Es piept

PIEP

Ich wachte im ICU (Intensive Care Unit) auf. Die Wilden lieben solche Übertreibungen, außerdem spielen sie leidenschaftlich gern. Das EKG-Gerät auf einem Beistelltisch neben mir war dafür ideal. Es piepte und zeigte leuchtend grüne, sich bewegende Linien. Seine Informationen bezog es durch 3 Elektroden, die man mir auf die Brust geklebt hatte. Zusätzlich befand sich um meinen rechten Oberarm eine Gummi-Manschette, die sich in einem bestimmten Intervall automatisch aufblies und mir dort die Arterie abklemmte. Dann verringerte sich der Druck rhythmisch, bis das Dingsbums wieder eine Weile Ruhe gab. Auf diese Weise rutschte es langsam am Arm herunter, der Klettverschluß löste sich, und beim nächsten Aufblasen wälzte sich die Gurke kontaktlos neben meinem Leib herum. Das fand ich OK, denn wer möchte schon auf Dauer mit so einem hysterischen Kugelfisch unterm Arm irgendwo rumliegen.
Das Piep-Ding verhielt sich anfangs gesittet, und ich achtete darauf, das Atmen nich zu vergessen, denn ich wußte aus Filmen: Wenn’s ununterbrochen piept, macht das einen schlechten Eindruck auf die Schwester. Doch hielten die Klebringe der Elektroden nich auf meiner Brustbehaarung, was zu merkwürdig dicken Linien auf dem Schirm des Kästchens führte und – schlimmer noch – zu nervigen Tönen. Also rupfte ich mir eine lockere Elektrode ganz ab. Das machte alles nur noch übler, und die Schwester kuckte schon komisch. Als sie mal wechglotzte, rupfte ich sie alle ab. Jetzt war das Ding ziemlich ruhig, piepte aber in größeren Abständen so unregelmäßig, daß es noch mehr störte. Da hab ich einfach auf den OFF-Knopf unten an dem Kasten gedrückt und hatte Ruhe. Dann fing ich an zu kotzen.
Ich hatte jegliches Zeitgefühl verloren, aber mindestens 36Std. nichts gegessen und getrunken und sollte das auch weiterhin nich tun. Da nix mehr im Magen war, kotzte ich stündlich blaugrünen Schleim – Gallensaft, wie mir meine Frau später erklärte – und als der auch alle war, würgte ich im Leerlauf. Die Schwester, die sich ohne Farbwechsel mit der Geschwindigkeit eines Chamäleons im Raum bewegte, in dem sich noch eine 2. Person (ihr Freund oder Ehemann) verbarg, konnte mir telefonisch nichts zu trinken beschaffen. Zusammen mit den Kopfschmerzen, die aus Nahrungsmangel schon vor der Operation begonnen hatten und noch 5 Tage anhalten sollten, hatte ich den Eindruck, daß hier etwas auf ganz intensive Weise schieflief. Das setzte sich solange fort, bis mir meine Frau, die in D auf einer Intensiv-Station gearbeitet hatte, etwas zu Trinken verschaffte.

5 Gedanken zu „Es piept

  1. Es piept, wie kann es sein das Du in so einer Phase Deines Lebens, noch eine Blogeintrag machst ?
    Der Mann ( Tom ) schreibt auch noch aus dem Jenseits seinen – IntensivCareUnit – Blog.
    Trotz allem, Let it shine. ( Das war ein Glücksfisch – der Goldfisch > Er bringt Dir viel Gesundheit und Wohlergehen. Gute Besserung!
    http://www.intensivcareunit.de/index.html

  2. Danke, Frank.
    Was soll ich sonst machen. Richtich arbeiten kann ich noch nich, innerlich blute ich noch so ein bißchen rum, komme langsam aus der Drogenwelt zurück – da iss das doch Trauma-Bewältigung. Herausfinden, was eigentlich passiert iss.

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