Kleine Tensilogie

Die wenig intensive Schwester im ICU folgt meinem suchenden Blick: Der Tropf läuft nicht mehr. Sie kontrolliert alles, drückt am Schlauch rum, kann den Fehler nicht finden und holt Hilfe. Ein Mädchen erscheint, kuckt kurz nach oben und stellt fest, daß der Beutel leer iss.

Epie, die rechte Hand der Anstaltsleitung, hat schon 2x D besucht, weiß also was gut iss. Sie spricht sogar etwas deutsch. Dort bewunderte sie Ordnung, Sauberkeit und Disziplin. Schon wenn man die Grenze nach Frankreich überquere, erscheine alles anders. Na klar, deshalb haben die ja auch alle Kriege gegen uns verloren. Epie meint, ihre Landsleute seien dumm. Das trifft zumindest auf den Architekten zu, der diese „Mutter aller Edelsteine" entworfen hat. Wie kann man z.B. mein einziges Fenster an eine übergroße Plattform angrenzen lassen, auf der sich der Troß der Kranken ein Stelldichein gibt. Auch die Handwerker, die noch Tag und Nacht geräuschvoll im Obergeschoß arbeiten, versammeln sich hier zum Suff – um 1Uhr morgens. Direkt unterhalb meines Fensters steht eine Bank, wo sich Patienten und Besucher niederlassen, um in ihre Handphones zu schreien. Kinder turnen lärmend drauf rum und versuchen durch die Scheibe in mein Zimmer zu sehen. So muß die Gardine ständig zugezogen bleiben, und es ist immer duster. Den Kühlschrank, der als Nachttisch neben meinem Bett rumsäuselt, stelle ich neben das Gästebett und eine mitgebrachte Lampe auf den eigentlichen Nachttisch, denn Leselampen sind für VIP’s nich vorgesehen – weil der Wilde nich liest. Höchstens den Sportteil der Zeitung. Den nächsten Lichtschalter könnte ich vom Bett aus allenfalls mit einer 2m Bambus-Stange erreichen. Klingel gips nich. Einfach 100 wählen und anrufen.
Ferner hat Epie festgestellt, daß die Wilden arm seien weil faul und außerdem neidisch. Neid ist international biologisch vorgegeben. Selbst meine Ziegen kennen das. Doch Schlamperei, Schlendrian, Bequemlichkeit sind Verhaltensweisen, die auch unter Asiaten sehr unterschiedlich stark verbreitet sind. Und wenn das Zimmer, in dem ich liege, utama = außerordentlich in Nordsulawesi ist, dann besteht mittelfristig keine Hoffnung. Daran würde auch die irre Idee nix ändern, die Region zu einem zweiten Jerusalem zu machen. Richtich iss, daß es überall das Wichtigste für die meist jungen, schlecht bezahlten Dienstleistenden ist, sich während der langen Arbeitszeit gut zu amüsieren, in dem man z.B. das TV in der ungedämmten Stationshalle auf volle Disco-Lautstärke stellt, so daß ich das Spiel Bayern München gegen FC „Zurich" mitanhören muß (1:0 durch den typischen Bayer Mario Gomez). Auch dürfen sie auf keinen Fall durch die Ansprüche der Klienten frustriert werden. Da ist das Tensi-Geschwader (tensi = Blutdruck), die Spritzen-Junkies, die Drücker-Kolonne der Schwestern ein eindrucksvolles Beispiel: In 6 Tagen müssen 5 neue Infusions-Anschlüsse in mich reingestochen werden, 4 in die Handrücken, so daß sich beim Beugen der Hand die Nadelspitze ins Gelenk bohrt. Als sich die linke Hand entzündet, kommt die rechte dran, dann der linke Unterarm, wo sich in kurzer Zeit eine rötliche Schwellung bildet. Eine Tensi, die wie ein massiver Teddybär aussieht und schon einen Stich versaut hat, wird nervös und zerrt wütend an meinem Arm. Dabei drückt sie auf der entzündeten Stelle auf meinem Handrücken rum – nicht ahnend, daß meine rechte Faust noch frei schwingen kann. Fehlte nich viel und ich hätte ihr eine gelangt. War in der richtigen Stimmung dafür.

Was in D 1 Schwester allein leistet, wird hier noch nicht mal von 3 Zeitlupen-Tensis geschafft. Beeindruckend die Fixer-Queen: Eine stark geschminkte ältere Frau, die mit einer Grandezza vorgeht, als ob sie früher als Stierkämpferin gearbeitet hat. Von ihrer Gehilfin läßt sie sich die Spritze vorbereiten und reichen, dann sticht sie zu. Kaum ist sie aus dem Raum, fällt das Pflaster ab.
Die Seegurke mit ihrer Seegurken-Brille ist dagegen grob unfähig. Eine Seegurken-Brille ist eine superschmale Brille, die einer von oben bis unten gleichmäßig wulstigen, kleinen Frau ohne Hals die Illusion vermittelt, sie sähe nich wie eine Seegurke aus. Beim Entleeren meines Pißbeutels rutscht ihr jener aus der Hand und verteilt den blutigen Urin auf dem Fußboden. Einer anderen Tensi fällt die Glasampulle mit der Spritzenfüllung auf den Boden, wo sie zersplittert. Einer Variante der Teddybärin zerspringt der Spritzenkopf beim gewaltsamen Einpressen in meine Armvene, und der Inhalt spritzt mir in die Augen.
Als ich schließlich jeden weiteren Versuch der Spritzen-Ausbildung am lebenden Objekt verweigere, entfernt die Teddybärin die Nadel und will den Tropf-Galgen einfach wegschieben, an dem noch meine Katheter-Spülung hängt. Da ich aber schon mit ihrer gemeingefährlichen Dummheit rechne, halte ich den Schlauch fest und kann so gerade noch verhindern, daß sie mir versehentlich den Katheter rausreißt.

Danach mußte ich wieder magenbelastende Tabletten schlucken.

2 Gedanken zu „Kleine Tensilogie

  1. Willkommen Österreich- Frisch gekocht – zur Trauma-Bewältigung !

    Die Ärzte und die Schwestern,die kriegen Dich schon hin !

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