Nach hinten los

Herrigel-Zen

Zen wurde in Deutschland durch zwei mittlerweile weltbekannte Protagonisten eingeführt: Eugen Herrigel (1884-1955) und Karlfried Graf Dürckheim (1896-1988). Beide agierten als hoch motivierte Nazis. Herrigel lehrte als Prorektor an der Erlanger Universität, deren Rektor er 1945 wurde – Posten die damals nur für Parteimitglieder reserviert waren. In seinen Vorlesungen bemühte er sich darum, den Nationalsozialismus als Weltanschauung aus der Philosophie abzuleiten. 1944 verglich er in einem Artikel für Studenten der Universität Erlangen im Kriegsdienst („Das Ethos des Samurais“) die Opferbereitschaft der Samurai-Kultur mit der Haltung der Deutschen im Weltkrieg. Während seines Aufenthalts in Japan hatte er sich intensiv mit der japanischen Kultur beschäftigt und war Schüler im Bogenschießen bei Meister Kenzô Awa. Noch in seinem nach dem Krieg erschienenen Bestseller „Zen und die Kunst des Bogenschießens“ schwärmt er, daß ein Samurai „von Tag zu Tag unzugänglicher für Erschreckendes“ wird. Im Vorwort schrieb D.T. Suzuki 1953: „Der Mensch ist ein denkendes Wesen, aber seine großen Werke werden vollbracht, wenn er nicht rechnet und denkt. ‚Kindlichkeit‘ muß nach langen Jahren der Übung in der Kunst des Sich-Selbst-Vergessens wieder erlangt werden.“ Dieses „Sich-Selbst-Vergessen“ ging offensichtlich soweit, daß die Propagandisten des Zen auch ihre innige Beziehung zum Totalitarismus nach 45 schnell vergaßen. Außerdem vermeidet „der Zenist jedes Reden von sich selbst und somit von seinem Werdegang“ (Herrigel). Hätten sie sich mit der Geschichte des Zen in Japan und dessen Rezeption in Deutschland auseinandergesetzt, wären amerikanische Bewunderer Herrigels, als sie später über dessen aktive NS-Anhängerschaft erfuhren, nicht so erstaunt gewesen. Ein amerikanischer Buddhist und Fan des Buches schrieb mir, daß er erst durch meine Veröffentlichung in „Tricycle“ von Herrigels Hintergrund erfahren hatte, und ich war erst durch die Zusammenarbeit mit Brian Victoria darauf gestoßen. Ein Zen-Meister als Nazi – das schien nicht zusammenzupassen. So stellte R.J.Z. Werblowsky fest: „Und der Mann, der einen der Bestseller über Zen geschrieben hat, der eifrig jeden Zen-Enthusiasten in Erregung versetzt, war ein überzeugter Nazi und Gefolgsmann von Adolf Hitler.“ Eine indirekte Erklärung hat schon Suzuki gegeben, indem Zen so wertneutral sei, daß sich diese Richtung „mit anarchistischen oder faschistischen, kommunistischen oder demokratischen Idealen, mit Atheismus oder Idealismus, mit jedem politischen oder wirtschaftlichen Dogma befreunden“ kann. Und Arthur Koestler war der Ansicht: „Zen strahlt immer eine Faszination für eine Kategorie von Leuten aus, bei denen sich Brutalität und Pseudomystizismus miteinander vermischen …“ .… How was it possible that so many (if not all) of Japan’s leading wartime Zen masters nevertheless became such fervent, even fanatical, supporters of Japanese militarism? By now the answer should be clear – while these masters may indeed have been enlightened in terms of a ‚value-neutral‘ form of Zen meditation, they were not enlightened in terms of Buddhist meditation, i.e., the type of meditation that Buddha Śākyamuni actually advocated.“ (Brian Victoria).

Einer von Herrigels japanischen Kommilitonen in Heidelberg, der ihm Zen nahebrachte, war Ōhazama Shuei (der Himmler-Bewunderer). Beide wurden (von Glockner in „Japanese in Heidelberg”) als geborene Schauspieler charakterisiert: Herrigel „is always putting on a show and he is always calculating the effect it will have.
Mich störte an diesem in 14 Sprachen übersetzten Buch (eine um völkische Elemente bereinigte Version eines 1936 gehaltenen Vortrags) der absurd ausgedehnte Anachronismus der Methode mit einer „bestechenden Verwandtschaft mit der Technik des Gewehr-Schießens“ und deren theaterhaftes Ritual, das bis heute so erfolgreich im Film eingesetzt wird. Denn was ist die kriegerische Technik des Bogenschießens heutzutage anderes als Theater. Man kann dasselbe auch mit dem Erlernen des Staubsaugens erreichen: Anfangs 1 Jahr nur Böden saugen. Und nach 3 Jahren Wände reinigen darf der Schüler im 5. Jahr Decken saugen – was beim Absturz von der Leiter satori auslösen kann.

Crumb-unbewusst

http://www.payer.de/neobuddhismus/neobud0305.htm
http://www.trimondi.de/Zen-Buddhismus/Front.htm

3 Gedanken zu „Nach hinten los

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