Unter Hundefressern IV.4

Petrus-Rarung-Bueste

Solange der Kampf mit den in die Berge geflohenen Permesta-Einheiten nicht beendet war, herrschte ab 18:00Uhr Ausgehverbot. Die Bauern muβten daher rechtzeitig von ihren Feldern zurück sein, bevor die ins Dorf führenden Wege mit durch Stolperdrähte auslösbare Sprengfallen versehen wurden. Manchmal hörte man Explosionen, die auch durch Tiere verursacht sein konnten. Der Vater eines Schulfreundes von Aaltje wurde von solch einer Mine zerrissen, nur weil er ein paar Minuten zu spät von seinem Reisfeld heimkam. Die Angehörigen muβten seine Reste aufsammeln. Dessen Witwe heiratete später einen javanischen Soldaten und wurde nach Java mitgenommen.
Die Existenz von Spitzeln und die Tatsache, daβ viele Familien Verwandte bei den Widerstandskämpfern hatten, führte zu einer Atmosphäre des allgemeinen Miβtrauens. Jeder, mit dem man irgendeinen Streit wegen eines Grundstücks oder aus Antipathie hatte, konnte einen denunzieren. Aaltje lernte, nichts zu sehen, nichts zu hören und nichts zu erzählen. Vieles tat man gar nicht erst, um nicht in Verdacht zu geraten, die Permesta zu unterstützen. Besonders problematisch war die Arbeit auf dem ladang in den Bergen. Wer dort mit seinem Bündel hinaufging, nahm nur die notwendigste Tagesration Essen mit, die bei Kontrolle durch Regierungssoldaten nicht den Verdacht erregen konnte, jemanden im Dschungel zu versorgen. Es wurde auch kontrolliert, was man alles wieder ins Dorf zurückbrachte. War man trotz aller Vorsicht doch in Verdacht geraten oder denunziert worden, drohte die nächtliche Abholung ins Verhörhaus. Dafür hatte das Militär kurz vor der Kreuzung ein traditionelles Haus im Erdgeschoβ zwischen den Ständern ausgebaut und mit Zellen für Verdächtige versehen. Der Chef des Ermittlungsdienstes, der die Befragung vornahm, war ein berüchtigter Schläger, vor dem alle Dorfbewohner Angst hatten. Oft konnte man die Schreie der tage- oder auch wochenlang dort Festgehaltenen hören.

Lange vor der Invasion war Aaltje einmal mit Dorfkindern zum pacoba-Sammeln losgezogen. Dazu hatte jedes Kind einen etwa 50cm langen Bambusbehälter umgehängt, in den die tischtennisballgroβen Früchte hineingestopft und mit einem Stöβel zermanscht wurden. Zur Hälfte wird das Rohr mit rotem Zucker gefüllt, mit den reifen Früchten zu einem Brei vermischt und dann tagelang genascht, weil er so gut schmeckt. Anschlieβend hat man tagelang Verstopfung. Bei Aaltje dauerte diese über eine Woche, so daβ ein dukun benötigt wurde, nachdem auch eine halbe Flasche Kokosnuβöl nicht geholfen hatte. Der Medizinmann Petrus Rarung war ein netter Mensch, der den Vater oft besuchte. Er holte aus seinem Gürtel einige pflanzliche Substanzen, schabte davon ein wenig mit einem geweihten Dolch ab, vermischte es mit Wasser und sprach Zauberformeln. Aaltje muβte alles auf einmal trinken, und keine Stunde später rannte sie schleunigst runter zu dem Loch, das ihre Mutter schon mit Hacke und Schaufel gegraben hatte. Sie entleerte sich scheinbar endlos, dabei von der Mutter gehalten, und diese muβte schnell noch ein zweites Loch graben.
Dukun Rarung war gleichzeitig tonaas und Bürgermeister von Kauditan. Vom Militär verdächtigt, immer noch mit der Permesta in Verbindung zu stehen, beteuerte er, für die Sicherheit des Dorfes zuständig zu sein und deshalb dieses nicht in Gefahr bringen zu wollen. Auβerdem war er in der Öffentlichkeit viel zu bekannt, um unbemerkt Kontakt mit den Widerständlern aufnehmen zu können. Trotzdem wurde er immer wieder nachts abgeholt und zum Verhör gebracht. Im Dorf munkelte man, daβ es ein Major auf die schöne aber unwillige Tochter des hukum tua abgesehen hatte. Wenn er im Haus von Aaltjes Vater vorbeischaute, um Dorfangelegenheiten zu besprechen, deutete er manchmal an, daβ es nicht mehr lange dauern würde, dann könne er ihn nicht mehr besuchen. Dies hätten ihm eines Abends die Vögel mitgeteilt. Er ahnte, was auf ihn zukam. Dann wurde er unter Hausarrest gestellt, ständig bewacht von einem bewaffneten Soldaten, der ihn überallhin begleitete.
Im Juli 1958 wurde Rarung eines Nachts zu einer Aktion im Guerillagebiet abgeholt, um den Soldaten als Scout zu dienen und ihnen die Wege zu zeigen, die die Permesta benutzte. Jede Nacht wurde ein Zug im Dorf verteilt, der dann mehr oder weniger mit dem nächtlich operierenden Feind Berührung hatte. Schon 1-2km oberhalb des Dorfes begann das Permesta-Gebiet, und es kam immer wieder zu Schieβereien.
Von dieser Erkundung kehrte der Zug ohne den Bürgermeister zurück. Die Soldaten behaupteten, er wäre bei einer Schieβerei im Feindgebiet von Permesta erwischt worden, und sie hätten ihn nicht mehr finden können.
Wegen der Gefechte saβ die Familie auch in jener Nacht im Bunker. Aaltje ängstlich auf den Boden gekauert, der Vater rauchend an der Treppe. Drauβen im Gemüsegarten war ein Draht für die Wäsche gespannt, an dem sich Rarung in alter Gewohnheit mit einer Hand festzuhalten pflegte, wenn er sich, von hinten dem Haus nähernd, bemerkbar machte. Plötzlich gab dieser Draht ein Geräusch von sich wie die Saite einer Koto, wie wenn jemand daran gezogen und wieder losgelassen hatte. Da wuβte der Vater, daβ der Geist Rarungs gekommen war, um ihnen mitzuteilen, daβ er schon „heimgegangen“ sei.
Jeder ahnte, was wirklich geschehen sein muβte, und die Bauern, die zu ihren Feldern gingen, fingen an, unauffällig im Dschungel nach ihm zu suchen. Endlich fanden sie seine Leiche, aufgedunsen und voller Würmer. Notdürftig bedeckten sie ihn mit Palmblättern, da sie ihn nicht beerdigen konnten. Einige Tage später teilte das Militär mit, sie hätten seine Leiche gefunden, er wäre von Permesta erschossen worden, die Dörfler könnten ihn holen und begraben. Man fand nur noch seine abgenagten Knochen.
Danach fing seine Frau an, merkwürdig zu werden. Sie redete vor sich hin, sang und weinte in der Nacht, wurde in eine psychiatrische Klinik eingeliefert, verstummte dort ganz und starb …

Grabplatte-Rarung

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