Zen und die Kunst kein Japaner zu sein

Erdbebenwels

Ich weiß nicht mehr, wer die Hilfsbereitschaft der Japaner gegenüber ausländischen Touristen, die ich 1975 auch vor Ort erlebt habe, mit dem Mitleid erklärt hat, das Japaner gegenüber jenen empfinden, die das Pech haben, keine zu sein. Dies beschreibt jedenfalls eine gewisse Überheblichkeit, die für japanische Kulturauffassung typisch zu sein scheint. Meine seit langem gehegte Bewunderung hat jedenfalls in letzter Zeit stark gelitten.
Da war zuerst mein virtuelles Zusammentreffen mit dem Philosophie-Professor Brian Victoria in der amerikanischen Online-Buddhisten-Community „Tricycle". Victoria, selber ordinierter Zen-Priester, befaßt sich speziell mit der Beziehung Zen und Totalitarismus. Sein auch in D erschienenes Buch „Zen, Nationalismus und Krieg" demontiert Zen-Stars wie D.T. Suzuki und weist ein völliges moralisches Versagen des Zen-Buddhismus während des 2. Weltkriegs nach. Da ich inzwischen eine Reihe von Übersetzungen für Victoria angefertigt habe, konnte ich verfolgen, wie sich immer mehr fauliger Schlamm in dem auch in D reichlich adaptierten bushidō-Mythos ansammelte (Ich werde noch in einer eigenen Serie darstellen, wie sich im traditionellen Buddhismus nachahmenswerte Vorbilder nur schwer finden lassen.). Das war also nichts.
Victoria, fährt jedes Jahr mit einer Studentengruppe aus Ohio nach Japan, um ihnen dort Zen von innen zugänglich zu machen. Dieses Jahr plante ich, mich der Gruppe anzuschließen. Da das Angebot aber übertrieben teuer ist, wäre ich fast in eigener Regie JETZT auf Honshu und Kyushu gewesen. Das war mal wieder knapp. Daß ich die Tour nicht unternahm, lag auch an dem Film „The Cove", der mir weitere Inkarnationen des häßlichen Japaners präsentierte.
Und nun der Höhepunkt: Naturkatastrophen gehören zur Geschichte Japans, das Kernschmelzen nicht, sondern es ist Folge einer Hybris, vor der lange genug gewarnt wurde. Aber die internationalen Lügen der Industrie wurden auch von den durch die Moderne orientierungslos gewordenen Japanern begeistert aufgenommen. Aus Hiroshima scheinen sie nichts Grundsätzliches gelernt zu haben. Selbst für das extrem erdbebengefährdete Indonesien sind Atomkraftwerke immer noch Option. Und so fällt es mir wiederum schwer, für Menschen, die sich und ihre Umwelt um jeden Preis ruinieren wollen, ein besonderes Maß an Mitgefühl aufzubringen.

„Erdbebenkatastrophen sind Grund genug, um Seismologe zu werden" (Jochen Zschau, GeoForschungsZentrum Potsdam), doch einem hiesigen Wilden zu erklären, daß schon das Stampfen von Mensch und Tier Erdbeben oder zumindest Erdrutsche verursachen kann, somit also auch der Mißbrauch von Mega-Sound-Anlagen, löst nur Gelächter aus bei Leuten, die nicht mal über ein Minimum an physikalischem Wissen verfügen, jedoch in naiver Begeisterung bereit sind, mit allem zu hantieren, was moderne Technik bietet. Bisher wurde kein Wert höher als 8,9 gemessen, das sollte jedoch völlig ausreichen, um jede Idee über nukleare Stromerzeugung endgültig verschwinden zu lassen. Stattdessen stößt man eher auf eine fatalistische Einstellung, die ignoriert, daß z.B. Tokio seit 818n.Chr. durchschnittlich alle 69 Jahre (Spielraum von 13 Jahren) Erdbeben der Magnitude 8 oder mehr ausgesetzt war. Nach dem schweren Beben von 1923 konnte man also spätestens ab 2005 ständig damit rechnen.
Nun – Zen und die Kunst irgendwie vernünftig oder sogar erfolgreich zu sein – mit dieser seit den 70er Jahren grassierenden Marketing-Idee als Methode in allen nur denkbaren Disziplinen ist es wohl endgültig vorbei.

Der Holzschnitt von 1855 illustriert die japanische Legende, daß Erdbeben von Katzenwelsen ausgelöst werden, die mit ihrem muskulösen Körpern im Untergrund hin- und herschlagen. Dafür werden sie von den Göttern bestraft.

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