Unter Hundefressern IV.2

Nach dem Luftangriff flüchtete die dicke Oma, weil nur noch schwer beweglich und zu dick für den Bunker, zusammen mit der Familie des Onkels auf einem Ochsenkarren hinauf auf die Berghänge des Klabats. Manche Dorfbewohner waren schon ein halbes Jahr vor der Invasion in die Berge ausgewichen, als dann aber nichts geschah, kamen etliche wieder zurück, besonders wenn sie ihre Naβreisfelder im Süden und deswegen einen langen Anmarsch hatten. Aaltjes Vater war nicht so ängstlich und wollte sich nach den Bekanntmachungen der Permesta richten. Auβerdem hatte er noch Bauaufträge für fertigzustellende Häuser, obwohl wegen der Bombardierungen nicht mehr viel gebaut wurde. Auch sollte seine Tochter noch bis zur offiziellen Schlieβung die Schule besuchen. Wegen der Luftangriffe auf Manado muβte Aaltje aber aufhören, zur katholischen Schule in Kawilei zu gehen und wurde nach Kauditan umgeschult. Während die anderen Klassen in der protestantischen Schule an der Kreuzung unterrichtet wurden, fand der Unterricht der 3.Klasse in der Kirche statt, die zur Hälfte aus Stein und zur Hälfte aus Holz gebaut war. Kamen die Flugzeuge, hatten alle Schüler an der Steinwand oder unter der Betonstütze der Kanzel Schutz zu suchen.
Eines Vormittags während des Unterrichts plötzlich Flugzeuggeräusche. Die Lehrerin befiehlt allen, sich sofort auf den Boden zu werfen. Flach auf dem Bauch, aber von oben und den Seiten ungeschützt, begann Aaltje langsam auf die Steinwand zuzukriechen. Schüsse aus Maschinengewehren hämmerten über ihr, Mitschüler wimmerten.
Als die Geräusche abklangen, erhoben sich die Kinder – staunend, daβ niemand verletzt war. Auf die Mitteilung der Lehrerin, hinter der Kirche seien Kugeln runtergekommen, hasteten alle hinaus, ohne dort eine einzige Spur zu finden.
Dann wurden die Schüler nach Hause entlassen. Aaltje rannte so schnell sie konnte zum Elternhaus, wo die Mutter sie schon besorgt erwartete und froh war, ihre Tochter heil ankommen zu sehen. Von da an blieb die Schule wegen der sich häufenden Luftangriffe geschlossen.

Onkel Pandi, älterer Bruder von Aaltjes Vater und verheiratet mit Tante Nimbang, bei der KNIL und jetzt Artillerieoffizier der Permesta, war im 5km entfernten Fischerdorf Kema stationiert, dem vermuteten Landungsplatz der Regierungstruppen. In den letzten Tagen war er immer seltener nach Hause zu Frau und Sohn Benny gekommen. Daraus und aus verschiedenen Bemerkungen über höchste Alarmbereitschaft schlossen alle, daβ es nicht mehr lange dauern würde. Die allgemeine Nervosität steigerte sich.
Onkel Pandis „Artillerie“ bestand aus einer Bazooka und einigen Getreuen mit Maschinengewehren. Da dies etwas karg war, um eine Invasionsflotte abzuwehren, benötigte er die Unterstützung der örtlichen Priesterschaft. Also wurden ihm im Kreis der tonaas, der „Träger“, übersinnliche Kräfte verliehen. Die tonaas sind ein Ring Geweihter, die bestimmte Lebensregeln beachten müssen. Vor den Ritualen, die bei Vollmond stattfinden, bereiten sie sich mit Reinigungszeremonien auf die Begegnung mit den Göttern vor. Sie tragen einen Tuchstreifen am Gürtel, in den mit mehreren Knoten getrocknete Pflanzenteile und andere Substanzen für verschiedene Zwecke wie eine Kette eingewickelt sind. Bei Bedarf oder in Gefahr werden davon Teile abgeschabt, im Mund mit Speichel vermischt und zusammen mit Zauberformeln zur Heilung oder Stärkung auf die entsprechenden Körperteile aufgestrichen.

Zauberguertel

Exkurs: 9-Knoten-Gürtel als Mythologie des Lebens (nach Jessy Wenas, „Sejarah & Kebudayaan Minahasa“, 2007)
Die Knoten sind paarig angeordnet. (1) und (9) enthalten Finger- und Zehennägel des Trägers und symbolisieren die Einheit des Menschen, zusammen mit Knoten (5), der Erde enthält und genau auf dem Bauchnabel getragen werden muß. (2) Saketa-Holz (weich, trocken) und (8) Rewok-Holz (hart, feucht) gleichen die soziale Stellung aus. (3) rotes Karimenga-Holz (scharf, giftig) und (7) weißes Karimenga-Holz (heilend) sind auf Konflikte bezogen, (4) Lawang-Holz (trocken wie Mehl) und (6) Wangelai-Holz (harte Wurzel) bringen das Gefühlsleben ins Gleichgewicht. Der harmonische Ausgleich von Polaritäten erinnert stark an chinesische Vorstellungen vom Wirken der Lebenskräfte.

Cousin Tommy hatte solch einen Gurt mit Einverständnis der tonaas von seinem Vater bekommen, weil dieser es als Prediger in der Kirche mit seinem Gewissen nicht länger vereinbaren konnte, einen solchen zu tragen. Als Tommy uns auf unserer ersten Reise nach Kauditan in Sawangan den Friedhof mit den waruga, den mit Menschenblut geweihten Grabsteinen der Ahnen zeigte, in denen die Toten hockend bestattet sind, liefen ihm an diesem Ort der Geisterkräfte Schauer über die Haut.
Auf solch einem waruga-Platz erhielt Onkel Pandi in geheimer Zeremonie magische Kräfte. Die wie Indianer mit auf die Köpfe gebundenen Nashornvogelschnäbeln, mit bunten Umhängen, Pflanzen- und Federschmuck ausstaffierten tonaas holten ihn in einer Vollmondnacht mit Fackeln ab, die aus zusammengebundenen Palmblättern bestanden. Er muβte sein Hemd ausziehen, und der Oberpriester schlug ihm mit einem dünnen Zeremonialschwert auf die Taille. Wäre dabei eine Wunde entstanden, so hätte dies als Beweis für seine Unwürdigkeit oder mangelhafte Vorbereitung gegolten. So aber wurde er unverwundbar und Mitglied des Rings der Priester. Den verliehenen Gurt zeigte er ungern. Einmal sah Aaltje diesen zufällig, als Onkel Pandi sein Hemd vor dem Baden ablegte.
Wie zu erwarten war, konnte er mit seiner Bazooka die in der Bucht von Kema am Horizont erscheinende Invasionsflotte nicht aufhalten. Deshalb setzte er die von den tonaas verliehene Geheimwaffe ein: Mit einer weit ausholenden Armbewegung schickte er Tausende und aber Tausende von Bienen den Angreifern entgegen – um sie zu zerstechen und zu vernichten. Wenn auch diese Magie offensichtlich nicht die gewünschte Wirkung erzielte, so stach doch immerhin sein letzter Trumpf: Als nach Beschieβung der Landungszone die ersten javanischen Soldaten im Morgengrauen den Strand betraten, war Onkel Pandi tatsächlich unsichtbar geworden …

Ein Gedanke zu „Unter Hundefressern IV.2

  1. Pingback: Der Sohn des Veteranen | Flaschenpost

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s