Blutgeruch

Risiko

Nachruf:
Durch einen tragischen Unfall wurde einer aus unserer Mitte gerissen – allseits vermißt. Mit seiner hoch gewachsenen Gestalt, seinen langen, grauen Haaren ein auffälliger und unvergessener Bewohner unseres Dorfes. Er, der Studierte, kümmerte sich zusammen mit seiner Frau, gerade ernannte Kirchengemeinde-Vertreterin, um alt und jung, gab jedem, ohne sich viel Sorgen um das Morgen zu machen. Als ehemahliger Leiter der Brigade Manguni wurde er mit paramilitärischem Zeremoniell beigesetzt, geehrt auch durch die Dorfregierung, der er als Mitarbeiter zeitweise angehörte, und sogar der Regierungspräsident erschien. Gefüllt war der Lorong Jerman mit Trauernden von nah und fern. Nicht nur die zahlreichen Verwandten waren bestürzt, vor allem sein umfangreicher Freundeskreis drückte tief empfundene Trauer aus.

Nachruf (2.Version):
Ein Lebemann. Was sein Leben strukturierte, war der Alkohol. Ich kann mich noch gut erinnern, wie oft ich ihn weit nach Mitternacht durch die Fenster-Lamellen im Rattenloch beobachtete, wie er sich im Suff mitten auf der Straße wälzte, umgeben von den jungen Lumpen des Dorfes, für die er eigentlich zu alt war, doch trank er nicht gerne alleine. Angeblich wollte er jene von der Straße bringen, weshalb er sie auch in seinem Betrieb beschäftigte, doch viele Dorfbewohner wären schon zufrieden gewesen, wenn er sich nicht als schlechtes Beispiel aufgeführt hätte.
Seine dunkle Vorgeschichte wurde durch den Spitznamen „Ninja" charakterisiert. Im Alter ging er nur in Schwarz, meist mit einem Cowboyhut bedeckt. Die Brigade Manguni, diese schwarz gewandete, nationalistische SA, entzog ihm die Leitung der örtlichen Untergruppe, weil er Vereins-Gelder verschwinden ließ. Trotzdem spendierte sie das Formalin für seine Leiche.
Sein Studium beendete er nicht, arbeitete stattdessen als Tischler und Zimmermann. Dann verkaufte er die Werkzeuge seines Vaters und soff nur noch. Seine Frau, Beamtin (weshalb der Regierungspräsident erscheinen mußte), animierte er, eine betrügerische Kooperative für Lehrer zu gründen. Sie sammelte Grundstückspapiere der Teilnehmer ein, belieh jene – und verbrauchte den Kedit selbst. Plötzlich entstand in einem alten, traditionellen Haus eine Paletten-Produktion. Bevor diese etwas einbrachte, wurden 1 PKW, 1 LKW, 2 Kühlschränke (1 nur für Getränke), TV und neue, unangemessen luxuriöse Gardinen gekauft. All das verschwand dann nach und nach wieder, und er baute einen Schuppen zum Billard-Spiel für die Lumpen des Dorfes. Als dieses unheilige Duo endgültig bankrott war, sah das Grundstück, das sie mietfrei bewohnten und dafür pflegen sollten, wie nach einem Taifun aus. Den Müll hatten sie immer aus dem Obergeschoß an den Straßenrand geworfen. Als er kürzlich aus dem Haus gewiesen wurde, stellte sich heraus, daß er mit der Strom-Bezahlung über 1 Jahr im Rückstand war. Da die staatliche Strom-nicht-Versorgungs-Gesellschaft PLN in solch einem Fall nach 3 Monaten den Zähler abbaut, hatte er offensichtlich mit der PLN-Mafia zusammengearbeitet.
Um Holz für seine Palletten-Produktion zu beschaffen, fällte er alle größeren Bäume der Umgebung, auch welche, die ihm nicht gehörten. Bäume fällen ist eine der schnellsten Arten, zu Geld zu kommen – bis keine mehr übrig sind. Der letzte hat ihn dann gefällt.
Da gerade die Kirchenvorstands-Wahl seiner Frau anstand, die sich wegen Betrugs im Untersuchungsverfahren befindet, sollte seine Beerdigung erst 3 Tage später erfolgen. „Das wird stinken", meinte meine Frau, die in D als Krankenschwester gearbeitet hat. „Bei einem so zerschlagenen Leichnam reicht es nicht, gepanschtes Formalin in den Bauch zu füllen." Damit hatte sie recht. Er quoll auf, stank und mußte vorzeitig beerdigt werden. Während der Totenfeier sorgten seine Saufkumpane für Kontinuität: Die Disco-Musik war so laut, daß Sperrholzwände und Glasscheiben der Umgebung vibrierten. Hat sich jemand beschwert? Nein, die Betroffenen beklagten sich nur bei UNS.

Nachruf II:
Auch die Rettungstrupps, die im Nebel nach Überlebenden eines Hubschrauber-Absturzes hier ganz in der Nähe am Vulkan Dua Sudara suchten, konnten sich auf ihre Nase verlassen. Der Blutgeruch der verstreuten Leichenteile führte sie im Dschungel des Berghangs zu der Unglücksstelle. Den einzigen noch Lebenden von 10 abgestürzten Mitarbeitern einer Goldmine in Halmahera fanden sie in einem Baum hängend. Er verstarb unterwegs zum Krankenhaus. Ein anderer Leichnam wurde vermißt, einer von 4 Australiern, dann in den Trümmern lokalisiert, weil sein Blackberry klingelte. Es war seine Frau, die anrief, wohnhaft in einem Nachbardorf und im 7. Monat schwanger.

3 Gedanken zu „Blutgeruch

  1. Pingback: Schwarz | Flaschenpost

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s