daß es kein lineares Gut-gut-gut-schlecht-gut sondern nur etwas jeweils anderes in der „europäischen“ Geschichte gegeben hat, das sich nicht mit heutigen Maßstäben bewerten läßt. Nur das Schöne der einen und nur das Negative der anderen Kultur gegenüberzustellen, reicht nicht aus. Sein Argument, der sich in Folge der Christianisierung stark veringernden Anzahl von Büchern in den Bibliotheken, bleibt fragwürdig, denn ein Blick in Kölner Buchhandlungen würde bestätigen, daß dort – wie auch im Internet – nicht Qualität sondern Quantität vorherrscht, an der nicht Bewertung von Kulturveränderung festgemacht werden kann.
Nach seinem Vortrag weise ich ihn darauf hin, daß nicht eine ideale Hochkultur durch eine minderwertigere ersetzt wurde, sondern ein zeitlich versetztes Auf und Ab verschiedener Zentren stattfand, und man z.B. die Sklaven-Gesellschaft Roms nicht als eine beispielhafte Hochentwicklung ansehen könne. Obwohl sich an vielen Stellen, wo sich das christliche Mittelalter entwickelt, vorher überwiegend Wald und Unterentwicklung befand, weicht er aus, in dem er behauptet, daß die von den Römern besetzten Gebiete schon eine hohe Entwicklung genossen hätten, die vom Christentum zerstört wurde – womit wir wieder bei der Idee vom Fortschritt durch Unterwerfung angelangt sind.
Bergmeier: „Gerade scheint sich Deutschland auf einem Marsch in die Voraufklärung zu befinden.“ Zumindest wird mit dieser Art von Geschichtsverbiegung der Aufklärung kein Dienst erwiesen. Bergmeier ist Scholastiker, also einer der forscht, um etwas zu beweisen, von dem er glaubt, daß er es schon erkannt hat. Damit bedient er sich der gleichen Methode wie die, die er mit seinen Büchern und Vorträgen bekämpft.

Während Michael Nugent erklärt: „The key-battleground is actually the internet“, hat der promovierte Theologe Dr. Paul Schulz (*1937) ebenso wie Dan Barker und Leo Igwe die Seiten gewechselt. Nach einem Ketzer-Prozeß wurde er 1980 aus dem Pastorenamt in Hamburg entlassen. Er stellt seine neue, wertvolle atheistische Online-Enzyklopädie „Atheodoc“ vor.

Etwas unwohl ist es mir mit diesen Konvertiten, die nun mit neuem Programm auftreten. Dan Barker gibt zu, daß er eigentlich nichts Brauchbares erlernte und seine Zuhörer u.a. damit zu beeindrucken versuchte, daß er gelegentlich eine unbedeutende griechische Vokabel in seine Predigten einflocht. Er entschuldigt sich wenigstens dafür, lange Zeit Menschen mit seinem Enthusiasmus in die Irre geführt zu haben. Doch was unterscheidet solche Ex-Fanatiker von mir, der ich von Anfang an skeptischer war? Und wer weiß, ob nicht noch weitere Kehrtwendungen folgen.

Bei Taslima Nasrin (*1962 Bangladesch), die mit standardisierter Emotion ihre Vorträge hält, ist das anders. Sie hat ihre Heimat verloren und leidet darunter: „I have no home … The people who express solidarity with me, are my home.”

Kopf-ab

4 Gedanken zu „Deduktive Wissenschaft

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