Ein wilder Mann

Pogo-selbst-1889

„Sie können Pissarro fragen, ob ich begabt bin. Die Hygiene und der Beischlaf gut geregelt, dazu die Chance, in völliger Unabhängigkeit arbeiten zu können, nur so wird es einem rechten Mann gelingen, sich aus der Schlinge zu ziehen.“ Paul Gauguin, 1888

Gauguin war ein wilder Mann, „ein Feind des Herrn und alles Wohlanständigen“ (Bischof Martin). Da man nicht gleichzeitig einen Traum und die Rentennotierungen verfolgen kann, gab er 1883 – hart getroffen durch eine Finanzkrise – seinen Job an der Börse auf und fing an zu malen. Wobei er nie zufrieden war, mit dem was er schuf. „Wenn die Menschen doch ihre Zeit nicht mit unnützen Anstrengungen und Arbeiten verlören, die nichts mit ihnen zu tun haben!“ (1892)

Die Zivilisation, in der er sich von niemandem verstanden fühlte, nannte er stinkend. Nur in den Tropen hatte er das Gefühl, wirklich er selbst zu sein. Doch waren seine ersten Eindrücke des kolonialen Snobismus und der kindlich-grotesken Nachahmerei durch die Eingeboren enttäuschend. Wieder in Frankreich lebte er mit Nina Pack (halb Inderin, halb Javanerin) zusammen, die er Annah nannte. Als sie 1894 von bretonischen Kindern in Concarneau der Hexerei bezichtigt und mit Steinen beworfen wurde, kam es zu einer Schlägerei mit mehreren Seeleuten, bei der dem Maler der Fuß gebrochen wurde. Eine Verletzung, die ihm bis an sein Lebensende Beschwerden bereitete.

Auf Tahiti war eine 15jährige seine Gefährtin.

Zuhause trug er nur farbiges Lendentuch nach Art der Eingeborenen. Er hatte eine Vorliebe für Schmuck, Ringe und farbenfrohe Stoffe, liebte leuchtende Farben im Haus und an den Möbeln, die er selbst schnitzte.

In sich sah er 2 Naturen: „den Indianer und den Empfindsamen“. Er wollte keinem Verein angehören, weil er die Freiheit, Stille und Abgeschiedenheit schätzte, und weil er sich als „nicht gesellig“ einstufte. Dabei wurde er beständig von einem Strom neugieriger Eingeborener gestört, die ihm nicht nur beim Verbrauch seines Wein-, Rum- und Absinth-Vorrats halfen sondern ihn auch wiederholt bestahlen. Nie ging er jemanden besuchen. Manchmal spielte er auf seinem Harmonium Stücke von Bach, Mozart und Schubert.

Von seiner Hütte aus sah er auf der einen Seite das Meer, auf der anderen zerklüftetes Gebirge. Die Ratten zerfraßen sein Dach, Regen und Kakerlaken zerstörten seine Bilder. „Abgesehen von der unangenehmen Gegenwart der Priester, bin ich mitten im Dorf, und doch ist mein Haus schwer zu finden, so dicht ist es von Bäumen umwachsen.“ (1901)

1898 mißglückte der Versuch, sich mit Arsenik umzubringen. „Ich habe mich im Gebirge verborgen gehalten, und die Ameisen hätten meinen Leichnam aufgefressen.“

Die fremde Sprache zu erlernen, bereitete ihm Schwierigkeiten, schon weil ihn sein Gedächtnis zunehmend im Stich ließ.

1903 wurde er zu 3 Monaten Gefängnis verurteilt, weil er sich weigerte, den korrupten Behörden der Marquesas Steuern zu zahlen, und die Eingeborenen aufforderte, es ihm gleichzutun. Schon vorher hatte er sich die allmächtige katholische Mission zum Feind gemacht.

Woran er starb, ist unklar. Die Armut, von der er immer wieder in Bittbriefen an Freunde schrieb, war es nicht. Deutlich waren sein teurer und schädigender Alkoholkonsum und auch falsche Ernährung. Quälende Ekzeme überwucherten seine Unterschenkel (gegen die Schmerzen benutzte er Morphium). In seinem letzten Brief findet sich die Zeile: „Alle diese Sorgen bringen mich um …“. Nachforschungen ergaben, daß Gauguin mit Geld wohlversorgt war, und daß er kurz vor seinem 55. Geburtstag vermutlich an den Folgen von Syphilis und Alkoholismus gestorben ist.

Neuerdings gerieten seine Bilder sogar ins kritische Visier amerikanischer Feministinnen.

„Was kümmert Sie die Meinung der Schwachsinnigen und der Mißgünstigen?… Ich bin von den anderen nicht sehr verwöhnt worden, dennoch beabsichtige ich, immer unverständlicher zu werden.“ (1889)

3 Gedanken zu „Ein wilder Mann

  1. Paul Gauguin hat sich auch vom Weihnachtsmann verabschiedet. Er sah das bestimmt als eine Art von Optimismus, gegen die Feinde des Herrn und alles Wohlanständigen. Da man nicht gleichzeitig einen Traum und die Rentennotierungen verfolgen kann, gab er 1883 – hart getroffen durch eine Finanzkrise – seinen Job an der Börse auf und fing an zu malen. Erfolg zu haben ist einen Fehlschlag nach dem anderen zu Erleben, doch dabei seinen Enthusiasmus nicht zu verlieren, egal wie die Geschichte zu Ende ging oder geht.
    „Was kümmert Sie die Meinung der Schwachsinnigen und der Mißgünstigen?… Ich bin von den anderen nicht sehr verwöhnt worden, dennoch beabsichtige ich, immer unverständlicher zu werden.“ (1889)
    Das Publikum ist so einfältig, lieber das Neue als das Gute zu lesen.( Arthur Schopenhauer )

  2. Hallo Tom, ich finde keine Emailadresse von Dir. Kuckst Du mal nach mir? Gruß, F.

  3. Pingback: Kein Leben | Flaschenpost

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