„Schwarz" & „Weiß"

Segnung-des-Gouverneurs

Anfangs sieht es so aus, als sei „The Sunset Limited“ einer jener unverschämt-dummen Erweckungsfilme, wie ich sie ab und zu versehentlich erwische, und die in Nordsulawesi ihr ideales Publikum finden: Ein hoffnungslos Verlorener und ein fanatischer Christ, der als Lösung den Weg zu Jesus aufzeigt. Die Bibel liegt schon auf dem Tisch. Doch dann wird in 90min Spannung erzeugt, wie sie von einem filmisch umgesetzten 2-Personen-Theaterstück wirklich nicht zu erwarten ist.
Die Vorgeschichte wird nach und nach erzählt, wobei der biographische Hintergrund der Personen größtenteils offen bleibt: „Weiß“ (Tommy Lee Jones), ein brillant argumentierender Philosophie-Professor mit Depressionen unklarer Ursache, hat versucht, sich vor den Zug „Sunset Limited“ zu werfen. „Schwarz“ (Samuel L. Jackson), Neger und Evangelist, hat „Weiß“ davor zurückgehalten und in seine heruntergekommene New Yorker Slum-Wohnung mitgenommen, wo sie bis zum Morgengrauen diskutieren. Das ist alles. Keine Chance auf Kassenerfolg, aber darauf, ein Klassiker moderner Literatur zu werden.
„Weiß“: „Ich glaube nicht an Gott. Kannst du das verstehen? Schau dich um, Mann! Kannst du’s nicht sehen?“
„Schwarz“, laut und temperamentvoll, hat klar die Oberhand. Er wirkt sicher, zuversichtlich und lebensbejahend im Unsinn, den er absondert. „Weiß“, deutlich verunsichert, verzweifelt, aber immer wieder in hochintellektueller Sprache konternd, die er für „Schwarz“ ab und zu übersetzen muß.
„Schwarz“: „Glaube ist nicht wie Unglaube. Wenn du ein Glaubender bist und endlich zur Quelle des Glaubens selbst kommst, dann brauchst du nicht weitersuchen. Es gibt kein weiter. Aber der Ungläubige hat ein Problem. Er ist angetreten, die Welt zu entwirren. Aber für jede, die er als falsch aufzeigen kann, läßt er zwei falsche Sachen zurück.“
„Weiß“: „Der Schatten der Axt hängt über jeder Freude.“
Sein Erweckungserlebnis hatte „Schwarz“ schwerverletzt im Krankenhaus: Als Gefängnis-Insasse wurde er niedergestochen, hatte den Angreifer aber vorher noch zum Krüppel geschlagen. „Hast du kein Mitleid mit ihm gehabt“, gibt „Weiß“ zu bedenken und zeigt einen gewissen buddhistischen Ansatz seiner Weltsicht. Nein, „Schwarz“ wurde von einem persönlichen Gott errettet, was ihn dazu brachte, nun missionierend auf andere einzuwirken. Die Situation in Maxim Gorkis „Nachtasyl“ scheint hier durch. Ist aber dort die Figur des alten Pilgers Luka die einzige, die eine positive Lebensform gefunden zu haben scheint, so dreht sich langsam die Situation im Film, indem „Weiß“ in Fahrt kommt: „Dein Gott muß einmal vor einem Morgen unzähliger Möglichkeiten gestanden haben, und dies hat er daraus gemacht. Du sagst mir, daß ich Gottes Liebe will? Ich will sie nicht. Vielleicht möchte ich Vergebung, aber es ist niemanden übrig, um sie zu erbitten. Es gibt nur die Hoffnung auf das Nichts.“ Offensichtlich verfügt „Weiß“ über differenziertere, realistischere Ansätze, die die Selbsttötung als Ausweg einschließen. In bester sokratischer Manier verunsichert er den selbstsicheren „Schwarz“ durch Fragen so sehr, daß jener am Ende mit deutlich verwirrtem Gesichtsausdruck allein in seiner Wohnung zurückbleibt. Sieg des Nihilismus? Das kann man so nicht sagen, denn „Weiß“ wird sich im vollen Bewußtsein seines Zustandes möglicherweise umbringen, ohne zu einer symbiotischen Lebensform mit dem Nichts gefunden zu haben. Gewinner ist der Betrachter und Mitdenkende, der sich bestätigt sieht, daß es keine Phantasie-Lösungen für Lebensgestaltung gibt, sondern nur Fragen mit unterschiedlichen Antworten, die Cormac McCarthy mit seinem Buch gestellt hat, den man auch in der Nachfolge von Melville und Faulkner sieht.
„Weiß“: „Ich sehne mich nach Dunkelheit. Ich bete um Tod, wirklichen Tod. Und wenn ich mir vorstelle, ich würde im Tod die Leute, die ich im Leben kannte, wiedertreffen, wüßte ich nicht, was ich tun sollte. Das wäre der ultimative Horror, der ultimative Albtraum. Wenn ich denke, ich würde meine Mutter wiedertreffen, und alles würde von vorn beginnen, bloß diesmal ohne Aussicht auf den Tod … das wäre der endgültige Alptraum. Verdammter Kafka auf Rädern.“
Es gäbe Fragende und Zweifelnde, erklärt „Schwarz“. Der Fragende ist auf der Suche nach Wahrheit, der Zweifelnde zerstört bloß. Während ich dies schreibe, gröhlen draußen Evangelisten, die weder fragen noch zweifeln sondern sich in ihrer Ignoranz wohlfühlen, ihre kindischen Phantasien in die Mikrofone. Warum „Schwarz“ die Ungläubigen nicht einfach in Ruhe lassen könne, fragt „Weiß“. Im Kino gewinnt die Wahrheit, im Leben die Dummheit. Zufällig trägt einer der Evangelisten bei der Kollektiv-Segnung des Gouverneurs von Nordsulawesi das graphische Symbol für Verwirrung schon als Hemdmuster. Doch findet aller Spuk sein natürliches Ende. „Weiß“: „Es gibt nur die Hoffnung auf das Nichts, und ich klammere mich an diese Hoffnung.“

http://www.imdb.com/title/tt1510938/
http://www.youtube.com/watch?v=hM9esxT4GRs

8 Gedanken zu „„Schwarz" & „Weiß"

  1. SEHR viel beim Reden über Glauben geht meiner Meinung nach am Thema vorbei (ÜBERALL). Ich kann noch nicht so gut ausdrücken, was ich meine, weiß nicht mal wirklich, was ich meinen soll, hab bisher nur das Wortpaar „aktiv“ vs. „passiv“ (glauben) gefunden.

    In einem Beispiel:

    Die Eltern glauben AKTIV (schaffend, vorglaubend) an den Weihnachtsmann oder an den Storch. Das Kind glaubt PASSIV (genießend, nachglaubend) daran.

    Genauso ist es mit dem Glauben an Gott. Dass es ihn nicht gibt, sieht jeder, der die Augen aufmacht, und dass es ihn geben muss, sieht jeder ein, der sie schließt (= nachdenkt).

    Die Eltern waren also nicht so dumm, dass sie nicht wussten, dass es den Weihnachtsmann nicht gibt, sondern sie hatten konkrete Ziele. Es wäre dumm, ihnen Dummheit zu unterstellen und über sie zu lachen. Wenn einem ihre Werte gefallen, oder wenn einem andere Werte gefallen, die von anderen Glaubensrichtungen verbreitet und gefestigt werden, dann kann man nicht wirklich etwas gegen die „Gläubigen“ haben, egal, ob sie aktiv oder „nur“ passiv glauben (was auch eine große, wenn nicht noch größere Leistung sein kann). Ich rede nicht von Lärmbelästigung, das ist eine andere Geschichte.

    Je lauter die Glocken, desto leiser die Schreie: im Normalfall doch eigentlich schon, oder?

    Andererseits scheint das bei Euch so zu sein, dass die Glocken SO laut sind, dass die Schreie (der Sünden: Mordopfer, die abgestochen werden, „Haltet-den-Dieb!“-Schreie usw.) nicht leiser, sondern lauter sind? WEGEN der zu lauten Kirchturmglocken? Vorstellbar!

    Ist das so wie beim disziplinierten Zen-Mönch, der vor lauter Disziplin zum Nazi wird? Wie ist denn das?

  2. Das Grundproblem scheint mir die in der Regel enorme Differenz zwischen dem von Menschen konstruierten ethischen System und dessen unvollständiger Verwirklichung zu sein. Ob Islam, Christentum oder Buddhismus – das ist überall gleich. Was mich vor allem stört, ist die Aggressivität der Glaubenden. Sie können nicht-Glaubende nicht in Ruhe lassen, weil das anscheinend ihre Pseudo-Sicherheit gefährdet und auch die Entwicklung ihres Imperiums. Man sollte sich nicht vorstellen, daß etwa das indonesisches Christentum friedlich daherkommt, vielmehr geht es weltweit um einen Neo-Kreuzzug in moslemischen Regionen (ein überwiegend kalter Krieg). Und diese Sekten, die sich auch noch gegenseitig bekämpfen, funktionieren wie Wirtschaftsunternehmen, die dem dummen Armen zur Finanzierung absurd verschwenderischer Kirchen-Paläste die letzte Rupiah aus der Tasche ziehen. Ich vermute, daß es in Mitteleuropa wenig beachtet wird, was sich da im Pazifikraum abspielt, weil z.B. in D Christentum sowieso kaum noch ernstgenommen wird. Aber es handelt sich um neue Varianten des Totalitarismus.
    Die Glocken sind hier harmlos weil ziemlich klein, aber die Sehrlautsprecher-Anlagen der Protestanten, mit denen sie ALLEN ab morgens 4-5 ihre ganz persönlichen Gebete, Nonsens-Predigten und Christen-Pop liefern, sind echte Terror-Instrumente, wie sie vor allem totalitäre Regime verwenden. Interessant ist, daß Katholiken und Pfingstler solche Methoden ablehnen, weil es nicht der christlichen Tradition entspricht. Aber jene haben wiederum ihren eigenen Hokuspokus.
    Es gibt auch Trost: Damals meinten Hardliner, man müsse dem Ostblock Raketen gegenüberstellen. Andere sahen voraus, daß die DDR an Rock ’n Roll eingehen würde. Wir wissen heute, wie das gelaufen ist. Ich prognostiziere: Islam und Christentum werden langfristig an Facebook scheitern. Da ist der Bär los bei indonesischen Jugendlichen.

  3. da vermutest Du richtig, „Christentum in Indonesien“ wird hier (D) nicht wahrgenommen. (Ich bin nur eine Ausnahme, die die Regel bestätigt.) Hier werden wir entsprechend von den Moslems „terrorisiert“, Moscheen werden gebaut und erst neulich sagt mir so ein fanatisierter Jungspunt, mein Zuhören falsch interpretiert, dass ich mir „halt eine Scheibe von ihm abschneiden soll!“. Schnippisch-stolz. Hadschi Halef Omar war da noch sympathischer. Oder: Kara Ben Nemsi wär das nicht passiert?

    Hast Du schon mal versucht, morgens um 3 mit Supersehrlautsprechern in ihrer Sprache zu Gott zu beten, dass sie ihr Maul halten sollen, wenn andere schlafen wollen?

  4. Ich hab schon wiederholt versucht, gegen diesen Irrsinn anzugehen, und bin deswegen mehrmals mit Drohungen, Steinen, Knüppeln und Messern angegriffen worden (daß ich bisher nicht wesentlich beschädigt wurde, ist eher Zufall). Und natürlich ständen die moslemischen Darbietungen auch zur Diskussion, wenn man z.B. erstmal die fehlende gesetzliche Ordnungs-Grundlage schaffen würde, was hier völlig jenseits des Denkbaren ist. Es gibt aber einen wesentlichen Unterschied: den Gesang des Muezzin kann man – zumindest tagsüber und nicht zu nah – genießen, und man spürt die Tradition.

  5. Genau! FÜR die Freiheit der eigenen Lebensgestaltung, FÜR ungestörte Nachtruhe. Letzte Nacht gab es wieder 2 Feste bis 2Uhr morgens: 1 mit Truppenübungsplatz-Atmosphäre (Artillerie und schwere Panzer) und 1 mit dem uncharmanten Gesang besoffener Eunuchen. Wirkungskreis mindestens 2km. Die Anlieger, die nicht schlafen können, beschweren sich bei UNS – oder werfen Steine auf das Dach des Festhauses. Polizeianruf ist sinnlos, weil jene in der Regel mitsäuft und -singt. Da sowas oft mit Schlägereien endet, befinden wir uns z.Z. in einem „Anti-Sauf-Jahr“. Von oben her hat man die Probleme also teilweise schon erkannt.

  6. Sodom und Gomorra! ^^

    Die sarkastischen Kommentare dort finde ich noch schlimmer als die übertriebenen Gottesdienste.

    Der Verlust von Himmel und Hölle ist vielleicht das Schlimmste, was der Menschheit hat passieren können.

    Hierauf http://www.zeit.de/2011/01/P-Hawking bedenkenswert: dass es bei der „Glaubensrichtung der Physiker“ keine Moral mehr gibt, keine 10 Gebote, nicht mal den kleinsten Nenner (-> Hans Küng, Projekt Weltethos o. s. ä.): Was man Dir nicht antun soll, tu auch andern nicht an.

    Es geht doch meistens einfach nur darum: Wenn irgendwo jemand „Macht“ hat, dann sind auch die Schmeißfliegen nicht weit, die ihn/sie klein und kaputtreden werden, weil doch in Wirklichkeit sie, die Schmeißfliegen, die tollen Helden sind.

    „Das Schlimmste ist der Neid.“ (Hans-Jürgen Müller)

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