Pietismus

Missionar-auf-Nauru-1916

„Die Erkenntnis dessen, was ist und geschieht, sei es in der materiellen Welt oder in den immaterialen Substanzen, nennen wir historische Erkenntnis.“ Christian Wolff (1679-1754)

Ende des 17. und im 18.Jahrhundert entstand im deutschen Protestantismus die pietistische Bewegung. In seiner 1675 veröffentlichten Schrift „Pia desideria“ war Philipp Jacob Spener (1635-1705) davon überzeugt, daß bloße Erkenntnis wertlos sei, wenn sie nicht auch auf Gefühl und Leben wirke. Über den toten Buchstabenglauben der Orthodoxie hinaus sollte lebendige, disziplinierte Herzensfrömmigkeit und werktätiges Christentum verwirklicht werden.
Bedeutsam für den Pietismus (lat. pietas = Frömmigkeit; pietistisch = frömmelnd) ist die Lehre von der Wiedergeburt, die sich im Innern des Menschen abspielt. Dieser Vorgang der Erleuchtung durch den Heiligen Geist soll sich mit Tag und Stunde dokumentieren lassen. Der Erleuchtung folgt ein Leben mit guten Werken, die Ausdruck echter Frömmigkeit sind. Spener forderte häusliche Bibellektüre und Versammlungen (Collegia pietatis), in denen Laien unter Leitung des Pastors die Bibel studieren (Erbauungsstunde). Im Gegensatz zur protestantischen Pastorenkirche wurde ein allgemeines Priestertum eingeführt, in dem jeder Gläubige Seelsorge ausüben kann. 1686 begannen Francke, Anton und Schade an der Universität Leipzig die Bibel im Sinne des Pietismus zu erklären (Collegia philobiblica). 1690 deswegen ausgewiesen, verwirklichten sie ihre Anschauungen in Halle (Waisenhaus). Den jungen Theologen August Hermann Francke (1663-1727) hatte Gott persönlich in Lüneburg angesprochen, so daß jener „mit einem Strom der Freuden plötzlich überschüttet“ wurde. Nach dieser Bekehrung forderte Francke eine klare Abwendung vom weltlichen Wesen. Während Spener dafür noch verschiedene Wege gesehen hatte, sollte für Francke der Mensch durch Gerichts- und Höllenangst erschüttert in einen Bußkampf gestoßen werden, dessen Ziel ein spürbares Erlebnis der Vergebung ist. Handeln war entweder gut oder böse, Tanz, Spiel, Theater, Trunk und Scherz galten als Sünde. Wer hierin verhaftet war, konnte noch nicht wiedergeboren sein. Eschatologische Erwartungen (persönliche Wiederkunft Christi) wurden besonders von Johann Albrecht Bengel (1687-1752) und dessen okkulten Berechnungen verstärkt, wurden jedoch weder 1816 noch 1836 erfüllt. Im Gegensatz zu den Reformatoren, die zur Übereinkunft von Kirche und Staat neigten, strebte der Pietismus nach scharfer Abgrenzung von der Welt.
Nach Franckes Tod wandelte sich der Pietismus zunehmend in Schwärmerei, äußerliche Werkheiligkeit und Verfolgungssucht gegen die Wissenschaft (Vertreibung des aufklärerischen Philosophen Christian Wolff aus Halle unter dem Vorwurf des Atheismus). Durch den aufkommenden Rationalismus zurückgedrängt, fanden die sich absondernden Pietisten gemäß Speners Aufruf zur Sammlung der Kernchristen (ecclesiola in ecclesia = Kirchlein in der Kirche) Zuflucht bei der Herrenhuter Brüdergemeinde des Grafen von Zinzendorf (1700-1760) und den Methodisten.
Graf Zinzendorf, ein Schüler Franckes, hatte in Düsseldorf vor einem Jesus-Gemälde seine Erleuchtung erfahren („Ich hab‘ nur eine Passion, und das ist Er, nur Er.“), was zu einer abstrusen Verehrung der Wundmahle Christi („Bruder Lämmlein“) führte. Die Herrenhuter erfanden „Blutwundenfischlein“, „Wunderbienlein“ und „Kreuzvöglein“, was auf Dauer selbst Zinzendorf zu viel wurde. Frauen mußten Hauben tragen, deren Farbe ihren Stand (Mädchen – Witwe) kennzeichneten.
Die Heidenmission des Protestantismus wurzelt im Pietismus. Jedes Mitglied der Brüdergemeinde Zinzendorfs sollte aktiver Streiter Christi sein, in dem er nicht nur die protestantischen Karteileichen zu wirklich christlichem Leben erwecken sollte, sondern auch die Angst der Ungläubigen vor Dämonen war durch die vor der Hölle zu ersetzen. Eine spezielle Direktion leitete die Heidenmission („91300 bekehrte Heiden“ bis 1908). Aus der Isolation der Pietisten ist es zu erklären, daß die deutschen Helden der protestantischen Missionierung der Minahasa, Johan Riedel und Johannes Schwarz, in D völlig unbekannt sind. Den indonesischen Heiden ist es dabei gelungen, den pietistischen Zirkus auf animistische Weise zu adaptieren, ohne daß sie eine Notwendigkeit sähen, die daraus resultierenden Verbindlichkeiten für ein ethisch orientiertes Leben umzusetzen. Ein pietistischer Protestantismus mit täglichen Hauskreisen, persönlicher Gotteserfahrung, Spitzenplätzen in der Kriminalitäts-Statistik, zunehmend totalitäreren Erscheinungsformen und dem in Indonesien verbotenen Proselytismus (Mission im Einflußgebiet anderer Kirchen). Während deutsche Missionare die Heimatfront zu restaurieren versuchen, werden die meisten Missionare heutzutage aus Südkorea entsandt, und wer wie Schauspieler Ashton Kutcher den richtigen Riecher für Trends hat, investiert rechtzeitig in christliches IT-Business wie „Amen.com“.

http://www.ibka.org/tagung2012
http://imaginenoreligion2.com/imaginenoreligionkamloops/Imagine_1_Videos.html (1.Video mit Nate Phelps)

2 Gedanken zu „Pietismus

  1. Pingback: Indischer Kapitalismus | Memoiren eines Waldschrats

  2. Pingback: Gemeinschaft oder Selbständigkeit? | Flaschenpost

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