Sosialisasi

TMMDemo

„Das Leben hat einen echten Reiz; es ist der Reiz des Spiels. Aber wenn es uns gleichgültig ist, ob wir gewinnen oder verlieren?“ Charles Baudelaire (1821-1867)

Es iss gelebter Surealismus, was ja das eigentliche Ziel war. Zuerst wird imma gebetet. Es nützt zwar nix, hat auch nix mit dem Thema zu tun, und wenn man Glück hat, isses schnell vorbei. Hat man Pech, und alle Glaubensrichtungen müssen in Form eines Kettengebets oder als hysterisches Ekstase-Happening vertreten sein, kann es 1Std. dauern, bevor man zum eigentlichen Zweck einer öffentlichen Veranstaltung gelangt: Angekündigt war ein Vortrag des Oberstleutnants, der mich kürzlich aufgesucht hatte, zum Thema öffentliche Sicherheit im Rahmen des TMMD-Programms (Tentara Manunggal Masuk Desa = Das Militär vereinigt sich mit der Bevölkerung. Wir werden in 10 Monaten einen scharfen Blick auf die Geburtenstatistik werfen!). Was tatsächlich in unserem Dorfgemeinschafts-Haus 1 Std. verspätet begann, war der Vortrag eines 35jährigen, sympathischen und intelligenten Polizeioffiziers (Javaner mit Jurastudium) zum Thema Verkehrssicherheit. Die liegt im argen und immer mehr Motorradfahrer tot auf der Straße, was eindrucksvoll an die rosa Wand gebeamt wurde. Die Verkehrsregeln sind eigentlich wie in D auch: Nich 5 auf 1 Motorrad, auf der richtigen Straßenseite fahren, nich beliebig auf der Fahrbahn parken, nich den knalpot frisieren, Führerschein, Versicherungsnachweis und Helmpflicht, keine Medikamente und Alkohol, nich während der Fahrt telefonieren. Gegen all das wird ständig von nicht nur jungen potentiellen Selbstmördern massiv verstoßen und weinerlich lamentiert, wenn sie erwischt werden. Das sei doch alles zu hart für die armen Wilden („human error“), so einer, der aus eigener Schuld sein Bein ruinierte, in der anschließenden Fragestunde. Der Offizier forderte stattdessen, das Gehirn zu aktivieren und sich mal das, was man im Straßenverkehr anrichte, aus der Perspektive des Gegenübers und möglichen Opfers zu betrachten. Auch wußte der Mann, daß reine sozialisasi wenich bringt, wenn da nich ein Strafenkatalog dahintersteht. Das Verblüffendste an dieser Veranstaltung war mal wieder, daß die progressive Regierung Indonesiens all das erkennt und verändern will, was ich hier in meinem isolierten Guerilla-Kampf auch zu erreichen versuche, nur funktioniert die Exekutive nich. Entschuldigend wurde vorgetragen, daß die Dienststellen meist überlastet und die Beamten keine Roboter seien. Verblüffend auch, daß sich alle ~50 Anwesenden mit Namen und Adresse in eine Liste eintragen sollten, die Namen der Fragesteller wurden extra notiert und alle fleißig von Polizei- und Militär-Fotografen geknipst. Das stelle man sich mal in D vor!

Natürlich war die Soundanlage zu laut und falsch eingestellt und gab ein ständiges Rückkoppelungs-Brummen von sich. Aba das iss ja selbstverständlich, brauch ich also ganich zu erwähnen. Ich stell mir imma vor, wenn ich in D zu solch einer kleinen Gruppe in einem Raum mit guter Akustik reden müßte und zuerst fragen würde: „Wo iss das Mikrofon?“ Ich hab hier schon so viele technische Moden erlebt. Es begann mit den Megasound-Anlagen, gefolgt von Computern, die zu Laptops mutierten, parallel zur Handphone-Tsunami, und aktuell sind wir gerade bei der Beamer-Welle. Was wohl als nächstes kommt? Elektrische Zahnbürsten mit USB-Anschluß?

Ein Gedanke zu „Sosialisasi

  1. Pingback: Ora et labora | UNGEMALTES

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s