Erbarmungslos und unübasichtlich

Finger-ab

Eli, der Entenschrat, der beim Entenhüten imma einen Motorrad-Helm trug, jetz aba nich mehr, weil er Schweine züchtet, hat einen Sohn namens Meldi, der Bau-Handwerker (bas) gelernt hat – was man hier so „gelernt“ nennt. Meldi arbeitet in Bram seiner Tischlerei. Bram hat ma mit Gun zusammen unser Cempaka-Holz veruntreut. Als Strafe (katula) hat Gott ihm seine Tankstelle angezündet, und Gun iss mit dem Motorrad tödlich verunglückt. Meldi hat sich mit Bram seiner Kreissäge einige Finger der linken Hand verkürzt: Den Zeigefinger auf die Hälfte, den Mittelfinger um 1/3, und am Finger, welcher angeblich „Ringfinger“ heißt – ich weiß das nich, weil ich nie Ringe trage – fehlt nun die Spitze. War Brams Werkstatt-Boden etwa nich rutschsicher? In D wird sehr auf sowas geachtet. In der Werkstatt, wo ich ma Werken-Lehrer war, gab’s einen uralten Linoleum-Boden, so abgetreten, daß man beim besten Willen nich ausrutschen konnte. Als das Gymnasium umgebaut und renoviert wurde, stellte die Bauaufsicht des Landkreises fest, der Boden im Werkraum sei nich rutschsicher. Daraufhin wurde ein spiegelblanker, mit Noppen versehener Gummi-Boden verlegt, auf dem man durch den ganzen Raum schlittern konnte. Deshalb mußte ich mich fortan beim Arbeiten an der Kreissäge immer mit den Beinen verkeilen, um nich ins Sägeblatt zu stürzen. Damals im Moor hat einer ne Hackmaschine erfunden und sich damit versehentlich einen Finger abgehackt. Eins seiner Hühner hat sich daraufhin den Finger geschnappt und iss davongerannt – verfolgt von den anderen Hühnern. Auch einer meiner Kollegen, der nich weit von mir wohnte, hat sich dort einen Finger abgesägt und zu seinen Töchtern gesacht: „Daß ihr mir auf den Finger aufpaßt! Daß nicht die Hühner ihn erwischen, und ich hinterherlaufen muß!“ Nu weiß ich aba nich, was mit Meldis Fingerstücken passiert iss. Vielleicht wurden die von Brams Ziegen gefressen. Meine fressen jedenfalls gerne Finger.

Als Meldis 3 Wunden nach 2 Monaten gerade verheilt waren, sollte er als bas beim kerja bakti – das iss dörflicher Arbeitsdienst – das morsche Dach des Bürgermeister-Amtes reparieren. Dabei brach er durch die Konstruktion, die nur aus verrostetem Wellblech und wurmstichigen Dachlatten besteht, blieb mit der Schulter am Holz hängen und stürzte dann auf den Betonboden. Da er nur am Hinterkopf eine Beule aufwies, wollte man ihn so schnell wie möglich loswerden, setzte ihn hinten auf ein Motorrad und schickte ihn nach Hause. Dort wurde ihm schwindelig, und er fing an zu kotzen. Also fuhr man ihn im Auto zum katholischen Krankenhaus in Lembean, wo man mir mal ein Stück Putz in den Zeigefinger genäht hat. Da Meldi sein Geld als Tagelöhner verdient, und seine Familie nichts zu essen hat, wenn er im Krankenhaus liegt, isser wieder nach Hause, wo er nur noch gekotzt hat. Daraufhin hat man ihn zum Scannen nach Manado gebracht. Um dafür das Geld zu beschaffen, wollte man seine Mutter Sintje kontaktieren, die auf der unserer Küste in Sichtweite vorgelagerten Insel Lembeh wohnt – aber auf der östlichen Seite, wo die Funken von diesen smarten Phonen nich hinfliegen können, weil sie vorher am Gebirgsrücken der Insel hängenbleiben. Deshalb mußte ein Motorradfahrer vom Hafen Bitung mit dem Boot zur Insel übersetzen, um dort Elsi, der ältesten Tochter von Sintje, alles zu erzählen. Elsi, die Lehrerin am Westufer der Insel iss, wo man bei stürmischer See den Berg raufflüchten muß, kletterte jenen hinauf und rief von oben ihre Mutter an, welche all ihr Geld, das sie nicht unbedingt braucht, für Goldschmuck-Käufe verwendet, weshalb sie beim Pflanzen in den Naßreisfeldern immer eine Beule in der Hose hat, wo sie ihre mindestens 70g Gold aufbewahrt. In den Hütten kann man es nich lassen, weil andere auch vorsorgen wollen.

Aba nu isses ja auch nich so, daß das Leben in D völlig sicha war. Zum Bleistift iss bei uns im Moor ma ein 59jähriger Bauer in seinem Gullyschacht ertrunken. Dem Kollegen, der sich den Finger abgesägt hat, fielen dessen Kühe auf, wie sie sich auf der Bundestraße vergnügten. Das kam zwar immer wieder vor, und ich habe oft genuch helfen müssen, diese Mistviecher in den Stall zu treiben, doch schickte der Kollege seine Frau zum Hof. Die Tür war abgeschlossen, ein Ölofen brannte, und dann fand sie den Mann, wie er kopfüber in dem 50x50cm, mit Wasser gefüllten Schacht steckte. Wieder ein anderer Moorbauer, ein früherer, spritzte seine Pflanzen so sorgfältig mit E605, daß er auch reichlich davon abbekam. Danach setzte er sich zum Schnaps und starb.

Ja, so erbarmungslos und dazu noch unübasichtlich springt das Leben mit uns um. Damit uns nu aba nich das Dunkle in Depressionen hinabzieht, wolln wir jetz ersma 1 Walzer tanzen. Darf ich bitten?

Ein Gedanke zu „Erbarmungslos und unübasichtlich

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