Keiner da?

Christen-Bedarf

„Alles, was geschieht und was die Menschen tun und nicht tun, wird mitgeteilt; ihre schlechten und guten Gedanken ebenso wie wenn sie ein Huhn oder Schwein schlachten oder sich ein neues Canoe gebaut haben … Der Papalagi nennt dies: ‚über alles gut unterrichtet sein‘.“ Reden des Südseehäuptlings Tuiavii aus Tiavea

Im Hotel-Zimmer ist es so still, daß ich denke, die Kölner sind alle in Frankfurt. Auch geht die Sonne ungewöhnlich spät unter, so daß der Bischof den Kölnern wahrscheinlich befohlen hat, rechtzeitig schlafen zu gehen. Vielleicht verstecken sie sich bloß vor der kühlen Nacht. Der Sonnenaufgang früher als am Äquator. 6Uhr15 und immer noch keine Kölner zu sehen und zu hören. Nur Amseln unterhalten mich zum ersten Mal seit nun fast 12 Jahren wieder mit ihrem Morgengesang.

Als ich durch die Innenstadt gehe, bin ich wohl der einzige in Köln, der eine warme Winterjacke trägt. Entsprechend schwitze ich und die kurzärmligen und -hosigen Papalagi kucken komisch. Die Luft ist warm, staubig und knochentrocken. Meine Nase auch. Vor der „Geburtsstätte“ des echten Kölnischen Wassers, in der Glockengasse No.4711 – die einzige Zahl, die ich mir jemals dauerhaft merken konnte – sehe ich Flugsamen schweben. Der erste Laden, der mir auffällt, bietet christliche Bedarfs-Güter. Nicht der Schrott, der den Minahasa verkauft wird, sondern auf höchstem Niveau – wie auch die Bordelle: Priester-Kragen, Kerzen, Kruzifixe und andere Überflüssigkeiten.

Früh morgens im Starbucks Sessel mit großer Latte auf die Ladenöffnung wartend. Das sieht nicht wesentlich anders als in Singapore aus. Für mich ist es draußen kalt. Meine Nase läuft. Sehr zielstrebig und schnell gehen die Papalagi. Die Zahl der Kriminellen muß drastisch zugenommen haben, denn viele sind tätowiert, viele verkabelt und reden mit Knöpfen in den Ohren vor sich hin. Manche haben Strohhüte auf wie in den Tropen. Manche tragen lächerlich futuristische-Helme und fahren auf dünnen Rädern so schnell, daß man aufpassen muß. Fast laufe ich gegen ein Straßenschild.
Draußen vor der Scheibe eine schwarze Audi-Sport-Limousine K-OV 3000 mit Sportfelgen. Drüben im Passagen-Eingang wartet eine angegammelte Frau wie eine Prostituierte in Frühschicht. Die, trotz sehr leichter Bekleidung, sehr weißen weiblichen Papalagis, die mir begegnen, wirken überdimensioniert. Alle haben große Nasen und machen so weite Schritte, daß ihre oft gewaltigen Brüste wippen. Ihr Wippen paßt zur Musik im Café. Früher bin ich auch so gegangen. Die Passanten erscheinen komplex organisiert. Im schwarzem Anzug bewegt sich ein irgendwie Leidender in sich gekehrt auf seinen Arbeitsplatz zu.

Mein erster Versuch, wieder italienisches Eis zu essen, endet mit einem bekleckerten T-shirt. Alles ungewohnt. In der Warteschlange kommt es zu Unstimmigkeiten zwischen einem dicklichen Standard-Deutschen und einer grell-nuttig bekleideten Ausländerin. Irgendwie geht es um die richtige Reihenfolge in der Warteschlange, und auf welche Weise man schneller zu seinem Eis käme. Die Frau schimpft Unverständliches, der Mann schüttelt den Kopf. Scheinen sich leicht aufzuregen, diese Papalagi. Warum quälen sie sich gegenseitig und bringen sich dabei ums Leben? Stattdessen könnten sie sich doch über Geschmacksnuancen austauschen oder den Nächsten mal lecken lassen. Überall höre ich Fremdsprachiges, schon weil die Ausländer oft hemmungslos laut sprechen. An einem Brunnen sitzen Frauen mit Kopftüchern.

Die Preise scheinen sich fast verdoppelt zu haben, hoffentlich auch die Löhne? Der 1.Satz im TV: „Ich bin arbeitslos.“ Eine russische Pflegekraft beklagt sich. Wer soll denn jetzt pflegen? Ob sie wieder zurückwolle? Nein, noch nicht. Und in Hamburg sind 3 Wildschweine unterwegs. Zum Glück bin ich nicht nach Hamburg gefahren. In Toronto dürfen 2 schwule Pinguine 1 Ei ausbrüten. Neue Pinguin-Grundrechte? Auch der „evolutionäre Humanismus“, zu dessen Manifestation ich angereist bin, fordert einen „verantwortungsvollen Umgang mit der nichtmenschlichen Tierwelt“ („Great Ape Project“). Der Sprecher beendet die Nachrichten-Sendung mit dem Satz: „Nur noch 1 Arbeitstag, dann ist Pfingsten!“ Dabei sieht er glücklich aus. OH, SHIT! Auch DAS noch!

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