Win-win

zu-spaet

Und dann saßen wir zum xten Mal wieder zusammen in unserer javanischen pendopo und produzierten noch mehr heiße Luft: Der neue javanische Polizei-Chef, sein mich wieder begeistert (für’s Verbrecher-Album?) fotografierender Adjudant und später kam noch eine Obelix-Kopie dazu. Anlaß war die letzte Party eines Abteilungsleiters des hiesigen Agrar-Ministeriums. Sein Bruder ist ein bekannt betrügerischer Bauunternehmer, nebenbei ebenso Beamter wie dessen notorisch kriminelle Ehefrau – beide ständig auf der Flucht vor ihren Opfern, u.a. vor uns. Eine feine Gesellschaft war da also zur Geburtstagsparty von Om Jakob versammelt, dessen Qualitäten ich schon im „Wasserkrieg“ kennenlernte. Begonnen werden solche Ekstase-Feiern mit einem „Gottesdienst“. Von jenem bekommt man einen realistischen Eindruck, wenn man sich Goebbels-Reden in größtmöglicher Lautstärke anhört. Was ist der Sinn dieser noch in 3km Entfernung so überwältigenden Schwingungen, daß man eigene Audio-Erlebnisse nicht mehr genießen kann? Das fragte sich auch der Polizei-Chef, dessen starkes und humorvolles Debüt während der „sosialisasi“ Hoffnung auf resolutes Durchgreifen erweckt hatte. Stattdessen ging er erstmal in Urlaub und der Krach ungedämpft weiter – im Falle eines Nachbarn wiederum ohne polizeiliche Genehmigung. Wir ließen die Party um 22:00 durch die Polizei stoppen („Natürlich wieder der Jerman!“). Der Vorladung zum (2.!) Gespräch auf der Wache folgte der höhere Beamte erst gar nicht, weil er offensichtlich über dem Gesetz steht – wie viele seiner Art.
Anstatt die Vorschriften umzusetzen, verlangte der Polizei-Chef Kopien meiner Aufenthalts-Genehmigung und unserer deutschen Heirats-Urkunde. Denn, so argumentiert der engagierte Moslem, selbst wenn meine Frau anzeige, sei es in Indonesien Sitte, daß die Frau dem Mann folge, und der sei Ausländer. Mithin müsse sich der Beamte zuerst schlaumachen, ob unsere Heirat überhaupt legal sei.
An dieser Stelle sollte ich mich mit einem der Stricke erschießen, die ich von landlosen Bauern konfiziere, die ihre Rinder auf unserem Land weiden lassen. Doch da so ein Polizei-Beamter zwar mit gehobener doch begrenzter Rationalität auftritt, bleibt immer noch Hoffnung, solange man selbst rational und besser infomiert handelt.
Richtig ist, daß man die „embryonalen“ Gehirne – wie sie der Polizist selber bezeichnet – nicht frontal angreifen kann. Nur, wie dann? Von hinten, von der Seite? Wenn schon die Bitte, die Musik etwas LEISER (geschrien) zu machen, als Beleidigung aufgefaßt wird? Sind die Menschen in D so vernünftig, langsam zu fahren, oder werden sie durch empfindliche Strafen dazu gezwungen? Wenn einer meine Ziege killt, würde sich die Polizei zuerst bei der Imigrasi über mich erkundigen? Oder sind das subtile Einschüchterungs-Versuche wie in „Mississippi burning“? Nein, die Polizei habe mich zu schützen vor dem Mob aus Säufern, Spielern und fanatisch-religiösen Wirren (oft in Personalunion), die mich gern lynchen würden, weil ich sie STÖRE! Ich solle mit den Menschen hier kommunizieren, und welche „skills“ ich dafür hätte?
Lehrer für „pendidikan etika“, antworte ich etwas provozierend (Ethik-Erziehung).
Eine „win-win“-Situation müsse man schaffen, doziert der im Laufe der Diskussion zunehmend weicher werdende Polizei-Chef. Die Asozialen sollen also auch gewinnen? Wie das? Deren Gehirne würden durch Alkohol völlig leer, bekennt er. „Iman“, Glaube sei wichtig, wobei er nicht auf sein Gehirn sondern auf seine Brust zeigt, und die vertikale Ausrichtung auf Gott. Erschreckend blasphemisch sein Argument, die Regierung sei Stellvertreter Gottes auf Erden. Höre ich nicht zum 1.Mal. So wie andere Intelligenzia aus Java, Sumatra und Bali hat auch dieser Indonesier festgestellt, daß viele Minahasa „sombong“ (aufgeblasen, eingebildet, angeberisch), heißblütig und uneinsichtig sind. Und als ich betone, wie sehr mich indonesische Kultur interessiere, findet er auch, was hier ablaufe, sei keine. Was sei denn der Sinn dieser exzessiven Lautstärke, frage er sich, wenn nicht Zeigen-wollen, was man kann. Schon die westliche Moslem-Provinz Gorontalo kenne keinen Party-Lärm nach 22:00. Und als er eine Fest-Genehmigung unterschreibt, die ihm zwischendurch von einem weiteren Polizisten gebracht wird (heute wieder open house), weist er demonstrativ darauf hin, daß „disko“ darin ausdrücklich verboten sei. 2 Nächte später Disco-Gehämmer bis morgens 1:30 – vielleicht sogar von dem genehmigten Fest.
Übrigens trafen die Polizisten mit ihrem Kleinlaster ein, der immer noch blanke Reifen hat. Das Geld, das wir für neue spendeten, hat der letzte Polizei-Chef für sich verbraucht.

Das Foto zeigt Exemplarisches für Dummheit und Ineffektivität: Da hat einer bei der Kopra-Produktion sein eigenes Haus abgefackelt, und die Feuerwehr kam zu spät.

3 Gedanken zu „Win-win

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