Kein Kuß

Bali-Love

„… der Kuß ist als Liebesbezeugung auf Bali unbekannt." schrieb Helmut Uhlig in „Leben mit Göttern" (1995). Ach du liebe Güte! Dascha hart! „Man kennt weder Komplimente noch wortreiche Liebeserklärungen. So kann es auch nicht verwundern, daß es im Balinesischen kein Wort für Liebe gibt. Die Liebe ist körperlicher Kontakt, ist Sex. Die Begegnung der Geschlechter beginnt mit dem Spiel der Finger, mit Tasten und Streicheln, und führt zu immer intensiveren Berührungen, zu immer mehr Körpernähe. Die wenigen Worte, die zwischen zwei Menschen fallen, sind sehr direkt. Es sind Fragen wie:
Kayun? Suka? Nyak?‘
Und sie zielen immer aufs Ganze:
‚Willst du? Hast du Lust, mit mir zu schlafen?’"

Wie hat Helmut das rausgekricht? Feldforschung? Paul Wirz (1892-1955) stellte in „Der Totenkult auf Bali" (Stuttgart, 1928) fest: „Der gemeine Mann weiß gar nichts, Personen der beiden mittleren Kasten in den besten Fällen nur sehr wenig, wenn sie nicht ein besonderes Interesse dafür an den Tag legen. Solche Personen gibt es, aber ihre Zahl ist nicht groß. So ist und bleibt man, wenn man auf Bali ethnologische Studien treiben will, von vornherein auf ein wenig befriedigendes Herumtasten und Suchen angewiesen, das nur selten zum gewünschten Ergebnis führt."

Claude Lévi-Strauss (1908-2009) vertrat die Ansicht, daß die Art von unmittelbarem „Dortsein", dem Dortsein der Person des Anthropologen, im wesentlichen unmöglich ist: Sie sei entweder glatter Betrug oder törichte Selbsttäuschung. Man bringt immer den Filter seiner eigenen Kultur mit.

In der Tat habe ich in einem balinesischen Theaterstück aus dem Ramayana-Epos, aufgeführt während eines Festes im Dorf Penestaan, ungewohnte phallische Direktheit beobachten können, ähnlich wie in Japan. Doch wer oder was ist hier das Maß? Wie ist „direkt" zu definieren? Handelt es sich vielleicht um Natürlichkeit, und der Beobachter befindet sich im Käfig seiner aus Sublimation erwachsenen Kultur? Typisch für aktuelle westliche Kultur ist das Zelebrieren von Gewalt, die auch durch unterdrückte Sexualität gefördert wird. In dem erwähnten Theaterstück wurde stundenlang Ästhetik zelebriert und nur in den letzten Sekunden vor Schluß die Tötung des Dämons. Aus. Überraschend unemphatisch. Vielleicht tanzen die Leute in Kuta inzwischen zu ohrenzerkrümelnder Disco-Musik und küssen sich. Auch wenn Bali ein Sonderfall ist, „cinta" für Liebe wird in der Bahasa Indonesia genauso inflationär benutzt wie in anderen Sprachen. Sagt das Vorhandensein des Begriffs „Liebe" etwas über die Qualität menschlicher Beziehungen aus? Gibt es eine traditionelle Darstellung in der mitteleuropäischen Kunst, die vergleichbar schlicht-sensibel Liebe ausdrückt wie diese balinesische Holz-Skulptur?

Der Kulturanthropologe Clifford Geertz (1926-2006) war der Ansicht, „daß alle ethnographischen Beschreibungen hausgemacht sind, daß sie die Beschreibungen des Beschreibenden sind, nicht die der Beschriebenen" („Die künstlichen Wilden", 1988).

Und so endet diese Bali-Reise ohne Kuß.

Ein Gedanke zu „Kein Kuß

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