Gemeinschaft oder Selbständigkeit?

Baumpflanz-Programm

Wenn ein indonesischer Professor zu sehr ähnlichen Ergebnissen kommt, über das, was Indonesien auf dem Weg zur gesellschaftlichen Weiterentwicklung hemmt, so ist das eine Bestätigung meiner Erfahrungen, nur bewirkt diese sehr dünne Oberschicht kritischer Intellektueller wenig. Joanes Riberu (*1931 auf Flores) war Professor an der katholischen Universität in Jakarta (pädagogische und juristische Fakultät). In seinem Artikel „Verantwortliche Gesellschaft“ untersuchte er besonders die Begriffe Gemeinschaft und Zusammenarbeit, die in Indonesien von offizieller Seite immer wieder als besondere nationale Werte präsentiert werden. Riberu stellte dazu fest, daß Gemeinschaft zuerst auf Familie und Klan bezogen ist, das Staatsbewußtsein dagegen eine sehr untergeordnete Rolle spiele. Dies sei ein Rest aus feudaler Zeit (inklusive der feudalen Diktatoren Sukarno und Suharto), in der der Staat übermächtig alles regelte, und Verantwortung des Einzelnen nicht gefragt war. Am Beispiel des „Gotong-royong“, der dörflichen Gemeinschaftsarbeit, wies er nach, daß sie nach außen als Einheit erscheine, tatsächlich jedoch Produktivität und Effizienz verhindert: „… dann hockt man zunächst einmal zusammen nieder, um einen Schwatz zu halten, zu rauchen und ein Frühstück einzunehmen …“. Beim Gemeinschaftseinsatz wird Geben und Nehmen genau aufgerechnet, wobei der faule, parasitäre Egoist nicht herausfällt, denn soziale Kontrolle verantwortungsloser Mißwirtschaft wird als Zeichen mangelnden Vertrauens abgelehnt. Aufträge für Straßenbau und Bewässerung im Tagelohn zu vergeben, leistet dasselbe, aber mit wesentlich geringeren Unkosten.

Ein anderer Begriff ist „Musyawarah“ (für mich inzwischen ein Reizwort), die gemeinsame Beratung mit dem Ziel allgemeiner Übereinstimmung. Diese erreicht man als Kompromiß ohne klaren, auf Fakten und Recht beruhendem Beschluß. Ohne den Mut zur Beschlußfassung mit fester Wertbestimmung – auch gegen Einzelne und Gruppen – „sind wir ein Volk, das niemals reif wird, sein Schicksal selbst zu bestimmen“, denn diese schwache Methode wird von skrupellos Asozialen weidlich ausgenutzt. Sie können sicher sein, daß eine eventuelle Beanstandung ihres Fehlverhaltens, wenn überhaupt dann gimpflich verläuft und damit u.a. die allgegenwärtige Korruption zementiert. Die sogenannte „asiatische Demokratie“ mit ihrem Vorrang personenbezogener Loyalität vor Institutionen, Gesetzen und Weltanschauungen zeigt keinerlei Vorteile vor westlichen Modellen. Auch ist das Bild eines kulturbedingt „liberalen“ Westens mit konfliktfreudigen und zugleich toleranten Individuen und Parteien ein politischer Mythos – so Sebastian Heilmann vom Institut für Asienkunde, Hamburg. Tatsächlich mußte diese Freiheit in langwierigen politischen Auseinandersetzungen gegen starke autoritäre Tradition erkämpft werden. Von diesen reichen Erfahrungen können asiatische Gesellschaften lernen.

Da Riberus Weltbild jedoch immer noch vertikal auf Gott bezogen ist, bringt er sich um akademische Glaubwürdigkeit. Immerhin erkennt er, daß die christlichen Geistlichen einen unangemessen hohen Stellenwert in der indonesischen Gesellschaft haben, und sich das allgemein religiöse Verhalten im pietistisch Rituellen erschöpft. „Wenn ein Mensch persönlich hervortritt, dann beweist er Mut zur Initiative, zum Risiko. Das ist die unentbehrliche Geisteshaltung: selbständig zu handeln und nicht zu warten, bis etwas von oben her geschieht.“Trotz seiner Forderung nach Individualisierung in der Erziehung mit dem Ziel der Selbständigkeit, bleibt sein phantasierter christlicher Gott doch oberster Herr, und wie die Islamisten auch, bedauert er jeglichen Dualismus von Kirche und Staat.

Quellen:
Rolf Italiaander, „Indonesiens verantwortliche Gesellschaft“, 1976
Sebastian Heilmann, „Kulturkampf in Ostasien: Autoritäre Traditionen und die Chancen des Westens“, „FAZ“, 19.4.1995

7 Gedanken zu „Gemeinschaft oder Selbständigkeit?

  1. Tabea, Hendra, I’m here since 2000, and because my Minahasa-wife speaks German nearly perfect, my Bahasa Indonesia sounds like baby-talk.

  2. Obwohl ich noch etwas Deutsch sprechen, ist es noch zu weit weg, in der Erinnerung … zu viele Jahren sind vergangen … Soooo … I think I’ll just have to continue in English. My understanding of German there’s not too much wrong with … I basically get the gist of what you’re writing about, and your picture really visualize independence🙂

  3. You mean, I should write in this strange language so that everyone notice how stupid I am? No way.
    OK, once for you. Short version:
    „Gotong-royong“ and „Musyawarah” are 2 central terms of Indonesian social philosophy.
    1. All work together on a village-project or for harvesting or for a funeral, which is a nice idea. But today, after the total failure of Communism, one has to be a lunatic to think this is a solution for modern societies.
    2. If there are social problems, no one calls the corrupt police, but all talk till common consense to get peace again. No one gets hurt or looses his face. It’s perfect for criminals, landlords and dictators. That’s why we have so much unsolved problems under the floor.
    Some think that these 2 ideas are better ways of a special Asian Democracy. The Catholic Prof. Johanes Riberu and I think, this is bullshit.
    And now I continue sleeping.

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