Die lieben Kleinen

Fuetterung

Neulich im IT-Center: Ich stehe mit dem Rücken zu 2 rumtobenden Kleinkindern, die mich vorher lebhaft angemacht haben, und durchsuche das Angebot an illegalen PC-Spielen. Plötzlich warnt mich eine Verkäuferin, nicht zurückzutreten. Da befindet sich nämlich eine gelbe Pfütze auf dem gekachelten Boden, die ich für einen Rest Fruchtsaft der lieben Kleinen halte. Ist aber Pisse. Der Junge hat hinter mir auf den Boden gepißt. Eltern sind nicht zu sehen. Kein Einzelfall. Durch die offene Tür einer Klokabine beobachte ich einen Vater seinen kleinen Sohn haltend, wie jener auf den Boden VOR dem Klobecken pißt. Bei Verwandten pißt ein Kind auf die Kacheln des Wohnzimmerbodens. Aufgewischt wird mit der Fußmatte der Tür.

„Der Zusammenhalt der indonesischen Gesellschaft gründet sich auf dem familiären und kommunalen Leben. Die eigene Individualität ist mit denen der Umgebung verwoben, und die Kinder werden gemeinsam von den Eltern, Onkeln, Tanten und Großeltern aufgezogen; drei Generationen leben in Frieden und Harmonie unter einem Dach. Kinder, als eine privilegierte Gruppe, stehen im Mittelpunkt der Großfamilie, sie entwickeln ihre Individualität im ständigen Austausch mit ihrer Umgebung. In Indonesien leben und reisen Familien zusammen." Joop Ave (Tourismus-Beauftragter unter Suharto)

Das ist die Art wie sie sich ständig selbst auf die Schulter klopfen, Unordnung und Disziplinlosigkeit verklären. Tatsächlich findet man alle Arten von Schwächen und Leidenschaften in der Großfamilie, und während Erziehung der Kleinkinder je nach sozialer Situation bis zur Verwahrlosung fast nicht stattfindet, ist sie bei den Jugendlichen um so rigider. Und so nehmen die lieben Kleinen – von Erwachsenen kaum behindert – alles auseinander, was ihnen interessant erscheint, klettern in Restaurants über Tische und Bänke und setzen ihren Willen notfalls mit extrem schrillen Schreien durch. So wie sich im Großen der rücksichtslos Korrupte gegenüber der Gruppe durchsetzt, die Machtmißbrauch und Pseudo-Harmonie nicht zur Sprache bringen mag (vermeintliche Einstimmigkeit), so entfalten sich die kleinen Monster nach Belieben und greifen sich, was sie brauchen. Man muß gesehen haben, wie erstaunt bis hin zum Ekel sie reagieren, werden sie von Außenstehenden doch mal gemaßregelt.
Ganz extrem auch bei der Hochzeit von Tante Max. Sie sind überall dabei – je primitiver die Eltern, um so lauter – auch in der Kirche. Da gab es während der Zeremonie ein Getobe, daß selbst der Pastor ab und zu irritiert aufsah. Doch bloß niemanden frustrieren! Bevor sich das nicht schon in der Kindererziehung ändert, werden die allgemeinen sozialen Verhältnisse ein genaues Spiegelbild jener Haltung bleiben, mit der man sich solange sträubt, Ordnung energisch durchzusetzen, bis wer überkocht. Dann kann man plötzlich unseren tobenden Vorabeiter Mad dabei beobachten, wie er mit einem Stock auf seine 3. Tochter (~11) eindrischt – bis sich die Mutter schützend über sie wirft, was den Effekt gleich wieder relativiert. Auch habe ich bisher nur in Indonesien eine Mutter Steine nach ihren Kindern werfen sehen, weil jene sich der Bestrafung in der Regel durch Flucht entziehen. Mads Tochter hatte ihren Vater bestohlen. Erst als er drohte, die Handphones seiner 4 Töchter zu zerstören (ENTSETZLICH!), waren sie zur Aussage bereit. Die 3. ist allgemein für das Beschaffen von Früchten zuständig, die anderen gehören und tanzt gelegentlich auch mal nackt auf einem Fels. Leider hat weder dafür noch während der Prügelorgie mein Kamera-Zoom gereicht.

Foto © Yanto Dobat

4 Gedanken zu „Die lieben Kleinen

  1. schöner Text – entpersonalisieren, übersetzen und dem Präsidenten schicken!🙂

  2. Dem ist das wahrscheinlich schon klar. Ist so ähnlich wie in der Türkei: Die Regierung hat den Weg in die Moderne bereits erkannt und versucht ihn zu gehen, aber die Mehrheit des Volkes ist noch im geistigen Mittelalter verwurzelt. Das verlangt einen langen Prozeß der Volksbildung.

  3. aha – dann ein paar Tausend Handzettel in ein paar Tausend Briefkästen, anonym und mit Totenkopf signiert, damit sie aufmerksam gelesen werden!

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