Inflation der Ansprüche

Kapitalist in Tropico 4

„Ich kenne eine Lehrerin, die morgens Butterbrote schmiert, nicht für sich, sondern für Schüler, die hungrig in die Schule kommen. Und ich kenne auch Leute, die nur noch ein (Prepaid)-Handy haben, weil sie sich den Festnetzanschluss nicht mehr leisten können.“ Modesty

Daß mein D-Bild trotz der Hitze im Jahre 2000 festgefroren ist, erwähnte ich schon irgendwo. Verschärfend kommt meine hartnäckige „Nachrichten“-Abstinenz dazu, weil ich in einem Alter bin, wo man zwangsläufig bezweifelt, daß ständig Neues passiert. Überhaupt besteht die Gefahr, weniger durch mehr Nachrichten zu wissen, weil man eigentlich nur den engsten Lebensraum wirklich begreifen kann.
So ist D also während meiner Abwesenheit „verelendet“. Kinder-Elend läßt keinen Widerspruch zu, und nur Hunde-Elend kann ähnliche Affekte mobilisieren. Dagegen ist Alten-Elend nicht so bedeutend, weil man die ja sowieso loswerden will. Kinder-Elend ist auch der ideale Motor, um die Konten von Spenden-Betrügern zu füllen. Fragt man nach, so gibt es in D hungrige Kinder und auch nicht. Massenhaft offensichtlich nicht. Versagen Sozialhilfe und Jugendämter? Ich weiß es nicht. Kindesmißbrauch und Vernachlässigung haben jedenfalls keine ökonomischen sondern psychologische Ursachen.
Ganz offensichtlich hat jedoch eine Veränderung der Ansprüche stattgefunden. Obwohl ich in D ohne Telefon und TV lebte, sind solche Geräte inzwischen anscheinend lebensnotwendig geworden. Daß indonesische Kinder ihre Eltern damit zu erpressen versuchen, sie gingen nicht mehr zur Schule, wenn sie kein Handphone bekämen, ist ein bemerkenswerter Kultur-Sprung – früher nur mit der Suche noch einem Bambus-Stock beantwortet. Kinder brauchen heutzutage erheblich mehr Geld, um am fremdgesteuerten sozialen Leben teilnehmen zu können. Dabei wird kaum noch in Frage gestellt, ob sie das müssen, anstatt zum Beispiel zu lernen. Ich erinnere mich noch gut an die Zeit, in der die Kleidung meines Sohnes immer doppelt so teuer sein mußte wie meine.
Nicht nur die Abbildungen der Spartakisten Liebknecht und Luxemburg anstelle eines Profil-Fotos weisen in die Windrichtung der Bloggerin. „Verelendung“ ist ein marxistischer Kampfbegriff. Verelendung des Arbeiters erfüllt die Hoffnung des Marxisten auf Bestätigung seiner geschichtlich-ökonomischen Analyse, in der das Proletariat eigentlich gut ist. Obwohl die Begriffe „Elend“ ebenso wie „Menschenrechte“ nur gesellschaftlich abhängig definiert und nicht als objektive Parameter vorhanden sind, werden sie gerne politisch instrumentalisiert und auf die ganze Welt bezogen. Läßt sich das Elend der Massen in Europa nicht überzeugend nachweisen, bleibt noch die unter dem Kapitalismus leidende 3.Welt, in der er an allem schuld ist. „Wissenschaftlich ist die monokausale Analyse, die der Basis-Überbau-Lehre zugrunde liegt, vollends unhaltbar. Die Erfahrung zeigt, daß jedem Ereignis ganze ‚Kausalfilze‘ – Ketten von Ursachen, die miteinander verbunden sind – vorhergehen. Wer ein geschichtliches Ereignis erklären will, muß stets mehrere Kausalketten heranziehen, ohne jedoch jemals alle Kausalketten erfassen und erschöpfen zu können … Es ist hier wie überall im System des dialektischen und historischen Materialismus: Ereignisse, die zuweilen beobachtet werden können, werden verallgemeinert und zu unantastbaren Gesetzen erhoben, ohne daß die empirische Grundlage für eine solche Verallgemeinerung im entferntesten ausreicht.“ (H.-H. Hartwich, „Politik im 20.Jahrhundert“)

Erstaunlich immer wieder, wie selbstbewußt das Weltbild derer vorgetragen wird, die ihre Informationen nur aus den Medien beziehen. Sich ohne Verlust der geistigen Gesundheit der Fülle des Lebens zu öffnen, ist nicht einfach. Wahrnehmung neigt dazu, Komplexes auf Erkennbares zu reduzieren, bekannte Muster im chaotischen Tao zu identifizieren, über die sich feste Aussagen anfertigen lassen. Obwohl auch Erlebniswirklichkeit (z.B. die Erfahrung von Glück ohne TV) relativ ist, endet die Bewertung von Vorgängen in fernen Ländern ohne direkte Erfahrung oft im Reproduzieren von Gemeinplätzen, deren Ursprung erheblich älter als mein D-Bild sein kann. So werde ich, der ich als weitgehend rechtloser Ausländer zwar Besitzer aber nicht Eigentümer sein kann, in der automatisierten Beschreibung von Mechthild Mühlstein zum „Imperialisten im Kleinstformat“, der in Indonesien „anderen Menschen die Lebensgrundlage entzieht“. Sinnlos, hier entgegenzuhalten, wieviele Indonesier ich unter Einsatz meines geistigen und praktischen Kapitals vor Hunger und Tod bewahre, sinnlos zu fragen, ob eine entsprechende Praxis eventuell auch bei Mechthild stattfindet, oder ob sie sich nur im Akademischen erschöpft, denn sie benutzt ihren intuitiven Verstand (schnell, automatisch, ohne Anstrengung) anstelle von reflexivem (langsam, bewußt, anstrengend). Geistige Abkürzung anstelle von unbequemer Informations-Suche. Ich könnte auch fragen, ob sie vielleicht zu jung ist, um sich eine Welt mit geringerem Lebensstandard und ganz ohne soziales Netz als lebenswert vorzustellen. Tu ich aba nich.
Und ich suche eine „Nische“? Na, da hilft ein Blick in den Atlas, WER in einem winzig-engen Land lebt!
Nachdem ich gerade mal wieder 3 volle Unterhosen aus meinem Bewässerungs-System gefischt habe, möchte ich noch abschließend feststellen, daß es hier keine Frage von Verelendung ist, ob jemand wie ein Schwein lebt, sondern das falsche Bewußtsein versaut die Basis.

„Geldnot, Existenzangst, Schuldgefühle, Depressionen – der Mensch im Kapitalismus ist eine kranke Kreatur. Als Gegenserum empfiehlt Tom Hodgkinson in ‚Schöne alte Welt. Ein praktischer Leitfaden für das Leben auf dem Land‘: Kündigt eure Bürojobs, lernt ein Handwerk, zieht aufs Land, backt Brot. Und: Spielt Ukulele.“ (2001-Katalog)

6 Gedanken zu „Inflation der Ansprüche

  1. Nun ja, so ist das halt mit der Wahrnehmung, jeder sieht das, was er sehen möchte: Ich behaupte gar nicht, dass Deutschland bereits verelendet sei – es ist aber unübersehbar, dass beginnend mit der Agenda 2010 eine systematische Verarmung der Massen eingeleitet wurde, die durchaus messbar ist und einen Zweck hat: In der Konkurrenz zu bestehen. Je billiger die deutschen Arbeiter werden, desto größer ist ihre Chance, dass sie sich auch morgen noch um einen Job (also um weitere Ausbeutung durch das Kapital) bewerben können. Dass dabei der eine oder andere unter die Räder kommt, wird dabei in Kauf genommen. Das ist ja der Witz an freier Konkurrenz. Deshalb bekommen die einen Kinder auch noch ein drittes Smartphone und die anderen nicht mal ein Frühstück.

    Auch regierungsnahe Institutionen veröffentlichen entsprechende Zahlen – da hab ich sie in der Regel her – denen wirst du wohl kaum marxistische Propaganda unterstellen wollen. Dass in anderen eurpopäischen Ländern ähnliche Entwicklungen statt finden, ist ebenfalls eine Tatsache. Das hat nichts mit einer Inflation der Ansprüche zu tun – aber durchaus mit einer Inflation des Euro. Und meine Lebenswirklichkeit finde zu weiten Teilen tatsächlich im Leben statt – ich bewähre mich seit Jahren in der Konkurrenz um einen Arbeitsplatz, erlebe, wie es von Jahr zu Jahr schwieriger wird, genug Geld für mich und meine beiden Kinder zu verdienen und kriege durchaus mit, was in der Schule und auch sonst passiert. Auch bin ich durchaus schon längere Zeit im Ausland gewesen und habe Freunde, die sich mit den Zuständen in anderen (auch so genannten Drittweltländern) Länder durchaus insidermäßig auskennen. Soviel zu einschlägigen Vorurteilen. Mit ist übrigens völlig egal wo und auf welche Weise du lebst – jeder muss halt sehen, wo er bleibt.

  2. Dies ist voraussichtlich der letzte kommentar, den ich hier schreibe – es hat keinen sinn. Du willst nicht diskutieren und ideen haben, Du willst bestätigung dafür, daß das was Du tust »gut« sei, oder irgendwas in der art. Bekommst Du von mir nicht.

    Du schreibst Du wärest mal so einer vom »linken weltschmerz« gewesen. »Links« und »weltschmerz« passen definitiv nicht zusammen.

    Du hast wenig ahnung davon, wie das leben in »schland« läuft, bilde Dir nicht ein, Du würdest dies land kennen, weil Du in den 70er jahren mal hier gelebt und gearbeitet hast.

    Deine moral vom »falschen bewußtsein« ist langweilig, weil schon mal gehört.

  3. Und dies schreibt Lehrerin Ruth:
    „Hi, Thomas,
    auf jeden Fall eignet sich die in den Medien häufig erwähnte „Kinderarmut“ gut dafür, Widerspruch welcher Art auch immer zum Schweigen zu bringen.
    Anscheinend ist es nicht genug, von Armut zu sprechen. Anscheinend ist es auch nicht notwendig, klarzustellen, dass „Armut“ an einer bestimmten „Einkommmensgrenze“ definiert ist, die in erster Linie ERWACHSENE betrifft und in der Folge erst Kinder.“

  4. „Seit im August 2008 mit der Pleite der Lehman Brothers der Stöpsel gezogen wurde und die ganze Finanzwirtschaft gurgelnd im Abfluss verschwand, wurden auch die bisher geltenden Glaubenssätze der Ökonomen in den Orkus gespült … Heerscharen von Wirtschaftsberatern waren nicht in der Lage, die nahende Finanzkrise zu erkennen und richtig zu reagieren … in der Theorie sind sämtliche Informationen in den jeweiligen Kursen enthalten, Spekulationsblasen sind deshalb unmöglich …von einem neuen Denken ist aber nicht viel zu sehen. Dafür werden alte Denker wieder ausgegraben – nein, nicht Karl Marx, wobei es kein Fehler wäre, wenn die Ökonomen auch mal ins Kapital schauen würden … Leider scheint Schumpeter aber damit zu irren, dass eine solche Situation zwangsläufig einen Übergang zum Sozialismus zur Folge haben werde – das wäre natürlich vernünftig, aber wie wir auch gesehen haben, ist Vernunft bei Wirtschafts- und Politikberatern, aber auch beim schlichten Mensch auf der Straße nicht unbedingt vorhanden. Man sollte sich allerdings auch nicht darauf verlassen, dass Marx bereits von der Geschichte widerlegt sei: Bei der derzeitigen Verelendung der Massen (Link zu „Asoziale Konterrevolution“), wie sie nun in Europa, aber auch in den USA inzwischen eingesetzt hat, kommen vielleicht auch revolutionäre Gedanken wieder in Mode.“
    Die hier zitierten Platitüden, die hauptsächlich die politische Ausrichtung dokumentieren, waren Ausgangspunkt meiner Frage, ob „Verelendung“ nicht ein zu pauschaler Begriff für die Situation in D wäre. Typisches Endergebnis der Diskussion ist der persönliche Angriff von Theoretikern gegen meine praktische Existenz, als ob ich ein Entwicklungshilfe-Programm zu rechtfertigen hätte. Das bestätigt dann mal wieder meinen Eindruck, daß manch wildgewordener Moralist gar keinen Maßstab mehr hat für die relative Sicherheit, in der er lebt – sofern er nicht gerade im Gefängnis sitzt.

  5. Und was weiß Wu?
    „… So arm, wie die Menschen – und Kinder – heute sind, wäre ich früher gerne gewesen. Armut ist immer relativ – heute bist du schon arm, wenn du bei den Markenklamotten nicht mithalten kannst. Ich will nicht sagen, dass das für die Kinder nicht schmerzhaft ist – aber es gibt immer noch die Eltern, die ihren Kinder Selbstwertgefühl und Lebensqualität jenseits von Handy und Playstation geben könnten.
    … Armut wird übrigens dahingehend definiert, dass man nur x % unter dem Durchschnittseinkommen liegt, insofern gibt es immer Armut in Deutschland.
    In der Schule gab es durchaus Schüler, die ohne Frühstück zur Schule kamen, aber wenn es uns (Lehrern) zu bunt wurde, haben wir z. B. den allein erziehenden Vater zitiert und die Auflage gemacht: 1. Marcel bekommt täglich warmes Essen, frische Wäsche und regelmäßigen Schlaf, 2. Vater hält mindestens einmal im Monat Kontakt zur Schule oder 3. wir informieren das Jugendamt! – und es hat geklappt!!
    Ein türkisches Mädchen aus einer eher fundamentalistischen Familie (unser Spruch: die haben zu Hause nur einen Teppich und einen Kompass) /Mutter Analphabetin/ sah – von uns gefördert – ihre Chance in Schulbildung und geriet schon in Panik, wenn sie nur eine Drei schrieb. Sie hat einen guten Abschluss geschafft und konnte sich erfolgreich gegen eine frühe Heirat zur Wehr setzen.
    Andererseits hatten wir in unserem historischen Schulgarten eine Gruppe von Jugendlichen, die – unter Anleitung eines Sozialpädagogen und weiteren Fachleuten erst mal mit dem Arbeitsleben vertraut gemacht werden mussten (Früh aufstehen, täglich erscheinen, bei der Arbeit einige Stunden durchhalten, …).
    Aus meiner Sicht kann man nicht behaupten, dass Menschen – und Jugendliche – der Verelendung (was für ein Begriff) preisgegeben sind (wenn sie es nicht wollen), aber das ist erstmal meine Meinung.“

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