Die Wilden

Jakarta-4.10

„Critics have long accused Indonesia of having a ‚culture of corruption‘ that infects almost every level of society, undermines the integrity of national institutions and discourages all but the most determined foreign investors. But is the country also developing a culture of violence?
Such a conclusion may seem a little premature. After all, the vast majority of the nation’s 237 million people live quite peaceful lives." (Bruce Gale, „A disturbing rise in violence levels" in The Straits Times", Singapore 15.10.2010)

Horrorszenarien wie auf dem Foto sind mir bisher erspart geblieben. Eigentlich nur, weil ich mich zufällig immer gerade woanders aufhielt. So habe ich auch manche Bombe einfach verpaßt. Trotzdem sind derartige Artikel über Indonesien oft Kampfrituale bestimmter Gruppen. Einer der immer wiederkehrenden Fehler ist, Jakarta mit Indonesien gleichzusetzen. Ein anderer, die territoriale und Bevölkerungs-Gröβe nicht in Beziehung zu meist isolierten Ereignissen zu sehen. „Mob violence“? Wer gegen wen? Volk gegen Volk? Das paβt oft nicht zur ideologischen Perspektive, ein klares Gut-böse-Schema beruhigt. 13% Arbeitslosigkeit in Jakarta ein Grund zum Massaker? Wer massakriert da wen? Man muß einen amoklaufenden Indonesier erlebt haben, um zu wissen, daß das berühmte Lächeln eigentlich ein Blecken der Zähnen ist.

Nach dem Sturz Suhartos konnte man auffällig viele über die darauf folgende linksorientierte Anarchie und den Verlust der „guten alten Zeit“ jammern hören. Inzwischen gibt es ein politisch motiviertes Sukarno-Revival, in dem jener als anfänglich bedeutender Staatsmann aber nicht als letztendlich korrupter Versager dargestellt wird. Genauso könnte man über die kleinen Fortschritte schreiben, z.B. über eine fanatisch christliche Regierungs-Präsidentin, die zu 1,5 Jahren Gefängnis wegen Mißbrauchs von Staatsgeldern verurteilt wurde, und der deswegen – nach langer gerichtlicher Auseinandersetzung – die Kandidatur zur Gouverneurin verweigert wurde. Und man muß das bezahlte „Volk" erlebt haben, das solche Asozialen betend und demonstrierend unterstützt. Aber daβ eigentlich alle korrupt sind, auch und besonders die Justiz, wie der Vorsitzende der Anti-Korruptions-Kommission festgestellt hat, macht die Sache hoffnungslos und unspektakulär. Man könnte sich fragen, wie Indonesien das lösen soll, wenn auch ein so kleines und hoch entwickeltes Land wie D Probleme mit ethnischen und anderen Mobs nicht in den Griff bekommt. Doch solange die Sicht auf die „Wahrheit“ eine ideologische ist, kommt die Indonesien-Bewertung geistig einfach nicht von der Stelle, und die Nachrichten besitzen die Wirklichkeitsbeziehung von Italo-Western. Leute, die Medienerfahrung mit Lebenserfahrung verwechseln, reagieren darauf wie Pawlowsche Hunde.

So konnte man in diesen Wochen in englischen und französischen Zeitungen Kritik an der Entscheidung des Präsidenten lesen, den General Timur Pradopo (54) zum neuen Polizei-Chef ernannt zu haben. Bei genauerer Betrachtung war das nur 1 Nachricht in verschiedenen Sprachversionen aus „Reformisten"-Quellen, deren Relevanz und Legitimation unklar ist. Er wäre politisch in die Erschießung von 4 Studenten im Mai 1998 (Suhartos Sturz) verwickelt gewesen, ist der härteste Vorwurf gegen Pradopo. Möglich daß ich diesbezüglich mit meinem Kommentar, nur 4 von 280, 250, 240 oder 237Millionen sei ein nahezu idealer Prozentsatz und eine irrelevante Nachricht, seinerzeit im deutschen Lehrerzimmer heftige Aufregung bei einem in mehrfacher Hinsicht „Grünen"-Politiker und Kollegen erregte. Niemand wußte, wie sich diese Studenten, die oft keine sind, eigentlich verhalten hatten, und im Vergleich zu dem, was sich in Myanmar und Thailand gelegentlich abspielt, war das tatsächlich nichts – besonders wenn man berücksichtigt, wie Indonesien in jenen Jahren in Anarchie zu versinken drohte.
Ein weiterer Vorwurf ist, Pradopo hänge sein Mäntelchen stets in den Wind. Das ist typisch indonesisch, individuelle Persönlichkeit dagegen kein Wert, und er kann ja nun sein Mäntelchen in das Lüftchen der Reformation hängen.

Zu sagen, eine Gesellschaft funktioniere, ist eine Banalität; aber zu sagen, alles in einer Gesellschaft funktioniere, ist eine Absurdität." Claude Lévi-Strauss (1908-2009), 1949

Wilde
Illustration von Franz Graf Pocci (1807-1876)

2 Gedanken zu „Die Wilden

  1. hi Tom. wollt nur mal anmerken, dass das hier ne echt informative Flaschenpost ist. mit interessanten Beiträgen auch.

    ah, es ist gut, in englischen und französischen Zeitungen lesen zu können (H)

  2. Danke! Vielleicht haben wir uns ja einfach etwas falsch verstanden. Passiert leicht online. Alles Gute fuer 2011!

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