Unter Hundefressern IV.5

Welli, Aaltjes Klassenkamerad, lebte mit Eltern und Geschwistern auf einem groβen Grundstück an einem der Stichwege von der Dorfstraβe nach Norden. Seine Schwester hatte einen Freund bei der Guerilla, war dann aber nach der Invasion mit einem Soldaten liiert. Die Permesta hatte diese Familie vielleicht nicht nur deshalb im Visier. Eines Nachts hörte man eine wüste Schieβerei. Die Widerstandskämpfer waren vor dem kleinen Holzhaus erschienen und hatten nach kurzem Wortwechsel den Vater erschossen. Die Mutter rannte, gefolgt von der Tochter, laut um Hilfe schreiend aus dem Haus, und beide wurden ebenfalls niedergeschossen. Als die noch im Haus verbliebenen Söhne die nach ihnen Suchenden hörten, nahm der ältere einen Stuhl, stieβ ihn mit lautem Getöse durch die Fensterläden und warf ihn nach drauβen. So nahmen die Guilleros an, daβ die Brüder hinausgesprungen waren und schossen blindlinks in die Nacht.
Später stürzte Wellis Bruder von einem langsat-Baum und wurde von den Bambusspitzen des Grenzzauns aufgespieβt. Deshalb blieb Welli als einziger übrig. Für Aaltje war dessen Haus immer ein Geisterhaus.

In Kawiley muβte ein arabischer Stoffhändler, der von Markt zu Markt zog und als Spitzel arbeitete, vor seinem Haus auf die Straβe treten, wo er von Permesta erschossen wurde. Auch in anderen Dörfern wurden Verdächtige hingerichtet. Zum Beispiel ein Moslem, der oberhalb Kauditans an der Straβe nach Bitung wohnte. Wenn Menschen nachts abgeholt wurden, bedeutete das oft, daβ sie von den Regierungssoldaten irgendwo im Busch umgebracht wurden. Dies wagte aber niemand offen zu sagen, sondern es hieβ dann: „Der ist nicht mehr da“, oder „der ist übergelaufen“ oder „im Gefecht vom Feind erschossen“.
Der Widerstand hielt stellenweise noch bis 1961 an. Im Süden Sulawesis kämpften javanische Truppen, bis 1965 Kahar Muzakkar schlieβlich getötet wurde.

Im Laufe der Jahre fraternisierten die Dorfbewohner mit den immer seltener ausgewechselten und langsam abziehenden Soldaten, von denen sie auch durch Dosennahrung aller Art unterstützt worden waren. Manche blieben für immer und wurden Fischer in Kema.
Ein Toraja, der Langie sehr ähnlich sah, aber gröβer war und helle Haut wie ein Manadonese hatte, kam öfter ins Haus, weil Aaltje ihn angeblich an seine kleine Schwester erinnerte. Aaltje lief dann immer weg, und die Mutter schalt sie:
„Was hast du denn? Der ist doch ganz nett. Er sagt doch nur, daβ du wie seine Schwester aussiehst.“
„Ja, das sagt er nur!“
Vielleicht meinte er das auch so, aber wahrscheinlich war er verliebt, was Aaltje ausschlieβen wollte, weil sie einfach noch nicht so weit war. Sie haβte es schon, auf dem Schulweg an der Funkstation mit der hohen Antenne, wo er wohnte und als Fernmelder arbeitete, vorbeigehen zu müssen.
Jeden Morgen war Appell auf der Dorfstraβe. Groβer Appell jeden Montag. Dann stand die komplette Besatzung die Straβe entlang, fast über die gesamte Länge des Dorfes. Und Aaltje muβte die Parade abnehmen, um in die Schule zu gelangen. War der Hauptmann noch nicht erschienen, und saβen die Soldaten noch wartend am Straβenrand, waren die Blödeleien, Anzüglichkeiten und das Gelächter noch schlimmer. Wie in einem Spieβrutenlauf ging Aaltje dann mit gesenktem Kopf an den meist jungen Burschen vorbei. Nach Möglichkeit suchte sie Deckung hinter ihren männlichen Schulkameraden.
Als sie ungefähr 11 war, ging sie mit einer Freundin zur Schule, die in einen Javaner verliebt war, der sie auch später heiratete, und die es geradezu darauf anlegte, beim Appell von ihm gesehen zu werden. Daraufhin weigerte Aaltje sich, mit dieser Freundin weiter gemeinsam zu gehen.
Gegenüber wohnte der Hauptmann und hatte eine javanische Ordonanz. Dieser etwa 25jährige Soldat war zwar nett, besaβ jedoch eine düstere Haut und O-Beine. Aber wenn er lachte, zeigte er immerhin schneeweiβe Zähne. Auch er war in Aaltje verliebt und behauptete ebenfalls, so eine kleine Schwester zu haben. Wahrscheinlich litt er unter Heimweh.
Die hübsche Lintje, die Tochter von Oom Pauls Schwester, heiratete den bösartigen und gefürchteten Legi, der, weil er vor nichts zurückschreckte, zweimal degradiert wurde und so, anstatt Leutnant zu werden, nur seine 3 Streifen behielt. Er war ein schlimmer Typ, und Lintje lieβ sich, nachdem sie 2 Kinder von ihm hatte, scheiden. Ihr Sohn fing später an, Heroin zu spritzen und wurde nach einem Radikalentzug wahnsinnig. Danach saβ er nur noch halbblöde herum. Lintje zog mit einem Chinesen zusammen.
Oom Pauls Tochter Ida heiratete einen Hauptmann und wohnte in Bandung. Dagegen hatte Aaltje genug von Uniformen. Die Permesta mit ihren Kopftüchern und zerlumpten Uniformteilen erweckten bei ihr eher Sympathie, weil sie nur überleben wollten. Sie benötigten Essen, um den Tag zu überstehen. Doch beim Anblick von mit Helmen, Ranzen und Waffen gut ausgerüsteten Soldaten zuckte sie zusammen. Militär verkörperte eine bedrohliche Macht, der sie sich hilflos ausgeliefert fühlte, und selbst wenn sie später in Deutschland eine rote Ampel übersah und von freundlichen Polizisten gestellt wurde, überkam sie die Angst. Verehrer in Uniform hatten bei ihr keine Chance, und vielleicht zog sie deshalb mit 16 Jahren einem Polizisten, der sie abends zu einem Fest begleitete und ihr überaus hartnäckig den Hof machte, plötzlich den geladenen Trommelrevolver aus dem offenen Holster. In einer Schreckreaktion griff der junge Mann nach seiner Waffe und zog, so daβ Aaltjes Finger am Abzug einen Schuβ auslöste, der nur knapp an seiner Hüfte vorbei in die Botanik ging. Da rief er entsetzt:
„Ach, was gruselt mir, liebe Aaltje! Ja, nun weiβ ich, was Gruseln ist.“
Vielleicht hat er auch was anderes gerufen.

Ein Gedanke zu „Unter Hundefressern IV.5

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s