Meister der Konfusion

Wir kennen kein Paradies, in dem wir nach dem Tode wiedergeboren werden; hier auf Erden ist unser Paradies. Wir brauchen nicht erlöst zu werden. Wir sind erlöst. Nur müssen wir das erkennen." Suzuki holt aus einem Bücherbord ein Buch und blättert darin. Dann liest er: „Ihr Schüler, die ihr nach der Wahrheit strebt! Wenn ihr die rechte Kenntnis des Zen erlangen wollt, dann gebt acht, daß ihr euch nicht selber täuscht. Wenn euch auf eurem Wege Buddha begegnet – tötet ihn! Wenn euch die Patriarchen begegnen – tötet sie! Wenn euch die Heiligen begegnen – tötet sie ohne Zögern! Nur so erlangt ihr das Heil. Ich sage euch: Kein Buddha! Keine Lehre! Keine Ordensregel! Keine Nachweise!" (Gerhard Rosenkranz)

Auf dieser sehr ausführlichen Seite findet man weitere Beispiele der versuchten Anbiederung führender deutscher Neo-Buddhisten an den Faschismus, z.B. Martin Steinke (1882-1966) an Hitler: „Sie haben es uns ermöglicht, im Sinne der allumfassenden Lehre des Buddha zum Wohle des deutschen Volkes zu wirken, und haben dadurch zunehmende Sympathie in der mehr als 500 Millionen zählenden buddhistischen Welt gewonnen." Der Arzt Wolfgang Schumacher (1908-1961): „Es dürfte von Interesse sein, … [Hitlers] Persönlichkeit unter kulturellen und rein menschlichen Gesichtspunkten zu betrachten … Adolf Hitler ist Vegetarier und ausgesprochener Tierfreund … Tatsächlich sind auch bereits im Mai 1933 Tierschutzgesetze erlassen worden. Gewiß sind das kleine Züge im Charakterbild eines großen Mannes, aber für den Nachdenklichen sprechen sie mehr als dicke Bücher. Denn es ist sehr wichtig, daß die Ersten des Staates auch die ersten Menschen sind."

Adolf-&-Eva

Ein beliebtes Argument ist in den intellektuellen Kriegen der schon nach dem Tode Buddhas sich in 18 Schulen aufspaltenden Gemeinde, was der andere vortrage, sei gar nicht der richtige Buddhismus. Über D.T. Suzuki kann man derartiges lesen, auch über Herrigel. Suzuki selbst beurteilte Alan Watts (1915-1973), dessen umfangreiches Werk ich sehr schätze, als einen, der verschiedene Grundkonzeptionen des Zen falsch interpretiere – obwohl das ja eigentlich nicht grundsätzlich negativ ist, scheint es doch, als habe da jemand seinen eigenen Weg gefunden und sei nicht nur Mitglied in einem registrierten Verein mit Beitrags-Zahlungen. Auch hätten manche nur „partielle Erleuchtung" gehabt, was in der Tricycle-Diskussion (von Nelson Foster) sogar als Entschuldigung angeführt wurde. Wenn einer wie Alan Watts 25 Lebenshilfe-Bücher über die groβe Befreiung schreibt, muβ sein Alkoholismus natürlich ebenso erstaunen wie das Liebesleben von Sogyal Rinpoche. Buddhismus, das ist nicht nur eine weltferne Lehre sondern vor allem die Summe seiner Anhänger, und über jene gibt es manch Sonderbares zu berichten: Bei Yahoo stieß ich auf eine deutsche Buddhismus-Gruppe. Sie wurde von einem deutschen Zen-Meister geleitet, der sado-masochistische Erziehung (auch als Haus-Besuch) anbot. Auf meine Frage, was Buddhismus und Sado-Masochismus miteinander zu tun hätten, antwortete er mir, daβ ich meine buddhistischen Studien intensiver betreiben solle. Auch die Anbieter von Selbsterfahrungs-Kursen, Dharma-Teaching, Tricycle-Subscription, Retreat-Wochen, Meditations-Kursen, Vorträgen, Büchern und Meditations-Schnickschnack – also alle, die vom gewaltigen Kapital-Strom des Buddha-Business leben, sind immer bereit, diejenigen, die sich kritisch mit buddhistischer Praxis, dem Mißbrauch der Lehre, okkulten Praktiken und Anschauungen auseinandersetzen, als auf dem Ego-Trip des Noch-nicht-Erwachten zu denunzieren und stattdessen völlige Unterwerfung unter autoritäre und oft korrupte Meister zu fordern. Kritik am Allerheiligsten als eigenes psychisches Problem. Für Brian Victoria begann die Auseinandersetzung mit dem Zen-Establishment, als er sich in der japanischen Anti-Vietnamkriegs-Bewegung engagierte. Der Abt des Klosters, in dem er studierte, machte ihm im Frühjahr 1970 unmißverständlich klar, daß Victoria als angehender Sôtô-Priester und graduierter Student der Komazawa-Universität nicht in der Antikriegs-Bewegung aktiv sein könne: „Zen-Priester engagieren sich nicht für politische Ziele.“ Dieser Satz wurde zu Victorias Kôan, das ihn auf der Suche nach Antworten immer tiefer schürfen ließ und eine Menge peinlichen Schlamms aufwühlte.

Wenn es keine Gesellschaft in der Welt gibt, die die maximalen Ziele des Buddhismus erfüllen kann, dann liegt das an der Theorie selbst, die gegen die Natur des Menschen gerichtet ist und Denkfehler enthält. In fast jedem Buch über Buddhismus findet sich eine sonderbare Mischung aus bedeutender und tiefer Analyse, oberflächlichen Verallgemeinerungen und purem Unsinn auf Grund mangelnden Wissens. Schlechtes Karma als Last im Bewußtsein? Ja. Wiedergeburt? Ja, jeden Morgen. Früheres Leben als Tutanchamun? Ruf einen Doktor an! Eine spezielle buddhistische Anatomie mit geheimnisvollen Energie-Strömen? Versuch mal Medizin zu studieren! Ein okkultes System von Bewußtseins-Ebenen? Science fiction interessiert mich nicht. Kitschige Fantasien über das „Reine Land"? Ich sehne mich nicht nach goldenen Fußböden. Da gründe ich lieber meinen eigenen Buddhismus mit Anti-Dummheits-Workshops für ausgebeutete und mißbrauchte Gläubige. Man kann damit eine Menge Geld und Groupies bekommen.
Die Meister, die ich getroffen oder ausfindig gemacht habe, die Seher und Heiligen und Wahrheitsverkünder … sie waren alle Scharlatane, es gibt kein passenderes Wort für sie. Sie wollen, daß man sich ihrem Club anschließt und sie bewundert, aber vor allem, daß man sie bezahlt." (Janwillem van de Wetering, „Ein Blick ins Nichts")

real meaning

3 Gedanken zu „Meister der Konfusion

  1. Interessant, was mir Victor Trimondi schrieb:
    „Kein Zweifel – die Buddhismuskritik ist stark im Kommen! Es wird in den nächsten Jahren eine Welle davon geben, und das meiste wird aus dem buddhistischen Lage selber stammen. Die Golden Jahre für diese ‚Religion‘ sind jedenfalls passé. Das gilt übrigens auch für den Yoga. Siehe zum Beispiel: http://www.yogaservice.de/inhalt/interview-mathias-tietke-yoga-nationalsozialismus-20110312
    Zen und seine Verflechtung mit NS-Ideologien, das war ein Thema, das uns nur am Rande beschäftigt hat. Unsere Hauptauseinandersetzung galt dem Lamaismus, insbesondere dem Kalachakra-Tantra, dem zentralen Ritual des Dalai Lama. Darin enthalten ist auch der apokalyptisch-messianische Shambhala–Mythos, der insbesondere von Intellektuellen der extremen Rechten als Vision adaptiert wurde.
    Demnächst wird nun ein äußerst spannendes Buch erscheinen, welches das Interesse am Kalachakra- und Shambhala-Mythos auch bei der extremen Linken, sprich bei bestimmten Kreisen der Bolschewiki nachweist. Das Buch liest sich wie ein Thriller.“

    I was informed by a very exciting, yes thrilling and nevertheless serious book about the historical surroundings of the Shambhala myth. It exposes the hidden history of the mingling between occultism, Tibetan Buddhism and politics in revolutionary Russia and in uprising Mongolia during the Twenties. The book is called „Red Shambhala“ by Andrei Znamenski. It is in some respect the communist counterpart to several chapters from “Hitler – Buddha – Krishna” dealing with the Nazi interest in the Shambhala myth: http://www.youtube.com/watch?v=SysqtVtoWIQ

  2. Pingback: Zen und der Samurai | Flaschenpost

  3. Pingback: War Dr. Lomer wahnsinnig? | Memoiren eines Waldschrats

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