Kurz vor & nach Sonnenuntergang

Guido-&-Keren

„Das Leben zu Papeete wurde mir bald zur Last. Das war ja Europa – das Europa, von dem ich mich zu befreien geglaubt hatte! – und dazu noch unter den erschwerenden Umständen des kolonialen Snobismus und der bis zur Karikatur grotesken Nachahmung unserer Sitten, Moden, Laster und Kulturlächerlichkeiten.
Sollte ich einen so weiten Weg gemacht haben, um das zu finden, gerade das, dem ich entflohen war?“ Paul Gauguin, „Noa Noa“

Zwar iss hier nie Frühling, doch wird geheiratet wie wild, oft auch eilich. Allein 2 Einladungen diese Woche. Und wenn es sich um Reiche handelt, aufwendig gedruckt wie Bücher, daß man damit die Hütten der Armen ausbessern könnte. Sogar das Englisch stimmt, nicht aber die Quellenangabe „1 CHORINTHIANS 13:8A„. Paulus 1. Brief an die Korinther enthält kein „A„, außerdem isses Vers 13:4-8. Den dort aufgeführten Lobpreis der Liebe zitiere ich ganich erst, weil sowieso erlogen („Die Liebe vergeht niemals.„). Und gerade diese Einladung „prahlt“ und „bläht sich auf„, obwohl der junge Mann irgendwie unglücklich wirkt – 2Std. vor Sonnenuntergang. Ich versteh auch nich, wieso der Bilderrahmen leerbleibt. Man hätte doch wenigstens ein Foto des miteinladenden Politikers reintun können, der sich gerade im Visier der Anti-Korruptions-Behörde befindet. Oder eine der Schwiegermütter. Und hätte ich Uhr und Rahmen so an die Köpfe geklemmt – AUWEIA! – das hätte wieder Ärger gegeben.

Während sich im besten Hotel Manados High Society in einer überpompösen Zeremonie (2 Großleinwände, 2 Beamer, ferngesteuerte Decken- und Kran-Kamera, Laserlichtkanone) im Kardashian/Humphries-Style spiegelte, was mein Vater als „Aufreizung zum Klassenhaß“ kommentiert hätte, zog ich durch die nächtlich schwarze Stadt. Ich sah einen Mann aus dem Kloakengraben Wasser schöpfen und damit den Platz vor einem Restaurant spülen, eine blinde Bettlerin lehnte mit geschlossenen Lidern an einer Gassenwand, eine häßliche Papua-Frau lächelte mich an, und als ich in das Obergeschoß der Mega-Mall gerolltreppt wurde, bewegten sich zeitlupich unter mir im Atrium auf weißem Laufsteg eine beschleppte, schwanenhafte Prinzessin, begleitet von einem ebenso weißen, behandschuhten Wilden. Hochzeitsmodenschau! „König und Königin für 1 Tag“. Weichlich schrie dazu ein schwarz gekleideter Conferencier ins Mikrofon, und die (alp)traumhafte Musik ließ noch die Stühle im Restaurant des 3. Stockwerks vibrieren.
Es gibt kein Entrinnen.

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