Unter Hundefressern IV.3

PERMESTA-Soldaten

Noch kurz vor der Landung konnte man täglich Karawanen von Dorfbewohnern ihre Häuser Richtung Norden verlassen sehen, mit Bündeln auf den Köpfen, mit ihren Kindern, Hunden, Hühnern, Rindern, zu Fuβ oder auf einem roda. Die Familie lebte schon eine ganze Zeit aus Bündeln von Hausrat, die zusammen mit drei frisch gewickelten Fackeln jederzeit für die Flucht bereitstanden. Als gegen Mitternacht der Kanonendonner einsetzte, sprang alles aus den Betten, raffte das Bettzeug zu einem weiteren Bündel zusammen, und man rannte aus dem Haus. Der Vater trug ein kleines Bündel und eine groβe Fackel, die Mutter ein groβes Bündel auf dem Rücken und ein kleines auf dem Kopf, Langie ein groβes Bündel und eine groβe Fackel und Aaltje ein kleines Bündel, eine kleine Fackel und ihren jungen Hund, von dem sie annahm, daβ er nicht so weit laufen und sich auf den unbefestigten Karrenpfaden in der Dunkelheit nicht zurechtfinden konnte.
In regelmäβigen Abständen hörte man Kanonendonner, und Lichtblitze waren über Kema zu sehen. Aus allen Richtungen strömten im Gänsemarsch Dorfbewohner mit Fackeln und Hausrat zum Klabat. An der Stelle, wo heute das Büro des hukum tua ist, lag damals ein groβer Stein, den der Klabat einst ausgespuckt hatte. Der dort stationierte Posten beschimpfte die Flüchtenden, weil sie zu laut waren und forderte sie auf, sofort die Fackeln auszumachen. Da stoben ringsum die Funken der ausgeschlagenen Palmblätter. Alle waren verängstigt. Aaltje klammerte sich an ihren Hund und dieser sich an sie. In der Hütte auf dem ladang angekommen, wurde er an einen Pfosten gebunden.
Die Plantage war ungefähr 1-2km vom Gunung Potong entfernt. Hier konnte man zwischen den Palmen Richtung Kema Stücke des Meeres und Schiffslampen erkennen. Dort erhellten in regelmäβigen Abständen Leuchtgranaten Himmel und Strand. Aaltje war fasziniert von diesem Feuerwerk und hatte gleichzeitig entsetzliche Angst vor den feindlichen Soldaten. Wie würden sie aussehen? Würden es grimmige, schimpfende Ambonesen mit pechschwarzer Haut und krausem Haar sein? Würden sie alle Kinder gleich erschieβen?

Im Morgengrauen nahmen die Vortrupps den Strand ein, gegen 6:00Uhr rollten sie schon durch Kauditan, gegen 8:00Uhr erreichten die ersten Panzer die Brücke von Kairagi. Diese einzige Verbindung nach Manado über den Tondano-Fluβ hatte die Permesta durch Sprengung unterbrochen. Notdürftig wurde sie mit Balken und Lochblechen instandgesetzt.
Manado fiel im Juni. Das Hauptquartier der Widerständler in Kotamobagu wurde erst im September 1959 erobert.

Der kampung befand sich jetzt auf den Feldern im Gebirge, denn niemand traute sich zurück. Informationen bekam man nur von den Permesta, die zu den Hütten kamen, in denen sie Verwandte wuβten. Hatte eine Familie Aktualitäten mitzuteilen, wurde das Bambus-tong-tong bearbeitet, worauf die in der Nähe lebenden herbeiströmten. Schon am Rhythmus konnten sie gute von schlechten Nachrichten unterscheiden. So wanderten die Berichte von Hütte zu Hütte.
Nach 2 Wochen schlich der Vater nachts mit einigen Kämpfern vorsichtig bis an den Rand Kauditans. Zurückgekehrt erzählte er, wie das Dorf von Soldaten wimmelte, und daβ es auch schon ganz anders roch.
Das Leben in der Hütte war reizvoll und eigenartig friedlich. Morgens und in der Dämmerung hörte man, neben den Schreien der Affen, alle möglichen Dschungelgeräusche, und fliegende Hunde jagten um die Baumwipfel. Die Hütte besaβ eine Grundfläche von etwa 3x4m. Eine Bambusleiter führte zum erhöhten Schlafplatz für Aaltje und ihre Eltern, während Langie darunter auf einer Bank schlief. Wände und Dach bestanden aus verflochtenen Palmblättern, das Gerüst aus Bambus. Vor der Hütte, aber noch unter dem weiten Dachüberstand, lag die Feuerstelle, auf der gekocht wurde. Wasser holte man, solange es hell war, in Bambusröhren aus einer kleinen Quelle umgeben von einem Bambushain, der sich ungefähr 50m unterhalb der Hütte befand. Um ganz sauberes Wasser zu erhalten, muβte man noch ein Stück weiter ins Tal hinab gehen. Auf dem ladang wuchsen die Küchengewürze, Maniok und Mais, der kurz vor der Ernte stand. 5kg Reis hatte die Familie zusammen mit Trockenfisch, Zucker und Kaffee im Bündel mitgeschleppt. In der Nähe hatte sich sogar ein Kaufmann eine Ladenhütte eingerichtet und seine Waren schon lange vor der Invasion dort säckeweise hinaufgeschafft. Der Trockenfisch, den er verkaufte, war allerdings schon so mürbe wie morsches Holz und voller Würmer. Langie schoβ zur Bereicherung der Nahrung Vögel mit dem Katapult und fing Waldratten, Schlangen, Eidechsen und Wildhühner in Fallen. Sehr begehrt waren Leguane, die so zart schmecken wie Hühnerfleisch. Ein anderer Flüchtling betrieb in seiner Hütte eine kleine Hühnerfarm, in der man Eier und Küken erwerben und diese dann groβziehen konnte.

Die Dörfler hatten etwa ein halbes Jahr seit der Invasion in den Bergen gelebt, als Flugzeuge Flugblätter abzuwerfen begannen, die dazu aufforderten, in die Dörfer zurückzukehren und das gewohnte Leben und die Arbeit auf den sawah wieder aufzunehmen. Den Rückkehrern würde nichts geschehen. Da begann man, sich zuerst zögernd aber dann in stetigem Fluβ, nach Kauditan und in die umliegenden Dörfer auf den Weg zu machen.
Je nach Gröβe der Häuser und der darin wohnenden Familien wurden Soldaten einquartiert. Im Haus von Aaltjes Familie waren es zuerst 8, deren Zahl sich im Laufe der Kriegsereignisse halbierte. Die Soldaten campierten auf der Veranda und im Wohnzimmer. Mit Seilen und Vorhängen hatte jeder den Raum um sein Feldbett abgeteilt. Über dem Bett hing das Moskitonetz und darunter lagen Gewehr, Rucksack, Essensnäpfe und andere Ausrüstungsteile. Die Familie konnte nur noch Schlafraum, Küche und die seitliche Treppe benutzen. Die hier einquartierten waren alles Javaner. In den anderen Häusern wohnten auch Bugis und Torajas aus Süd- und Zentralsulawesi. Im Nachbarhaus auf der Westseite gab es einige Ambonesen.

Die Familie war gerade erst aus den Bergen zurückgekehrt, als Aaltje eines Abends in der Dämmerung zur Quelle baden gehen wollte und die Seitentreppe hinabstieg. Aus dem Bananenhain zwischen ihrem und dem Nachbarhaus hörte sie plötzlich ein Rascheln der vertrocknet herunterhängenden Blätter, das auch entsteht, wenn der Wind durch solch einen Hain fährt. Sie blickte zur Seite und sah im Halbdunkel einen noch dunkleren Ambonesen zwischen den Stämmen stehen. Dies wäre an sich nicht weiter bemerkenswert gewesen, wenn er nicht die Hose heruntergelassen, mit dem Arm gewunken und grinsend auf seinen steifen Schwanz gezeigt hätte. Zuerst glaubte Aaltje, nicht richtig gesehen zu haben, aber er machte nochmal das gleiche Zeichen. Schnell richtete sie ihren Blick streng geradeaus, tat, als ob sie nichts bemerkte und rannte zur Quelle, hoffend, daβ niemand sonst diese Szene beobachtet hatte. Sie wusch sich so eilig wie sie konnte, rannte zurück – der Soldat war nicht mehr da – und schlüpfte atemlos ins Haus. Nie wieder ging sie so spät zum Baden. Ihre Scham war so groβ, daβ sie den Vorfall ihrer Mutter nicht zu erzählen wagte.
Neben dem Bananenhain befand sich ein unbearbeitetes Stückchen Land. Einer der einquartierten Javaner, ein kleiner, dürrer, uralt wirkender Mann bat Aaltjes Mutter, dies bearbeiten und einen Kräutergarten anlegen zu dürfen. Hier jätete der schrumplige Soldat mit einem stets leidenden Gesichtsausdruck das Unkraut. Aaltje tat es leid zu beobachten, wie ihm dabei in der Hitze Schweiβ vom Gesicht lief. Besonders hart muβte es für den Alten während des Fastenmonats Ramadan sein, den er in voller Länge durchhielt, obwohl den moslemischen Soldaten das Fasten freigestellt war. Erst ab 18:00Uhr darf man essen und trinken, und meist stand der Alte schon um 3:00Uhr auf, um noch bis 6:00Uhr morgens essen zu können.

Den niedrigsten Rang der Einquartierten hatte ein javanisches Faktotum, der dickste von allen. Der etwa 35jährige Soldat erinnerte durch Gröβe, Bauch und Nase an eine Figur aus dem javanischen Schattenspiel: Gareng, einer der beiden Söhne des Clowns Semar. Im sarong mit O-Beinen und Kugelbauch war er zwar häβlich aber lustig. Wenn er lachte, schien sein Mund von einem Ohr zum anderen zu reichen, und wenn einmal in der Woche die Gewehre auseinander genommen und gereinigt werden muβten, pfiff er dabei. Dazu hörten die übrigen Hausbewohner das Klacken der Gewehrteile hinter den Vorhängen mit den darüber gehängten Wäschestücken. Der Laufbursche muβte mittags aus der etwa 50m entfernten Groβküche – ein Zelt auf einem sonst leeren Grundstück – die Essensrationen für die Soldaten holen. Wenn dabei Aaltje seinen Weg kreuzte, und diese ein besonders ernstes Gesicht machte – um nicht den Eindruck zu erwecken, sie wolle etwas mit ihm zu tun haben – schnitt er solange Grimassen, indem er ihre Gesichtszüge nachahmte, bis sie lachen muβte. Dann zeigte er wieder sein breites Grinsen und war zufrieden. In dieser Zeit hatte man keine Angst vor den einquartierten Soldaten, weil sie eher ein Stück Sicherheit in der immer noch gefährlichen Situation des Guerillakampfes vermittelten.
Ab und zu kam der Toraja Johannes, ein Sanitäter, der in Aaltjes Cousine Uwus verliebt war, zu Besuch, um der kranken Oma eine Penicillinspritze zu verpassen: „Oma sakit!“ Dann muβte die Oma ihren sarong hochheben, um ihren riesigen Hintern zu entblöβen, was ihr überhaupt nicht paβte. War Aaltje zugegen, schalt sie:
„Kleine Kinder dürfen da nicht zusehen!“
Wenn Johannes dann ganz langsam zustach, schrie sie:
Aduh! Johannes, nicht so doll!“
„Ach Oma, ist schon fertig“, antwortete Johannes, und alle lachten. Johannes, der nicht viel sprach, war ein ganz feiner Kerl und wollte Uwus heiraten. Ihr Vater gab aber seine Einwilligung nicht, weil Johannes ein Toraja war.

2 Gedanken zu „Unter Hundefressern IV.3

  1. „Uwus hätte bestimmt 1 schönes Haus von Johannes dem Toraja bekommen“
    Abgesehen von den fantastisch traditionellen Toraja Häuser, in Süd Sulawesi…
    Ist der Funarel Sacrifice von Wasserbüffel nur in Torajaland überliefert, oder hat das einen allgemein kulturellen Sinn, in Sulawesi – oder ganz Indonesien?

  2. Die Toraja-Kultur ist in jeder Hinsicht einzigartig, auch in Indonesien. Wo sie herstammt, ist unklar. Man vermutet, aus dem Bereich Vietnam/Laos. Schlachtopfer gibt es mehr oder weniger überal in Indonesien. Im Grunde eine ritualisierte Form des Schlachtens für Feste, da man Fleisch nicht aufbewahren konnte. Bei den Moslems sind es Ziegen und Rinder, auf Bali Hähne und bei den Minahasa waren es Menschen, was man jetzt nur noch symbolisch mit Oblaten und Wein macht.
    Auffällig an dieser Geschichte: Christliche Torajas, die von den moslemischen Bugis Südsulawesis bekämpft wurden, kämpfen auf Regierungsseite gegen die christlichen Minahasa Nordsulawesis, die vorher als die „Hunde der Holländer“ das Kolonialsystem unterstützt haben.

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