Sozialamt

gaenzlich-blind

Nich weil Davids Bruder den Vater unserer unerfreulichen Nachbarin erstochen hatte, als jener ihn mit der Peitsche bearbeitete, prädestinierte David dafür, uns etwa 1x pro Woche nach Manado zu fahren, sondern er war einfach hilfsbereit und freundlich. Der Minibus jedoch, den er für den Eigentümer fuhr, lag in den letzten Zügen, und so mußten wir David schließlich durch Fikri ersetzen, dessen „Milchdose" inzwischen auch auseinandergefallen iss.
David gilt als etwas „bequem", man sollte dabei jedoch sein durch einen Motorradunfall stark beschädigtes Bein berücksichtigen, welches ihn an körperlicher Arbeit weitgehend hindert. Allerdings hat er auch eine besondere Art, Projekte in den Sand zu setzen. Nachdem er nich mehr als Fahrer arbeiten konnte, folgte er dem Ruf der Freeport Kupfer-, Silber- und Goldmine in Timika/Papua, wo viele Männer des Dorfes arbeiten, weil unsere lurchige Insel halt wenig Arbeitsplätze bietet. Dort werden Minenarbeiter (für hoffnungslose Säufer zu anstrengend), Fahrer (sitzende Tätigkeit) und auch Wächter gebraucht, denn die uneinsichtigen Papuas sind richtich wild und wollen das Edelmetall einfach für sich behalten. Trotz aller Filzmaßnahmen gelingt es immer wieder einzelnen, Gold herauszuschmuggeln – man merkt das dann am Fortschritt ihrer Neubauten. Andere kommen zu Geld, indem sie als medizinisches Personal darüber entscheiden, wer gesundheitlich fit genuch iss eingestellt zu werden oder wessen Bestechungssumme zu gering.
David dagegen „lieh" sich das Geld für die Überfahrt von uns, und glaubte, den schriftlichen Test in Timika bestehen ohne lesen zu können. Deshalb mußte er danach unverrichteter Dinge zurückkehren und arbeitet nun in einer Reismühle. Dort öffnet er die angelieferten Säcke mit mehr oder weniger feuchtem Reis und breitet ihn aus, um ihn in der Sonne zu trocknen, bevor er in die Maschine kommt. 6 Säcke prall voll mit unserem Reis wurden gelb, weil jener nich richtich getrocknet wurde, was einen deutlich schlechteren Preis auf dem Markt erzielt. Mad sagte, David hätte die Säcke aus Bequemlichkeit nich geöffnet, David behauptete, der Reis den Mad lieferte, wäre so naß gewesen, daß seine Hosenbeine bis zum Knie schwarz geworden seien, und sehr wohl hätte er die Säcke geöffnet, und Mad konterte, daß David sie zuerst aba dann nich mehr geöffnet hätte. Sicha iss nur, daß 6 Säcke Reis gelb sind.

Und dann gab es immer wieder Notfälle, wo wir dem verzweifelten David aushelfen mußten. Wenn zum Bleistift sein dicker Sohn mal wieder umfiel und sich etwas brach, konnte man den armen Jungen ja nich irgendwo rumliegen lassen, nur weil David unfähig iss, seine 6-köpfige Familie zu versorgen. Und so, Rolf, wurden wir – ob wir wollten oda nich – zum Sozialamt und dienen dem Volk, ohne jemanden deswegen erschießen zu müssen. Und wenn wa nich gestorben sind, dienen wa imma noch.

Beliebt iss auch der Menschenhandel. Das iss weder für höhere Beamte noch für Popen amerikanischer Sekten ein Makel. Die ersteren verschaffen armen Schluckern illegale Arbeit im Ausland, letztere sammeln ja sowieso Schafe. Verdienen tun beide gut daran. Was mich dabei aba imma besonders erstaunt: Wie kann 1 Indonesier manchmal 1 Jahrzehnt lang illegal in Japan, den USA, Australien (und wo noch?) UNENTDECKT arbeiten, bis er auffliegt und mit Geld recht gut ausgestattet sich hier eine neue Existenz schafft.
Noch schräger ist allerdings die Versorgung der Minen-Arbeiter mit Amüsier-Frauen. Da werden dußlige Mädchen mit falschen Versprechen angelockt und finden sich dann in einem Bordell wieder. Als die Schwester Davids dessen Tochter nach Timika lockte, war in dieser Hinsicht ja nix zu befürchten. Latürnich war auch hier wieda das Sozialamt gefragt, damit das Mädchen dort ersma hinkommen und dann nich nur auf eigenen Beinen stehen sondern auch gleich ihre Familie mitversorgen könnte.
Dort allerdings sollte sie plötzlich heiraten, und als sie das nich wollte, verschwand ihr Handphone in der Nacht, und sie wurde wie eine Sklavin eingesperrt. Zum Glück bekam das ein Polizist in der Nachbarschaft mit, der David benachrichtigte. Die Eltern in heller Aufregung, nächtliche SMS an das Sozialamt, und schon konnte David nach Timika fahren, um seine Tochter aus den Klauen seiner Schwester zu retten – dachten wir. Da war die Tochter aba schon selber abgehauen, in dem sie vorher ihre Sachen in Portionen aus dem Haus geschmuggelt hatte. Nu braucht David nich mehr hin. Ob sie das Geld der Tochter schicken dürften, damit jene dort Fuß fassen kann? Klar, müssen sie uns aba zurückzahlen. Selbstverständlich. Iss gebongt.

2 Gedanken zu „Sozialamt

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