Stilvoll sterben

stilvoll

Wie immer und überall beweist der christliche Minahasa, daß er die Moderne antizipiert – so auch in der Stunde des Todes.
Auf den ersten Blick war da etwas schiefgelaufen mit der göttlichen Ordnung, und wenn bei der Beerdigung von Enjel Matthäus 19:14 zitiert wurde („Lasset die Kinder, und wehret ihnen nicht, zu mir zu kommen; denn solchen gehört das Reich der Himmel!“), SO iss das nich gemeint, daß sie dafür früh sterben sollen.

Trauer-&-Verzweiflung

Für Onya, die Mutter, gab es jedenfalls keinen Trost. Sie heulte wie ein Hund. Enjel, Nr.6 ihrer 7 Kinder, war im Alter von fast 11 innerhalb 1 Woche gestorben – vielleicht an Typhus. Großartig und von allen Heuchlern gewürdigt, daß sie, anstatt rechtzeitig ins Krankenhaus, noch in die Kirche zum Singen gegangen war. Und deshalb wird sie gemäß Johannes 11:25-26 wieder auferstehen, bloß wahrscheinlich nich im Lorong Jerman.

Sargtraeger

Ersma wurde sie in ein einfaches Grab auf dem Friedhof gepackt, den wir der Gemeinde geschenkt haben. Der 1. Sarg mußte umgetauscht werden, weil zu klein. Jeder der Sargträger bekam 1 Handtuch und alle Redner je 1 Schirm. Das iss so Sitte, nur nich, daß hier wieda das Sozialamt, Abt. Beerdigungen, aushelfen mußte, denn Papa Anceng hat die Angewohnheit, sein Geld zu versaufen. Die einzig verschalte Hauswand seiner Sperrholz-Baracke (im Foto ganz oben) stammt auch von uns.

Kindergrab

Enjel, ein feingliedriges, hübsches Mädchen mit freundlicher Art, im Sarg als Schneewittchen verkleidet. Und wenn nich die manierierten Redner mit ihrem mikrofonverstärkten, hysterischen Geschrei gewesen wären, die diesen Eingriff eines chaotischen Kosmos mit pseudointellektueller Akrobatik in ihr konfuses Wertsystem einpaßten, wäre ich noch trauriger gewesen. Aber jene neurotisch augenzuckende Popin (für Gilles de la Tourette eine Form von Besessenheit!), jene stammelnde verbeamtete Doktoranda („Da liegt sie nun. Jaa? So jung. Jaa? Und hübsch. Jaa?“ usw.) und jener gebißbeschädigte Goebbels-Imitator, der als Vertreter der Ökumene keinen Zweifel daran ließ, wo Jesus hängt, der das Mikrofon zu fressen versuchte, daß mir die Zähne vibrierten, entzündeten nur meinen Zorn. Man sagt, manche Hinterbliebene weinten nicht aus Trauer, sondern weil sie nicht wissen, wie sie die Kosten für die hypertrophierten Feiern bezahlen sollen. Allein 3 im Todesfall, und 4 Std. wie diesmal sind eher untere Grenze. „Eine Kultur des Exzesses“, wie Salman Rushdie es ausdrückte.

Von den moslemischen unterscheiden sich christliche Friedhöfe durch Müll und ästhetisches Durcheinander. Tote Moslems werden ohne Sarg, nur in weiße Tücher gewickelt, nach Mekka ausgerichtet auf die Seite in eine Aushöhlung der Grubenwand gelegt, die man mit Brettern verschließt.

5 Gedanken zu „Stilvoll sterben

  1. Ich muss gestehen, dass mich dieser Beitrag zunächst etwas befremdet hat – vonwegen Pietät und so. Bin aber dann doch deinem Link zu deiner Fotocommunity gefolgt und habe die Kommentare gelesen – was auch gut war. Es nimmt einem jegliche Befremdlichkeit. Danke.

  2. Pingback: Weekly Photo Challenge: Close « UNGEMALTES

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