Frei von Furcht

Aris&Aung-San

„Es ist richtig, unsicher zu sein und zu zweifeln … Gebe nichts auf das, was du noch so oft hörst … auch nicht auf Tradition, auf Gerüchte … Wenn du für dich selbst etwas als falsch und schlecht erkannt hast, dann laß davon ab … Wenn du für dich selbst etwas als richtig und gut erkannt hast, dann nimm es an …“ Aung San Suu Kyi

Daß der Film „The Lady“ mich besonders bewegt hat, liegt nicht nur an gewissen Parallelen, wie mit Asien verheiratet zu sein, Stromausfälle und Mangel an Grundrechten zu erleben. Eine Frau, die plötzlich ihre kranke Mutter besuchen mußte und dann nicht zurück konnte, kenne ich auch! Während in D Teile einer verwöhnten Generation, die das Glück hat, in einem Rechtsstaat zu leben, traditionell zum 1. Mai Scheiben einschmissen, zeigte mir der Film, „daß Demokratie nicht nur Demonstrationen bedeutet“ und „daß Redefreiheit nicht nur heißt, jeden beleidigen zu können, den man beleidigen will“.
Den Erfordernissen des Kinos entsprechend, werden die komplexen historischen Vorgänge in Birma zwar auf Familienebene reduziert aber sehr bewegend dargestellt:

Aung San Suu Kyi (*1945), Tochter des 1947 ermordeten Begründers der Unabhängigkeit, Aung San, studierte Philosophie, Politik- und Wirtschaftswissenschaft, arbeitete im Sekretariat der UNO und heiratete 1972 den britischen Tibetologen Michael Aris. Ohne die Beziehung zum Westen hätte sie weder den Nobel-Preis bekommen, der nie vorher einer Frau in einer solch elementar bedrohten Situation verliehen wurde, noch Arrest und Hungerstreik überlebt. Auch hätte ihr buddhistisches Verhalten nicht zum Erfolg geführt: „Das buddhistische System ruft die Güte des Herzens an, und doch gibt es kein Land, in dem das Leben so blindlings, so grausam geopfert wurde, sowohl in der Strafverfolgung als auch bei der Sühne privater Verbrechen.“ (Kapitän Henry Yule, 1855)
Als im Jahre 1961 der Buddhismus zur Staatsreligion erhoben wurde, waren es militante Mönche, die zur Treibjagd auf Mohammedaner ansetzten. In der ganzen Geschichte Birmas findet man diese im Übermaß vorhandenen „Aufwiegler-Mönche“, die sich in der Wahl ihrer Mittel nicht von den sie umgebenden Menschen unterschieden, etwa als sie 1962 die amerikanische Botschaft mit Steinen bewarfen. Hiergegen setzt die „Lady“, die sich an Mahatma Gandhi und Martin Luther King orientiert, gewaltlosen Widerstand, den sie schließlich als Strategie für die gesamte Rebellion weitgehend durchsetzen konnte. Auch erinnerte sie die militärische Führung an zwei buddhistische Gebote: nicht zu lügen und nicht zu töten.
Mit Buddhisten, Kommunisten, Moslems und verschiedenen ethnischen Minderheiten gab es eine Menge Rebellen, die sich nicht zu einem Nationalstaat zusammenfügen ließen. Um offenen Bürgerkrieg zu vermeiden, bei dem es nicht nur auf Seiten der Machthaber extreme Brutalität gab (was der Film nicht zeigt), versuchten sich die jeweils Herrschenden in einem „buddhistischen Sozialismus“ oder auch „tropischen Marxismus“, der in Birma wie anderswo Gesellschaft und Wirtschaft ruinierte – schon weil wegen der relativ geringen sozialen Ausbeutung Birma ein ungeeigneter Kandidat für diese Denkmodelle war. „Unter dem totalitären Sozialismus hat die politische Führung durch die Mißachtung der tatsächlichen Erfordernisse Birma in ein wirtschaftliches und administratives Chaos geführt, in dem allein die Korruption der Regierung und der Bruch bestehender Gesetze die Räder des Alltagslebens am Laufen hielten.“ Schon ihr Vater ließ die unzähligen europäischen „Ismen“ außer acht und verlangte stattdessen, daß Ideen und Taten „in einer ununterbrochenen Abfolge von Bemühungen“ aufeinander folgen. Aung San Suu Kyi: „Eine Revolution, die nur darauf abzielt, im Hinblick auf materielle Verbesserungen die herrschende Politik und ihre Institutionen zu verändern, wird wenig Aussicht auf einen echten Erfolg haben. Ohne eine Revolution des Geistes werden jene Kräfte, welche die Ungerechtigkeiten der alten Ordnung verursacht haben, weiterwirken und eine ständige Bedrohung für den Prozeß der Reform und der Erneuerung darstellen.“ Entscheidend für die Korruption sei die Furcht: „… solange es nicht möglich ist, die Wahrheit frei und ohne Furcht auszusprechen, wird man auch die Unwissenheit kaum bekämpfen können. Wenn Furcht und Korruption aber so nahe beieinanderliegen, dann ist es wenig verwunderlich, wenn in allen Gesellschaften, in denen Furcht grassiert, auch die Korruption tief verwurzelt ist.“
Aung San Suu Kyi weiß, daß nationale Einheit nur durch Disziplin erreichbar ist. Auch dies eine Parallele zu Indonesien. Ihr Vater tadelte seine Landsleute unverblümt wegen ihres Mangels an Fleiß, Ausdauer und Disziplin. Leben war für ihn eine Art „Pilgerschaft auf der Suche nach Wahrheit und Vollkommenheit“.

Ich besitze weder Rede-Freiheit noch Wahlrecht (nicht in D, nicht in Indonesien), bin zwar weitgehend frei von Furcht, muß mir aber dabei vergegenwärtigen, daß man mich gelegentlich loswerden möchte, und sei es nur durch die jederzeit mögliche Ausweisung. Aung San Suu Kyi widerspricht der Auffassung von Menschen ohne Moral und Vernunft, es gäbe in der 3.Welt nationale Sonderwege: „Es ist keineswegs neu, daß Regierungen in der Dritten Welt ihre autoritäre Macht zu rechtfertigen und erhalten suchen, indem sie liberale demokratische Prinzipien als fremdartig verleumden. Als vermeintlich logische Folgerung beanspruchen sie für sich das alleinige und offizielle Recht zu entscheiden, was den landeseigenen kulturellen Normen entspricht und was nicht. Diese geläufige Propaganda, die lediglich der Machterhaltung der Regierenden dient, wurde von Politikwissenschaftlern, Soziologen und Juristen erforscht, analysiert und widerlegt … Die höchste Begabung eines Individuums wie einer Nation … ist Abhaya: die Unerschrockenheit. Gemeint ist nicht nur körperlicher Mut, sondern geistige Freiheit von Furcht.“

Ein Gedanke zu „Frei von Furcht

  1. Pingback: Das echte Lebensgefühl | Flaschenpost

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